Stand: 18.04.2016 13:43 Uhr  | Archiv

Wie Nazi-Lehrer nach dem Krieg Karriere machten

Rudolf Fehling und ein Referendar (mit Stock) beim Unterrichten einer Schulklasse © Hans-Peter de Lorent: Täterprofile
Fächerübergreifende Vorbereitung auf den Krieg - und wer nicht spurt, spürt den Rohrstock: Lehrer Fehling (hinten links), ein Referendar und Grundschüler an der Jahnschule.

Hamburg, im Februar 1960: Ein wütender Vater schreibt einen Beschwerdebrief an die Schulbehörde: Wegen "geringfügigem Ungehorsam" sei seine Tochter Gabriele, Klasse 4b der Volksschule Christian-Förster-Straße, von ihrem Turnlehrer Rudolf Fehling körperlich misshandelt worden. Der 62-Jährige habe einen Tamburinstock "auf der Vorderseite des rechten Oberschenkels" zerschlagen, zudem "das Kind derart derb in die eine Backe gekniffen, daß diese Seite heute noch geschwollen ist". Auch sonst würde der Lehrer die Schüler regelmäßig mit Hanfseilen züchtigen. Lehrer Fehling verteidigt sich: Die Schüler seien ohne Erlaubnis an die Turngeräte gegangen. Außerdem sei der Stock des Tamburins "bereits sehr alt und brüchig" gewesen, auch "mit Leukoplast repariert". Schläge mit dem Seilen führe er höchstens bei "besonders widersätzlichen Jungen" durch. Er, Fehling, sei eben "ein lebhafter Mensch". Ein "lebhafter Mensch", der - wie Hunderte weitere Lehrer - trotz Nazi-Vergangenheit zu dieser Zeit wieder im Hamburger Schuldienst tätig - und wieder gewalttätig - ist.

Hamburg, 9. November 1938: Am Morgen nach der Reichspogromnacht erscheint Fehling, zu diesem Zeitpunkt Lehrer an der Jahnschule in Harvestehude, in verschmutzter NSDAP-Uniform und strahlender Laune zum Unterricht. Der muskulöse Mann mit den abstehenden Ohren prahlt vor den Kollegen damit, die Synagoge in der Straße Rutschbahn angezündet zu haben. "Und er brüstet sich auch noch mit seiner 'Heldentat'. Tut sich damit dicke, daß sie die Juden rudelweise aus den Häusern raus geprügelt haben, mitten in der Nacht! Und lacht sich halbtot darüber, dass einer von den Geprügelten 'Hilfe, Polizei' gerufen hat", erinnert sich ein Zeitzeuge.

Hitlers Ideologie im Schulalltag vehement vertreten

Interview
Hans-Peter de Lorent © NDR.de Foto: Kristina Festring-Hashem Zadeh

"Tausende Lehrer waren mit den Nazis verstrickt"

Vom Nazi-Schulrat bis zum sadistischen Sportlehrer: In seinem Buch "Täterprofile" porträtiert Hans-Peter de Lorent Menschen, die unterm Hakenkreuz das Hamburger Bildungswesen prägten. mehr

Die Geschichte des Gewalttäters und überzeugten Nationalsozialisten Fehling, der nach Kriegsende als Sportlehrer Kinder schlägt, ist eine von vielen, die der ehemalige Hamburger Lehrer und Oberschulrat Hans-Peter de Lorent in seinem neu erschienenen Buch "Täterprofile" erzählt. "Tausende Hamburger Lehrer waren mit den Nazis verstrickt", sagt de Lorent . "Wer beruflich erfolgreich sein wollte, machte mit." Mehr als 30 Jahre lang hat de Lorent in Archiven geforscht, um die Karrieren derer nachzuvollziehen, die unter dem Hakenkreuz das Hamburger Bildungswesen prägten. "Fehling war einer, der im Nazi-Regime zwar eine vergleichsweise geringe Funktion hatte. Aber er ist ein Beispiel für jemanden, der extrem von Hitler überzeugt war und dessen Ideologie im Schulalltag vehement vertrat", berichtet der 67-Jährige im Gespräch mit NDR.de.

Netzwerk aus Regimetreuen

Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, ändert sich das Hamburger Schulwesen grundlegend. Zuvor gilt die Hansestadt als Vorreiter der Reformpädagogik, die - im Unterschied zum vorherrschenden Frontalunterricht - eine Erziehung vom Kind aus vorsieht und auf zu diesem Zeitpunkt neuartige Konzepte wie Gruppenarbeit setzt. Damit ist 1933 weitgehend Schluss. Sämtliche reformpädagogischen Verbände werden verboten oder lösen sich selbst auf. Stattdessen geben die Nazis als Erziehungskonzept für die Jugend wieder Disziplin und Gehorsam vor - und spannen ein Netzwerk aus Regimetreuen über das Schulwesen.

Im Unterricht drillt der Leutnant die Schüler

Rudolf Fehling © Hans-Peter de Lorent: Täterprofile
"Unsere Jugend sei waffentüchtig und charakterfest", fordert der überzeugte Nationalsozialist und Lehrer Fehling.

Bereits kurz nach der Machtergreifung Hitlers tritt Fehling, der bereits im Ersten Weltkrieg freiwillig an der Front kämpfte, 1933 in die NSDAP ein. Wie viele andere ehemalige Soldaten sieht er offenbar "mit dem Nationalsozialismus die Zeit gekommen, die Schmach des verlorenen Ersten Weltkrieges zu tilgen", erläutert de Lorent. Fehling nimmt in seiner Freizeit regelmäßig an militärischen Lehrgängen teil. Er wird Leutnant der Reserve - und im Unterricht drillt er die Schüler. Wer nicht spurt, bekommt den Rohrstock zu spüren.

Schule ist für Fehling einzig dazu da, Kinder wehrtüchtig zu machen. "Unsere Jugend sei männlich hart, gehorsam, waffentüchtig und charakterfest", schreibt er in einem Aufsatz mit der Überschrift "Vormilitärische Erziehung der deutschen Jugend", der als Titelgeschichte in der "Hamburger Lehrerzeitung" abgedruckt wird.

Schule als Vorbereitung auf den Krieg

Fehling hat eine genaue Vorstellung davon, wie die fächerübergreifende Vorbereitung auf den Krieg aussehen soll: "Im Deutsch- und Geschichtsunterricht bietet die Auswahl des Stoffes genug Gelegenheit, von Helden- und Soldatentum zu sprechen. In der Erdkunde kann man geopolitische Fragen streifen, auf Kartenkunde und Wetterdienst eingehen, in der Mathematik Landmessung, in der Physik Flugbahnen, Fernsprecher, Radio behandeln, Kampfstoffe sind ein Thema für den Chemieunterricht. Ferner müssen in den staatspolitischen Unterricht Truppenkunde und Waffenkunde einbezogen werden."

Erziehungsarbeit als "Heranzüchten kerngesunder Körper"

Auf den Sportunterricht legen die Nazis besonderes Gewicht. So schreibt der von Fehling gern zitierte Hitler in "Mein Kampf": "Der völkische Staat hat seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten."

Turnleher Rudolf Fehling und ein Schüler am Pferd © Hans-Peter de Lorent: Täterprofile
"Politische Leibesübung": Rudolf Fehlings Turnunterricht zur NS-Zeit.

Das Schulturnen wandelt sich zur politischen Leibesübung - und Fehling, der an seiner Schule vor allem als Turnwart eingesetzt wird, kommandiert die Kinder in seinen Sportstunden wie kleine Soldaten. "Der Starke hat immer recht" gibt er als Motto aus und appelliert an seine Lehrerkollegen: "Wir sollten endlich den liberalistischen Satz 'Wissen ist Macht' ausstreichen und dafür schreiben: 'Kanonen sind Macht".

Rückkehr in Schuldienst zunächst untersagt

Ende August 1939 wird der fanatische Fehling selbst an die Kanonen der Wehrmacht gerufen. Er nimmt am Tunesienfeldzug teil und wird 1942 zum Hauptmann und Ortskommandanten in Sousse befördert. Dort nehmen ihn die Amerikaner im Mai 1943 gefangen. Die kommenden knapp drei Jahre verbringt er in einem Kriegsgefangenenlager in Texas. Als er 1946 nach Hamburg zurückkehrt, soll er - wie alle Deutschen nach dem Krieg - im Entnazifizierungsverfahren seine Vergangenheit unter Hitler offen legen. Fehling behauptet, "kein Aktivist, kein Militarist und immer Demokrat" gewesen zu sein. Besonders in der Judenfrage habe er "innere Vorbehalte" gehabt, sagt der Synagogen-Anzünder von 1938. Doch die Mitglieder im Entnazifizierungs-Ausschuss haben seinen Artikel in der Lehrerzeitung gelesen und erlauben ihm zunächst keine Rückkehr in den Schuldienst.

