Stand: 10.08.2020 19:56 Uhr  - NDR Kultur

Streit um Lisa Eckhart: "Eine gefährliche Entwicklung"

Die Ausladung der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart vom Harbour Front Literaturfestivals, weil die Betreiber des Veranstaltungsorts Nochtspeicher nicht für die Sicherheit der Österreicherin und des Publikums gerade stehen konnten, stößt bei Kulturschaffenden auf viel Kritik. Der "Schwarze Block" soll Aktionen gegen die Kabarettistin geplant haben, hieß es. Die Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN, Regula Venske, hat einen offenen Brief an die Verantwortlichen des Hamburger Nochtspeichers und die Veranstalter des Harbour Front Literaturfestivals in Hamburg gerichtet. Eine erneute Einladung des Literaturfestival nach der Verlegung der Veranstaltungsreihe an einen anderen Ort, schlug Eckhart aus.

Frau Venske, Sie verfolgen die Causa sehr genau. Was ist da los?

Regula Venske © picture alliance/Daniel Reinhardt/dpa Foto: Daniel Reinhardt
Die in Minden geborene Schriftstellerin Regula Venske ist Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland.

Regula Venske: Man muss zum einen über diesen Fall nachdenken und darüber, was dieser Fall allgemein für uns bedeutet. Im deutschen PEN geht es uns um Meinungsfreiheit, die Freiheit des Wortes, also auch um Kunstfreiheit. Und die sehen wir in Gefahr, wenn sich Veranstalter durch Androhung von Gewalt gemüßigt fühlen, Veranstaltungen abzusagen. Dann regieren die, die Gewalt androhen und nicht mehr das Wort, die Debatte, also alles, was man in der Demokrate braucht.

Harbour Front hat in einer Pressemitteilung gesagt, der Nochtspeicher hätte von "Drohungen" gesprochen - dabei sei es nur um "Warnungen" gegangen, und bei Warnungen wären sie nicht eingeknickt. Deshalb wollen sie jetzt den Debütantensalon an einem anderen Ort stattfinden lassen. Ist das nicht Wortklauberei, ob Drohungen oder Warnungen?

Venske: Das ist schon misslich. Vom Nochtspeicher kann ich das nachvollziehen, denn dort kann es wirklich schwierig sein, für einen ordentlichen Ablauf einer solchen Veranstaltung zu sorgen. Aber das Festival hätte sich gleich um einen anderen Ort kümmern können. Erst ausladen und dann nach einem anderen Ort suchen und wieder einladen - das ist höchst unglücklich gelaufen. Es tut mir furchtbar leid um diese schöne Festival, das ich seit vielen Jahren schätze und wo ich selber auch schon aufgetreten bin. Wir müssen aber über diesen einen Fall hinaus auch weiterdenken, denn so etwas sollte uns in dieser Form nicht wieder passieren. Deshalb müssen wir uns frühzeitig zusammentun und gucken, wie wir mit solchen Konflikten umgehen.

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Lisa Eckhart mit ihrem Programm "Die Vorteile des Lasters" live in der Osnabrückhalle. © imago images/Future Image

Die konstruierte Debatte um Cancel Culture

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Mittlerweile ist das Wort "Cancel Culture" salonfähig geworden, also die Kultur etwas abzusagen, zu verbieten, zu unterbinden, wenn bestimmte Positionen missliebig sind. Gibt es da mittlerweile ein gewisses Regententum der Cancel Culture?

Venske: Ich weiß nicht, ob ich es Regententum nennen würde. Das hat es auch schon in meiner Jugend gegeben, als an den Universitäten Vorlesungen gesprengt wurden usw.. Das hilft aber den Debatten nicht weiter, und ich finde, dass das eine gefährliche Entwicklung ist. Von daher müssen wir in alle Richtungen wachsam sein. Es gibt verschiedene Formen von Zensur, zum Beispiel staatliche Zensur, aber es gibt auch andere Formen: von organisierter Kriminalität, von religiösen Eiferern oder von politischen Gruppen. Ob es rechte Schlägertrupps sind oder der linke Block - Gewalt ist Gewalt, und das ist nicht hinzunehmen.

Gerade ein Literaturfestival lebt vom Wort und man kann eine Künstlerin mit Methoden der Literaturkritik und der Ideologiekritik kritisieren, aber das muss bitte mit Worten passieren. Der Feind steht nicht immer außen, sondern manchmal ist die Bedrohung für die Meinungsfreiheit in der eigenen Filterblase. Und da muss man aufpassen, dass auch die eigentlich liberalen Kreisen nicht einknicken, wo es gut wäre, auch mal Flagge zu zeigen.

VIDEO: Warum Lisa Eckhart nicht in Hamburg auftreten darf (4 Min)

Der "schwarze Block" wirft Lisa Eckhart vor, antisemitisch zu sein. Am Wochenende hat die AfD Hessen auf Facebook ihr Konterfeit für einen politischen Post verwendet - wogegen der Zscholnay Verlag jetzt juristisch vorgeht. Wird Lisa Eckhart jetzt komplett von der einen wie von der anderen Seite vereinnahmt?

Venske: Hier ist sie ja nicht vereinnahmt worden. Sie hat jetzt die Gelegenheit, das klarzustellen und sich davon abzugrenzen. Über die Rolle ihrer Kunstfigur wird man weiter nachdenken müssen: Inwieweit gelingt es ihr, solche Positionen zu dekonstruieren, so wie das etwa Serdar Somuncu in seinen Veranstaltungen gemacht hat, weswegen er von rechten Kreisen enorm bedroht und angegriffen worden ist.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Regula Venske © picture alliance/Daniel Reinhardt/dpa Foto: Daniel Reinhardt

AUDIO: Streit um Lisa Eckhart: "Eine gefährliche Entwicklung" (8 Min)

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Eine junge Frau hält sich den Mund zu und schaut ernst in die Kamera. © photocase.de Foto: nanihta

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NDR Kultur | Journal | 10.08.2020 | 19:00 Uhr