Stand: 29.04.2015 14:56 Uhr  | Archiv

Die letzten Kriegstage im Nordosten

von Henning Strüber, NDR.de

"Im mecklenburgisch-pommerschen Raume wurde die sowjetische 5. Garde-Division neu herangeführt und drängte unsere Verbände auf Templin und die Seen-Kette zwischen Lychen-Neubrandenburg und Anklam zurück." So steht es im Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht vom 29. April 1945. Als die ersten Einheiten der Roten Armee das Territorium des heutigen Mecklenburg-Vorpommern erreichen, ist der Krieg längst entschieden. Rund 100 Kilometer südlich tobt die letzte große Schlacht um Berlin. Das Dritte Reich geht unter, Hitler nimmt sich am 30. April das Leben. Obwohl Mecklenburg-Vorpommern von größeren militärischen Gefechten verschont geblieben ist, zeigt sich hier noch einmal der Krieg mit all seinen Schrecken: Tod, Hunger, Flucht, Vertreibung, Vergewaltigung, Seuchen.

Als die Russen in den Nordosten kamen

Flüchtlingstrecks künden vom bevorstehenden Unheil

Schon Anfang 1945 hatte sich das bevorstehende Unheil angekündigt. Mit den ersten Flüchtlingsströmen aus Ostpreußen machten Berichte über den Vormarsch und die Brutalität der Roten Armee die Runde. In der Bevölkerung sank das Vertrauen in die Nazi-Führung, Angst machte sich breit. Immer mehr Menschen begaben sich auf die Flucht. Einige Nazi-Größen mobilisierten die letzten Kräfte zur Verteidigung - und machten sich selbst klammheimlich davon. Rostock und Wismar wurden zu Festungen erklärt. Von oben fielen Bomben der Alliierten, knapp ein Drittel des Wohnraums wurde zerstört. In den Häfen kamen überfüllte Schiffe mit Flüchtlingen an, die schnell wieder nach Holstein ablegten. "Nehmt uns mit, nur weg von den Russen!", war häufig zu hören. Die Lage wurde immer chaotischer, die Versorgung konnte nur noch mit Mühe aufrechterhalten werden.  

Große Zerstörungen in den Städten im Osten

Bei der Eroberung durch die Rote Armee leisten viele Orte den Verteidigungsbefehlen oder den Aufrufen zur Sprengung von Brücken und anderen Gebäuden nicht Folge. So erfolgt etwa die Übergabe Greifswalds am 30. April kampflos. Doch dort, wo die Sowjets auf Widerstand stießen, werden die Städte unter Beschuss genommen. Dies betrifft vor allem den östlichen Landesteil. Die anrückende Rote Armee nimmt die von der Wehrmacht verteidigten Städte Friedland und Neubrandenburg am 29. April ein. Dabei brennt die Innenstadt fast komplett ab. Am 30. April wird Alt-Strelitz zu 65 Prozent zerstört. Auch in Malchin gehen große Teile der Stadt in Flammen auf. In Neustrelitz brennen das Schloss, das Theater und weitere Gebäude ab. Dass es nicht zu mehr Zerstörungen kommt, ist wohl einer Gruppe von 200 Frauen zu verdanken, die vor dem Rathaus ein Ende der Verteidigungsvorbereitungen fordern.

Massenselbstmorde und Misshandlungen

Besonders die Frauen müssen viel Leid ertragen. Wie auch schon beim deutschen Vormarsch in der Sowjetunion kommt es zu zahllosen Fällen sexueller Gewalt. Die Stadt Demmin wird zum Fanal für die seelischen Gräuel des Krieges. In der Nacht zum 1. Mai plündern Rotarmisten die mit Flüchtlingen überfüllte Kleinstadt. Im Suff stecken enthemmte Soldaten Häuser an, der Stadtkern brennt tagelang, der Ort verwandelt sich in eine rauchende Ruinenlandschaft. Am 1. Mai eskaliert die Situation, als ein Apotheker bei einer "Siegesfeier" sowjetische Offiziere mit Rotwein vergiftet. Die Rache erfolgt umgehend und trifft insbesondere Frauen und Mädchen. "Mädchen von zehn Jahren bis zur 80-jährigen Großmutter wurden vergewaltigt", erinnert sich der Demminer Stadtchronist Heinz-Gerhard Quadt.