Aus Synagogen-Anzünder wird ein "harmloser Wichtigtuer"

Fehling schlägt sich zunächst als Trümmerarbeiter und Bauhilfsarbeiter durch. Nachdem die Schulbehörde zwei Anträge auf Wiedereinstellung zurückweist, darf er - in einer Zeit großen Lehrermangels - ab April 1950 plötzlich doch wieder unterrichten. In einem Vermerk des damaligen Schulsenators Heinrich Landahl heißt es dazu: "Die Einstellung wurde zunächst abgelehnt, weil er sich als Nationalsozialist gebärdet hatte". Eine erneute Überprüfung habe aber ergeben, "daß er im Grunde ein harmloser Wichtigtuer gewesen ist". 1953 wird er verbeamtet.

Misshandlung von Schülerin nicht das Karriere-Ende

Nach dem Beschwerdebrief des Vaters über die Misshandlung der kleinen Gabriele muss sich der "harmlose Wichtigtuer" 1960 zwar einem Disziplinarverfahren stellen. Doch das Ende seiner Karriere bedeutet das nicht. Fehling erhält lediglich einen Verweis und wird für ein Jahr versetzt, bevor er wieder an die Volksschule Christian-Förster-Straße zurück darf und dort bis zu seiner Pensionierung 1962 bleibt. Deren Schulleiter, mit Fehling seit 35 Jahren bekannt, hatte sich bei der Schulbehörde stark für ihn eingesetzt und um eine "milde Beurteilung seines einmaligen Verfehlens" gebeten. Er sieht eher den Vater des Mädchens in der Verantwortung, der "eine durchaus negative Einstellung zu unserer Schule" zeige. Bei Fehling verberge sich "unter einer rauen Schale ein guter Kern".

Das Netzwerk der Nazi-Lehrer - Mehr Biografien aus dem Buch "Täterprofile"

Vom Verfolger der Swing-Jugend zum Gymnasiallehrer: Albert Henze

Albert Henze © Hans-Peter de Lorent: Täterprofile
Auf Veranlassung Henzes wurden viele Swing-Jugendliche in Konzentrationslager eingeliefert.

Albert Henze tritt 1932 in die NSDAP ein und wird 1933 zunächst als Assessor im Schuldienst eingestellt. In der Gauführerschule in Hamburg-Eilbeck gibt er ideologische Schulungen zu Themen wie "Volk und Rasse", "Kernfragen des Nationalsozialismus" und "Bekämpfung der Gegner". 1939 steigt er in den Führerkorps der NSDAP auf. Zu verdanken hat er dies wohl seiner guten Beziehung zum Hamburger Reichsstatthalter und Gauleiter Karl Kaufmann. Ein besonderer Dorn im Auge sind Henze die Swing-Jugendlichen, die sich als Gegenbewegung zur Hitler-Jugend Verstehen, lange Haare tragen und Jazz hören. Auf seine Veranlassung hin werden viele von ihnen verhaftet und in Konzentrationslager eingeliefert. 1941 wird Henze Oberschulrat, hat auf Tagungen Kontakt zu ranghohen Nazis wie Joseph Goebbels und Albert Speer.
Nach dem Krieg wird er zunächst für drei Jahre interniert, später in einem Prozess zu einer Geldstrafe verurteilt - die aber wegen der Haft als verbüßt gilt. Henze verlässt mit seiner Familie Hamburg - und kann dank alter Seilschaften in Lübeck neu anfangen. Einer seiner ehemaligen NSDAP-Mitarbeiter im Reichsschulungsamt hilft ihm bei der Rückkehr in den Schuldienst. Ab 1952 arbeitet er Henze an der Oberschule am Dom - weit über die Pensionsgrenze hinaus.

 

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