Buchcover: Mohamed Mbougar Sarr - Die geheimste Erinnerung der Menschen © Hanser Verlag
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AUDIO: Buchtipp:"Die geheimste Erinnerung der Menschen" von Mohamed M. Sarr (4 Min)

"Die geheimste Erinnerung der Menschen": Schmerzende Literatur

Stand: 24.11.2022 06:00 Uhr

Für seinen dritten Roman "Die geheimste Erinnerung der Menschen" hat Mohamed Mbougar Sarr 2021 den Prix Goncourt bekommen. Heute erscheint das Buch auf Deutsch.

von Alexander Solloch

"Ich gebe dir einen Rat: Versuche nie zu sagen, wovon ein großes Buch handelt." Buchzitat "Die geheimste Erinnerung der Menschen"

Dieser Ratschlag steigt aus der Tiefe eines sonderbaren, großen Buches zu uns auf. Ohne ins Straucheln zu geraten, könnte man sowieso nicht viel mehr sagen als: Hier geht’s um alles. Um alles, was die Literatur mit uns macht, wie sie uns erhebt, uns herumschleudert, uns erbarmungslos fallenlässt. Aber das ist fast schon zu viel gesagt:

"Die Leute wollen, dass ein Buch von etwas handelt. In Wahrheit handelt nur ein mittelmäßiges, schlechtes oder banales Buch von etwas. Ein bedeutendes Buch hat kein Thema und spricht von nichts, es versucht einfach nur, etwas auszudrücken oder zu entdecken, aber dieses ‚einfach nur‘ ist schon alles, und dieses ‚etwas‘ ebenso." Buchzitat "Die geheimste Erinnerung der Menschen"

Existenzielle Bücher

In der Welt dieses Romans sind Bücher existenziell, kein austauschbarer Zeitvertreib. Das ist das, was uns der Ich-Erzähler mit jeder einzelnen Silbe sagen will. Es handelt sich um Diégane Latyr Faye, einen jungen senegalesischen Autor, der zum Studieren nach Paris gegangen ist. Mit einigen anderen Exilanten aus Afrika schließt er sich zusammen zum Nachdenken und Streiten über Literatur.

"Wir dachten keinesfalls, dass Bücher die Welt retten könnten; hingegen hielten wir sie für das einzige Mittel, um nicht vor ihr davonzulaufen." Buchzitat "Die geheimste Erinnerung der Menschen"

Aber Bücher - es gibt so viele. Inmitten dieses Ozeans aus Wörtern, den wir Literatur nennen, muss es doch das eine Werk geben, das es schafft, das Unendliche einzukreisen. Ein Buch, in dem alle anderen Bücher schon enthalten sind: das grundlegende Buch. Diégane meint, es gefunden zu haben: Vor 80 Jahren ist "Das Labyrinth des Unmenschlichen" erschienen, Autor ist ein gewisser T.C. Elimane, von dem man eigentlich nichts weiß, den man nur fühlt:

"Er erscheint einem. Er durchdringt einen. Er lässt einem die Knochen gefrieren und verbrennt einem die Haut. Er ist eine lebendige Illusion. Ich habe seinen Atem in meinem Nacken gespürt, einen Atem, der sich zwischen den Toten erhob." Buchzitat "Die geheimste Erinnerung der Menschen"

Ein verschwundener Autor und ein veschwiegenes Buch

Kurz nach dem Erscheinen des "Labyrinths des Unmenschlichens" ist Elimane spurlos und für immer verschwunden. Das rätselhafte Buch nie wieder neu aufgelegt. Der Verlag, der es herausgegeben hatte, pleite gegangen. Als wäre das alles nie geschehen! Diégane findet heraus, dass der Roman damals für kurze Zeit sehr großes Aufsehen in den französischen Feuilletons erregte - und dann mit den üblichen rassistischen Stereotypen kaputtgeschrieben wurde. Wie hier im Figaro:

"Das Buch ist der Geifer eines Wilden, der sich für den Pyrotechniker einer Sprache hält, deren subtiles Feuer er nur unzureichend beherrscht, und der sich am Ende die Flügel daran verbrennt. Die Barbarei der Afrikaner ist nicht nur eine Annahme. Die Kolonialisierung muss weitergehen, sonst bekommen wir noch weitere Bücher aus dieser Hand." Buchzitat "Die geheimste Erinnerung der Menschen"

Literatur ist Schmerz

Diégane will jetzt alles wissen, will wissen, wie ein magisches Buch verschwinden und woher neue Magie kommen kann. Auf seiner langen Erkundungsreise wird klar: Literatur schmerzt. Ohne diesen Schmerz ergibt das Leben keinen Sinn. Nachts fährt eine Stimme in den jungen Schriftsteller, sie sagt: 

"dass der Wille allein nicht genügt, dass Talent nicht genügt, dass schöne Sätze nicht genügen, dass Intelligenz nicht genügt, denn zu schreiben erfordert immer noch etwas anderes, etwas anderes, etwas anderes." Buchzitat "Die geheimste Erinnerung der Menschen"

Mohamed Mbougar Sarr hat maßlos viel von diesem "etwas anderen", seufzt man, wenn man dieses Buch besinnungslos beiseitelegt. Und dann schläft man erschöpft ein und träumt von dem Buch schlechthin, dem vollkommenen Buch, das es doch geben müsste, aber gar nicht geben kann, und man erinnert sich vielleicht vage daran, dass man doch irgendwann einmal darin geblättert hat.

Die geheimste Erinnerung der Menschen

von Mohamed  Mbougar Sarr
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock, Sabine Müller
Verlag:
Hanser Berlin
Veröffentlichungsdatum:
24.11.2022
Bestellnummer:
978-3446274112
Preis:
27 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.11.2022 | 12:40 Uhr

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