Stand: 27.09.2018 18:23 Uhr

Altona - ein Stadtteil im ständigen Wandel

von Dirk Hempel, NDR.de

In Altona wird an vielen Stellen gebaut. Der Bezirk ist im Wandel. Tausende von Wohnungen entstehen vor allem auf ehemaligen Industrieflächen: am Autobahnzubringer in Othmarschen, auf den Gleisanlagen der Bahn. Das Areal der Holstenbrauerei wird in naher Zukunft erschlossen, der Fernbahnhof an den Diebsteich verlegt. Ein Ende des Baubooms ist nicht in Sicht.  

Städtebauliche Veränderungen, die auch international für Aufsehen sorgten, gab es in Altona in den vergangenen 130 Jahren immer wieder, wie jetzt die Ausstellung "Schöner Wohnen in Altona?" im Altonaer Museum zeigt, zum Beispiel neuartigen sozialen Wohnungsbau, riesige Trabantenstädte am Stadtrand, autogerechte Einkaufszentren und Bürgerinitiativen für den Erhalt gründerzeitlicher Altbauviertel.

Von der Wohnungsnot zur "neuen" Mitte: Stadtplanung in Altona

Wohnungsmangel im Kaiserreich

Um 1890 wachsen Hafen und Industrie der preußischen Großstadt Altona rasant. Aber Wohnraum ist vor allem für Arbeiterfamilien knapp und teuer. Die hygienischen Zustände sind schlecht in den engen Gängevierteln hinter der Hauptkirche St. Trinitatis und den Mietskasernen in Ottensen und Bahrenfeld, die oft neben den Fabriken liegen. Um die Wohnungsnot zu lindern, gründen Arbeiter und Handwerker erstmals Baugenossenschaften wie den Altonaer Spar- und Bauverein, der seinen Mitgliedern günstige Wohnungen anbietet. 

"Licht, Luft und Sonne" in den 20er-Jahren

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Typisch Bauhaus: Das Haus Michaelsen von Karl Schneider in Blankenese. Heute beherbergt es ein Puppenmuseum.

Die Stadt selbst legt erst nach dem Ersten Weltkrieg ein eigenes Programm für den sozialen Wohnungsbau auf, mit der kommunalen SAGA, der Siedlungsaktiengesellschaft Altona. Oberbürgermeister Max Brauer und Bausenator Gustav Oelsner setzen unter dem Motto "Licht, Luft, Sonne" einen viel beachteten Plan um, der die Trennung von Wohnen und Arbeiten vorsieht sowie Grüngürtel, die der Erholung dienen sollen. Berühmte Architekten wie Karl Schneider bauen in den Elbvororten Villen und Landhäuser im Bauhausstil. 

Gigantische Pläne für die "Führerstadt"

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Den Nazis schwebten gigantische städtebauliche Veränderungen vor, doch der Krieg beendete ihre Pläne.

In der Zeit des Nationalsozialismus entwirft der Architekt Konstanty Gutschow dann im Auftrag Hitlers die "Führerstadt" Hamburg, deren Zentrum mitten im inzwischen eingemeindeten Altona liegt, mit Hochhaus an der Palmaille, riesiger Volkshalle und breiten Straßen. Dafür will er Hunderte von Wohnhäusern abreißen und 40.000 Menschen umsiedeln. Die Zerstörungen durch die Bombenangriffe der Operation Gomorrha vom Juli 1943 sieht er als Chance für die Neugestaltung der Stadt, vor allem mit kleinen, von der Partei kontrollierten Siedlungszellen.

Visionen für die Nachkriegszeit

Doch den Wiederaufbau leitet zehn Jahre später erst der international renommierte Chefplaner der "Neuen Heimat", Ernst May, ein. Das größte Bauvorhaben der jungen Bundesrepublik soll die Wohnungsnot nach dem Krieg lindern. Wie Gutschow plant May ohne Rücksicht auf historische Strukturen. Er will mit "Neu-Altona" den idealen Stadtteil der Zukunft zu bauen: Hochhäuser und Zeilenbauten in Grünanlagen, eigene Gewerbegebiete, autogerechte breite Verkehrswege, breite Einkaufsstraßen mit hohen Bürohäusern.  

Hochhaussiedlungen am Stadtrand

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So stellten sich Stadtplaner das Wohnen in den 60er-Jahren vor: die Hochhaussiedlung Osdorfer Born.

"Neu-Altona" bleibt nicht das einzige Großprojekt im Hamburger Westen. "Urbanität durch Dichte" heißt das neue Konzept der 60er-Jahre. In Lurup entsteht die Trabantenstadt Osdorfer Born für mehr als 10.000 Menschen auf der grünen Wiese. Ihrer Versorgung dient das Elbe-Einkaufszentrum, mit 55 Geschäften und 2.500 Parkplätzen eine der ersten autogerechten Malls in Deutschland nach US-amerikanischem Vorbild.

Bürger stoppen die Technokraten

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In den 70er-Jahren protestieren Bürgerinitiativen in Ottensen gegen die Wohnungspolitik des Senats.

Als 1969 Planer und Politiker den Abriss der maroden Altbauten in Ottensen und den Bau der "City-West" mit Hochhäusern und Autobahnanschluss fordern, beginnt sich massiver Widerstand der Bewohner zu regen. Bürgerinitiativen erreichen in den 70er-Jahren, dass die Gründerzeithäuser saniert werden. Später ziehen Gewerbebetriebe und Büros in die ehemaligen Fabriken. Deshalb hat Ottensen seinen Charakter bis heute bewahrt und gilt als besonders attraktiver Stadtteil.

Alte Ideen im neuen Gewand

Für die derzeit geplanten Quartiere wie das Holstenareal und die Kolbenhöfe in Bahrenfeld orientieren sich Politiker und Architekten wieder an den Stadtbildern des 19. Jahrhunderts, an einer lebendigen Mischung aus Wohnen, Büros, Handwerk und Gastronomie. Und von Anfang an setzen sie bei der Entwicklung ihrer Konzepte auf den Dialog mit den Bürgern, auf die Beteiligung der späteren Nutzer und Nachbarn.

Ausstellung mit Blick in die Zukunft

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Die Ausstellung "Schöner Wohnen in Altona?" zeigt die Geschichte der Stadtentwicklung in zahlreichen Fotografien und Dokumenten.

Die aktuelle Ausstellung lässt die wechselhafte Geschichte des urbanen Lebens in Altona durch zahlreiche Fotografien, Dokumente, Videos und Modelle lebendig werden. In den Rundgang sind farbige Räume zu Themen rund um das Wohnen wie Mietrecht und Nachbarschaft integriert. Am Ende steht ein Ausblick in die Zukunft: Wie baut man ausreichende und günstige Wohnungen in einer wachsenden Stadt, in der die Bauplätze knapp werden? Wie wollen die Menschen heute überhaupt wohnen? Und welche Konzepte entwickeln Architekten und Stadtplaner für die Zukunft? Die Besucher sind eingeladen, sich mit eigenen Vorschlägen an der aktuellen Diskussion zu beteiligen.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 27.09.2018 | 19:00 Uhr

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