Stand: 10.08.2018 17:17 Uhr

Wer ist das Volk?

von Ulrike Guérot

Vom Vormarsch des Populismus in Europa

Bild vergrößern
Ulrike Guérot

"Sie kannten einander schon seit Jahren, und man darf sagen, sie kannten sich gut. Da kam ihnen die Liebe abhanden, wie anderen Leuten Stock oder Hut." Dieses Gedicht aus Erich Kästners Lyrik für den Alltagsgebrauch könnte man heute auf die Demokratie anwenden. Etwas weiter heißt es: "…und sie rührten in ihren Tassen und konnten es einfach nicht fassen."

So ähnlich dürfte es den meisten Bürgerinnen und Bürgern heute gehen, angesichts des Rechtsrucks in der Gesellschaft, den laut einer "Spiegel"-Umfrage 67 Prozent der Deutschen empfinden. Also jene gesellschaftliche Mitte, die immer noch die große, aber leise Mehrheit stellt. Irgendwie kann man sie buchstäblich nicht fassen, die Beiläufigkeit, mit der heute die liberale Demokratie in ganz Europa verlustig geht. Ebenso wenig, wie man einen Fisch in der Hand halten kann. Schwupps, und auf einmal ist er weg. Inzwischen hat es in den letzten Wochen und Monaten jeder einmal erlebt, im Bekanntenkreis, im Büro oder an der S-Bahn: Jemand sagt einen Satz, der bis vor kurzem nie öffentlich so gesagt worden wäre. Und keiner widerspricht. Denn seit langem haben die Sozialpsychologen untersucht und bewiesen, dass Mut ein rares Gut ist, vor allem, wenn es auf ihn ankommt. Und auf einmal ist es da, dieses schleichende Gefühl, dass die Dinge nicht mehr stimmen.

... und keiner konnte es verhindern

Freiheit, Demokratie oder auch Europa, das sind - wie Vertrauen, Gesundheit oder Liebe - jene unsichtbaren Dinge, deren Verlust man erst dann bemerkt, wenn sie weg sind. Aber dann ist es meistens zu spät. Selten wird ihr Wert geschätzt, wenn sie da sind: Erst die Krebsdiagnose macht Gesundheit zum Thema; erst die Scheidung die Liebe. Sind die Dinge erst verloren, sind sie durch Geld nicht wiederzuerlangen, weil sie alle buchstäblich unbezahlbar sind.

Die Hektik und die Aufgeregtheit, mit der die Zivilgesellschaft jetzt auf einmal aufzuwachen scheint, dürften Ausdruck der Fassungslosigkeit über den Schwund der Demokratie sein: Wie konnte es so weit kommen? Warum haben wir es nicht eher kommen sehen? Wieso konnten wir es nicht verhindern?

Der Wind dreht sich, Ohnmacht greift um sich. Dann kommt der Rückzug ins Private, dann die Resignation, am Ende ist es niemand gewesen - und keiner konnte es verhindern. Das Schleichende dieser Prozesse ist wissenschaftlich aus früheren Epochen gut untersucht. Ganze Systeme kippen wie Seen, denen es an Sauerstoff mangelt, wenn eine gewisse kritische Masse erreicht ist. Was gestern noch tabu erschien, ist heute nicht mehr anstößig. Subtil werden Grundfesten verschoben.

Jugend besonders gefährdet

Der Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa ist nichts Banales und nichts, was unter der Sonne wegschmelzen dürfte wie Erdbeereis. Die Hoffnung, dass er irgendwie vorbeigeht, wie ein Unwetter, wenn es etwa ein bisschen mehr Wachstum gibt, dürfte müßig sein. Ausländerfeindlichkeit ist keine soziale Frage, sie ist klassenübergreifend. Reichtum schützt vor Nationalismus nicht, das hat eine Studie des DIW gerade gezeigt. Jugend übrigens auch nicht, ganz im Gegenteil. Die Altersgruppe 18-25 ist, einigen Studien zufolge, besonders gefährdet, der Demokratie Lebewohl zu sagen und sich der autoritären Versuchung hinzugeben. Das ist in Deutschland nicht anders als in Polen, Italien oder Frankreich.

Weitere Informationen

"The Movement": Was hat Stephen Bannon vor?

Der ehemalige Chefberater von Donald Trump, Stephen Bannon, plant offenbar eine populistische Revolte in Europa. Damit dürfe Bannon nicht durchkommen, warnt der Autor Michael Göring. mehr

Längst hat sich der Populismus verfestigt, längst sind zu viele Länder mit Blick auf die Europäische Union in eine Art innere Kündigung gegangen, ist die Liebe zu Europa breiten Schichten der Bevölkerung abhandengekommen, trotz #pulse of europe. Diese sich verstetigenden Prozesse dürften nicht mehr so einfach zu drehen sein, zumal der Populismus seine Kinder erzieht und zwar gut: Populistische Meinungen werden gemacht und zwar mit viel Geld und sehr professionell. Ein gutes Beispiel dafür ist Stephen Bannon, der ehemalige Wahlkampfstratege von Donald Trump, dessen Online-Truppen in einem neugegründeten Büro in Brüssel dafür sorgen werden, dass im Vorfeld der Europawahlen 2019 kein gutes Haar an der EU gelassen wird. Wo Zeitungen, wie in Ungarn, verboten oder die Pressefreiheit, wie in Polen, eingeengt wird, ist die Meinungsbildung eingeschränkt, wird die Demokratie schon gelenkt, verschwinden kritische Argumente aus dem Verkehr und wird vor allem die nachwachsende Generation auf eine nationale Erzählung eingeschworen. Auch aus Österreich berichten Journalisten mittlerweile, dass zum Beispiel bei Pressekonferenzen keine kritischen Nachfragen zugelassen oder keine Antworten gegeben werden. Das ist alles nicht verboten. Aber unschön.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 12.08.2018 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Wer-ist-Volk,gedankenzurzeit1232.html

Mehr Kultur

48:03
NDR Info
02:18
NDR Fernsehen