Statuen bei der Ausstellung "Afghanistan. Gerettete Schätze" © dpa Foto: Oliver Berg

Perspektiven für Kunst und Kultur in Afghanistan

Stand: 14.10.2021 12:25 Uhr

Die Bonner Bundeskunsthalle hat zu einer Gesprächsveranstaltung über die Lage von und Perspektiven für Afghanistan eingeladen - mit Fokus auf Kunst und Kultur.

Statuen bei der Ausstellung "Afghanistan. Gerettete Schätze" © dpa Foto: Oliver Berg
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Auf dem Podium saß auch die Ausstellungsleiterin der Bundeskunsthalle Susanne Annen. Sie hat im Jahr 2010 die Ausstellung "Afghanistan. Gerettete Schätze" kuratiert und im Anschluss in Kabul als Beraterin des afghanischen Kulturministeriums gearbeitet.

Frau Annen, Afghanistan verfügt über einen enormen Schatz an Kunst- und Kulturgütern; allein die Archive und Ausstellungen des afghanischen Nationalmuseums in Kabul umfassen 80.000 Artefakte. Wie groß ist die Bedrohung dieser Schätze durch die Taliban?

Susanne Annen: Die Bedrohung dieser Schätze ist nicht gegeben. Die neue Regierung hat Sicherheit, hat Guards ans Nationalmuseum geschickt, um diese Sammlung zu bewachen, damit das, was 2001 parallel zu der Sprengung der Bamiyan-Buddhas passiert ist - die buddhistische Sammlung im Nationalmuseum wurde damals auch zerstört - nicht noch mal passieren kann.

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20 Jahre ist das jetzt her, dass die Taliban die Riesenbuddhas von Bamiyan gesprengt haben. Das war nur das prominenteste Beispiel der islamistischen Zerstörungswut. Nach der erneuten Machtübernahme hatten die Taliban versprochen, diesmal einem toleranteren Ansatz zu folgen als während der ersten Herrschaft. Halten sie da bislang Wort?

Annen: Zumindest halten Sie Wort, was die Kulturschätze, was die Archäologie des Landes angeht. Es gab auch Zeitungsmeldungen, dass die Depots der Archäologen in Bamiyan geplündert wurden. Aber das war tatsächlich keine Plünderung der Taliban, wie sich mittlerweile herausgestellt hat, sondern da ist geplündert worden, weil man diesen rechtslosen Raum ausgenutzt hat.

Aber eine Gefährdung sehen Sie anscheinend schon. Worum sorgen Sie sich am meisten?

Annen: Ich sorge mich am meisten um die zeitgenössischen Künstler*innen, Filmemacher*innen, Musiker*innen, die sich mit zeitgenössischer Kunst und Kultur auseinandersetzen, die vielleicht auch regimekritisch arbeiten. Ich denke nicht, dass diese Leute noch eine Chance haben, vor Ort zu arbeiten.

Sie waren drei Jahre in Kabul und haben dort Sammlungen, Ausgrabungen und Ausstellungen organisiert und konzipiert. Sie haben in dieser Zeit nicht nur die kulturellen Güter kennengelernt, sondern auch viele Kontakte geknüpft. Was hören Sie von den alten Weggefährten aus der Zeit?

Annen: Viele von denen haben natürlich Angst. Sie sehen ihre Möglichkeiten nicht, weiter zu arbeiten, sowohl im Museum als auch in der freien Kulturszene. Viele von denen haben auch Angst um ihre Familien, um die Ausbildung und die Weiterbildung ihrer Kinder, die in den letzten 20 Jahren eine ganz andere gewesen ist. Aber man muss auch ganz klar sagen, dass wir hier von Kabul und den großen Städten reden - auf dem Land sieht das noch anders aus.

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"Letzter Flug Kabul" heißt Ihre Gesprächsveranstaltung, eine Anspielung auf die schwierigen Evakuierungen aus dem Land. Die Filmemacherin Sahraa Karimi diskutiert auch mit - sie gehört zu jenen, die geflohen sind. Was hat sie erlebt?

Annen: Sie hat es tatsächlich geschafft, Kabul zu verlassen und hilft nun Kulturschaffenden von außerhalb des Landes. Sie hat ein großes Chaos erlebt, um an den Flughafen zu gelangen. Das war auch dem geschuldet, dass diese Situation so plötzlich eskalierte. Ich bin froh, dass sie es geschafft hat und bin sehr gespannt auf die Gespräche mit ihr.

Sahraa Karimi ist die erste Präsidentin der Afghanischen Filmorganisation geworden. Außerdem haben Sie für die Diskussion in Ihrem Haus den Direktor des Nationalen Musikinstituts Ahmad Sarmast geladen. Wie steht es um die Zukunft dieser kulturellen Institutionen, die in den vergangenen Jahren aufgebaut werden konnten?

Annen: Da sehe ich einen großen Rückschritt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es weiterhin Dirigentinnen im Land geben wird, die ein Orchester dirigieren können, dass es mit der Musik so weitergeht, wie es Herr Sarmast in den letzten Jahren aufgebaut hat. Und auch für die Filmemacherinnen und Filmemacher sehe ich Probleme. Da sehe ich schon einen großen Rückschritt in der Gesellschaft.

Wie haben Sie Kabul damals erlebt? Was geht da gerade verloren?

Annen: Ich habe damals eine junge Generation erlebt, die nach vorne geguckt hat, die unbedingt Veränderungen wollte, die lernen wollte. Es waren junge Leute, die im Ausland studiert haben und auch da hätten bleiben können, die aber nach Afghanistan zurückgekommen sind, weil sie an diesem Land mitarbeiten wollten. Für die ist es ein sehr großer Rückschritt. Und man darf gar nicht darüber nachdenken, wie traurig die Situation für diese jungen Leute ist.

Was versuchen Sie mit Ihrer Veranstaltung in der Bundeskunsthalle zu erreichen?

Annen: Wir versuchen zum einen für das Thema zu sensibilisieren. Es ist ein sehr komplexes Thema, man muss das sehr differenziert sehen. Man kann nicht jedes Mal sagen - wie es gerade durch die Presse geht -, dass "die Taliban" plündern. Sondern es gibt auch den moderateren Zweig der Taliban, der gerade im Kulturministerium sitzt und viel Hilfe zugesagt hat. Das ist für die zeitgenössischen Künste eine ganz andere Situation als für ein archäologisches Museum.

Es gibt diejenigen, die sagen, dass man mit "den Taliban" nicht reden darf. Sie würden dagegen sprechen und sagen, dass man eher schauen muss, wen man da für seine eigene Sache gewinnen kann, richtig?

Annen: Genau so sehe ich das. