Am Morgen vorgelesen

Die Sonnabend-Story: Die Grammatik der Liebe

Samstag, 24. Oktober 2020, 08:30 bis 09:00 Uhr

Iwan Alexejewitsch Bunin war im Jahr 1933 der erste russische Nobelpreisträger für Literatur und der berühmteste der Autoren, die ihr Land in der Folge der Oktoberrevolution von 1917 verlassen hatten. Zur Zeit der Emigration aus dem jungen Sowjetstaat war er fast fünfzig Jahre alt, ein hochangesehener Prosakünstler in der Nachfolge von Tolstoi und Turgenjew, Autor eines umfangreichen Werks mit Gedichten und Erzählungen, das bereits vor der Revolution in zwei Werkausgaben erschienen war. Mit Tschechow, aber auch mit Gorki verband ihn Freundschaft, und Gorki, der erste Repräsentant der Sowjetliteratur", hat auch nach dem Bruch der Beziehung 1917 an seiner Hochschätzung von Bunins Kunst festgehalten. Er sagte über sie: „Bunin schreibt eine derartige Prosa, dass es nicht übertrieben ist, wenn man von ihm sagt, er sei der beste Stilist unserer Zeit.“

Russischer Proust

Bunin, der 1870 in Woronesch am Don geboren wurde, war der Sohn einer alten Adelsfamilie, die während der raschen Industrialisierung gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts verarmte. Er musste seinen Lebensunterhalt bereits selbst verdienen und kam über den Journalismus zur Literatur. 1891, im Alter von einundzwanzig Jahren, veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, sechs Jahre später seine ersten Erzählungen. Er beschrieb darin, wie auch in den nächsten Büchern, den Ruin des Adels, das Elend der Dörfer, die trostlose Existenz der russischen Bauern: mit fast naturalistischer Detailversessenheit und düster-suggestiven Stimmungsbildern, in einem lakonisch knappen Stil von großer Objektivität. In seinen späteren Arbeiten traten dann immer deutlicher Todesmotive und Untergangsstimmungen hervor. Nach der Emigration lebte Bunin in Frankreich, meist in Paris, während des Zweiten Weltkriegs im südfranzösischen Grasse. Zwar pflegte er freundschaftliche Kontakte zu Schriftstellern wie Thomas Mann und André Gide, zog sich davon abgesehen aber aus dem literarischen Betrieb zurück. Der Aufforderung, in sein Land zurückzukehren, folgte Bunin nicht; er starb 1953 in Paris. – André Gide bezeichnete ihn als "größten russischen Schriftstellers dieses Jahrhunderts". Man hat ihn auch immer wieder einen russischen Proust genannt, einen Schriftsteller auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

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