Demmin: Tote treiben in den Flüssen

Männer, die gegen die Übergriffe Einspruch erheben, werden kurzerhand niedergeschossen. In den folgenden Tagen nehmen sich nach neuen Erkenntnissen rund 1.000 Menschen das Leben - eine genaue Zahlenangabe ist nicht möglich, es könnten auch weit mehr sein, denn viele Fälle wurden vertuscht - aus Scham oder um Versicherungsprämien nicht zu verwirken. An den Ufern der Flüsse Tollense, Peene und Trebel irren Frauen mit ihren Kindern umher und ertränken sich. Ungewissheit und Peinigung treiben auch in Neubrandenburg geschätzt 3.000 Menschen in den Selbstmord.

Tragödien an Land und auf See

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Im April 1945 befreien sowjetische und polnische Soldaten die 3.000 zurückgebliebenen Insassen des KZ Sachsenhausen.

Auch auf See ereignen sich Tragödien: Neben dem Untergang der "Wilhelm Gustloff" gilt die Versenkung der "Cap Arcona" am 3. Mai durch britische Kampfflugzeuge als eine der schlimmsten Katastrophen. Unter den 7.000 Toten sind fast 6.000 Häftlinge des KZ Neuengamme. An den Stränden der Insel Poel bei Wismar werden in den folgenden Tagen Hunderte Leichen angespült. In Rostock wird ein Kapitän, der sich weigert, statt Flüchtlingen Nazi-Bonzen an Bord zu nehmen, von der SS erschossen. In den letzten Kriegstagen, als die Rote Armee bereits in Mecklenburg steht, werden noch mehr als 60.000 Flüchtlinge, Soldaten und Verwundete mit Kriegs- und Handelsschiffen von Rostock und Wismar nach Westen gebracht. In Raben Steinfeld bei Schwerin endet der Leidensweg von rund 25.000 Häftlingen aus dem Lager Sachsenhausen. Sie waren auf einen Todesmarsch nach Schwerin geschickt worden. Die 18.000 entkräfteten Überlebenden werden von Panzereinheiten der 2. Belorussischen Front befreit. Rund 7.000 kommen auf dem Todesmarsch ums Leben.

Handschlag zwischen Russen und Westalliierten bei Schwerin

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Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten geraten in sowjetische Kriegsgefangenschaft - hier ein Lager bei Moskau.

Innerhalb von nur fünf Tagen wird das Land bis zum 3. Mai eingenommen. Bei Schwerin kommt es zum Handschlag zwischen Einheiten der Roten Armee unter Marschall Konstantin Rokossowski und Soldaten der Westalliierten unter Feldmarschall Bernard Law Montgomery. Bei Ludwigslust kapituliert die 21. Armee unter General Kurt von Tippelskirch vor US-Einheiten. 150.000 deutsche Soldaten gehen in Kriegsgefangenschaft der Westalliierten. Als Beute müssen sie ihre Wertsachen abgeben. Die Demarkationslinie verläuft zunächst östlich von Wismar-Schweriner See-Ludwigslust-Dömitz. Schwerin und Westmecklenburg sind zuerst von Amerikanern und Briten besetzt, ehe am 1. Juli die Sowjets die Kontrolle übernehmen. Die Demarkationslinie wird gemäß den Beschlüssen der Konferenz von Jalta weiter nach Westen verlegt.

Versorgungslage bricht zusammen

Die ohnehin schwierige Versorgungslage der Einheimischen und Flüchtlinge bricht nach der Kapitulation vollends zusammen. Zu dieser Zeit halten sich mehr als zwei Millionen Menschen im Land auf. Geschätzt 30.000 Kinder irren elternlos durch die Gegend. Chaos und Seuchen brechen aus. Eine ab dem Sommer 1945 grassierende Typhus-Epidemie rafft mehrere Tausend Menschen dahin. Es dauert, bis die öffentliche Ordnung wiederhergestellt ist. Doch auch die Zeit danach bringt zahllosen Menschen Leid und Unrecht. Die Bodenreform führt zur Enteignung von mehr als 2.000 Gütern. Durch Entkräftung und Krankheiten sterben im Speziallager Fünfeichen bei Neubrandenburg mehr als 7.000 Lagerinsassen. Von hier aus werden ehemalige Regimeanhänger, aber auch Unternehmer und kritische Sozialdemokraten nach Sibirien deportiert.

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