Stand: 18.04.2016 13:04 Uhr  | Archiv

"Tausende Lehrer waren mit den Nazis verstrickt"

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Mehr als 30 Jahre lang hat Hans-Peter de Lorent für sein Buch "Täterprofile" recherchiert.

In seinem 800 Seiten starken, neu erschienenen Buch "Täterprofile" porträtiert der ehemalige Lehrer Hans-Peter de Lorent Menschen, die zur NS-Zeit im Hamburger Bildungswesen Hitlers Ideologie verbreitet und umgesetzt haben. Die Biografien reichen vom Nazi-Schulrat bis zum sadistischen Sportlehrer. Im Gespräch mit NDR.de erzählt der 67-Jährige davon, wie er es in Jahrzehnte langer Arbeit geschafft hat, Hunderte Täter ausfindig zu machen - und warum viele der glühenden Nationalsozialisten nach dem Krieg weiter unterrichten durften.

Herr de Lorent, haben Sie selbst während ihrer Schulzeit Erfahrung mit nationalsozialistisch geprägten Lehrern gemacht?

Hans-Peter de Lorent: Oh ja, wenn ich zum Beispiel an meinen ehemaligen Schulleiter in Harburg denke. Den empfanden wir damals als verknöcherten, extrem konservativen Schulmonarchen. Wenn unsere Haare länger wurden, forderte er uns auf, zum Friseur zu gehen. Alle, die politisch eher links eingestellt oder gewerkschaftlich orientiert waren, hatte er auf dem Kieker. 1968 rief ich beispielsweise als Schulsprecher dazu auf, an dem Sternmarsch gegen die Notstandsgesetze nach Bonn teilzunehmen. Die Demo fiel auf einen Sonnabend, an dem wir Unterricht hatten. Daraufhin hat dieser Mann einen wahnsinnigen Druck aufgebaut und gedroht, dass alle, die mitmachen, kein Abi-Zeugnis bekommen. Deshalb sind dann nur sehr wenige mitgefahren - und am Ende gab es überhaupt keine Strafe. Im Zuge meiner Forschungen habe ich nun herausbekommen, dass unser damaliger Schulleiter - wie so viele andere auch - eine Nazi-Vergangenheit hatte und sogar SA-Mitglied war. Nach 1945 war er zunächst lange nicht im staatlichen Dienst beschäftigt. Da wurde mir klar, warum wir uns nicht so gut verstanden haben.

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Wie kamen Sie dazu, sich mit den Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen zur NS-Zeit zu befassen?

De Lorent: In den 1980er-Jahren war ich Redaktionsleiter der Hamburger Lehrerzeitung. 1981 haben wir damit begonnen, eine Serie mit dem Titel "Schule unterm Hakenkreuz" zu veröffentlichen, weil wir festgestellt hatten, dass es zu dem Zeitpunkt noch nichts zu dem Thema gab. Die Generation derer, die den Nationalsozialismus erlebt hatten, war nicht im Stande, das zu thematisieren. Aber die Nachkriegsgeneration stellte Fragen. Anfangs haben wir bei dieser Arbeit vor allem die Perspektive der Verfolgten eingenommen. Wir haben Porträts derjenigen geschrieben, die Widerstand leisteten, aus dem Schuldienst flogen und zum Teil ins KZ kamen oder ermordet wurden. Wir beschrieben den Schulalltag unterm Hakenkreuz und widmeten uns Themen wie den ermordeten Kindern in der Schule am Bullenhuser Damm. Nachdem wir die Geschichte Opfer dargestellt hatten, fragte ich mich: Was ist eigentlich mit den Tätern?

Gab es so etwas wie den typischen Nazi-Lehrer?

De Lorent: Die glühendsten Nationalsozialisten, die an den Schulen Hitlers Ideologie verbreiteten, entstammten zwei unterschiedlichen Sozialisationen. Zum einen waren es um 1900 Geborene, die in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten der Weimarer Republik mehr schlecht als recht über die Runden gekommen waren. Die Nazis entließen zu Beginn ihrer Herrschaft in Hamburg durch personalpolitische Maßnahmen zunächst Hunderte Lehrer aus dem Schulsystem, seien es jüdische oder politisch Andersdenkende. Zudem wurden durch eine Gesetzesänderung viele früh pensioniert. Diese freien Stellen besetzten sie dann mit denen, die sich vorher von Job zu Job gehangelt hatten - und entsprechend dankbar für ihre Festanstellung waren. Der andere Typus Nazi-Lehrer waren diejenigen, die im Ersten Weltkrieg an der Front gewesen waren. Viele ehemalige Offiziere unterrichteten an den Schulen oder leiteten diese. Sie sahen mit dem Nationalsozialismus die Zeit gekommen, die Schmach des verlorenen Ersten Weltkrieges zu tilgen.

Buchtipp

Hans-Peter de Lorent / Landeszentrale für politische Bildung: "Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz". Hamburg 2016, Preis: 3 Euro.

Wie wurde unterrichtet?

De Lorent: Großer Wert wurde auf den Sportunterricht gelegt, der sehr militärisch ablief. Der gesunde Körper stand für die Nazis ja an erster Stelle. Die Jungen wurden für den Kampf ausgebildet, die Mädchen fürs Kinderkriegen. Ansonsten gab es soche Fächer wie Erblehre und Rassenkunde, im Unterricht galt meist: "Hände auf die Tische, nur wer gefragt wird, redet". Prügel gehörten zum Alltag. Wer schwach oder anders war, wurde ausgegrenzt. Zeitzeugen wie Hans-Jürgen Massaquoi, dessen Vater aus Liberia stammte, berichten davon, wie Lehrer sie im Unterricht massiv quälten und beschimpften. Den jüdischen Schüler und späteren Intellektuellen Ralph Giordano trieb die Diskriminierung eines Lehrers sogar in einen Selbstmordversuch. Allerdings muss man auch sagen, dass nicht alle Nazi-Lehrer Sadisten waren. So berichtete etwa Loki Schmidt später von einem Lehrer an der reformpädagogischen Lichtwarkschule, der zwar ein ranghoher Nazi war, der sie aber unterstützt hatte. Schüler, die diesen Lehrer nach dessen Wiedereinstellung in den 1950er-Jahren erlebten, empfanden ihn als pädagogisch inspirierend. Insgesamt dürfte deutlich über die Hälfte der Hamburger Lehrerschaft Mitglied der NSDAP oder anderer NS-Organisationen gewesen sein.

Wie ging es für die Nazi-Lehrer nach dem Krieg weiter?

De Lorent: Jeder musste einen Entnazifizierungsbogen ausfüllen, dann wurden erst einmal alle entlassen, die bis 1933 in die NSDAP eingetreten waren. Ein Großteil wurde später aber wieder im Schuldienst eingesetzt. Dies war zum einen der Tatsache geschuldet, dass etwa 95 Prozent der Menschen nationalsozialistisch verstrickt war, "und nur mit den restlichen fünf Prozent ist kein Staat zu machen", wie der damalige Bürgermeister Max Brauer einmal sagte. Viele versuchten natürlich, sich reinzuwaschen und stritten ihre Beteiligung am Nazi-System ab oder sagten, sie hätten unter Zwang gehandelt. Wer in Hamburg keine Chance hatte, weil die Beweislast zu erdrückend war, schaffte es oft in anderen Bundesländern in den Schuldienst, manchmal unter falscher Identität. Bisweilen habe ich mich bei meiner Recherche aber schon gewundert, was für NS-Täter noch bis ins hohe Alter unbescholten als Lehrer oder sogar Schulleiter weiterarbeiten durften.

Auf welche Weise haben Sie all das herausgefunden?

De Lorent: Ich habe angefangen, personenbezogene Daten systematisch zu sammeln. Mittlerweile umfasst mein Archiv ungefähr 300 Personalakten. Als ich in den 1980er-Jahren begonnen habe, gab es allerdings das Problem, dass viele Täter oder ihre Witwen noch lebten. Daher unterlagen ihre Akten dem Datenschutz, und das NSDAP-Archiv  war noch nicht freigegeben. Mittlerweile hat man die Möglichkeit, an die Personalakten heranzukommen, Entnazifizierungs- und Militärakten einzusehen. Auch die NSDAP-Kartei im Berliner Bundesarchiv bietet viel Material. Allerdings muss man wissen, nach wem man sucht.

Woher kannten Sie die Namen der Täter?

De Lorent: Von 1911 bis in die 1960er-Jahre hinein gab es Lehrerverzeichnisse, in denen alle Hamburger Lehrer, Schulleiter und die Schulverwaltung namentlich aufgeführt sind. Ein befreundeter oppositioneller Lehrer hatte sämtliche Verzeichnisse aus dieser Zeit zu Hause - und hat sie mir dankensweiterweise zur Verfügung gestellt. So war es mir möglich, die Karrieren der Täter nachzuvollziehen: Wer wurde wo wann eingestellt? Wer wurde in der Nazi-Zeit als Schulleiter eingesetzt? Wo arbeiteten diese Menschen nach dem Krieg? Über die Beschäftigung mit den Verzeichnissen wurde mir auch so manches Nazi-Lehrer-Netzwerk klar.

Welche Reaktionen haben Sie bislang auf Ihr Buch erhalten?

De Lorent: Es gibt eine sehr große, fast durchweg positive Resonanz auf das Buch. Zum einen bekomme ich viele Reaktionen von Nachkommen der Porträtierten. Viele ahnten: Mit Opa war irgendwas - aber er hat nie etwas Konkretes gesagt. Nun sind viele froh, dass sie Bescheid wissen. Momentan schreibe ich übrigens an Band 2 der "Täterprofile" - wobei man an dem Thema noch 20 Jahre lang weiterarbeiten könnte, wenn man bedenkt, wieviele Tausend Lehrer verstrickt gewesen sein dürften.

Das Gespräch führte Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

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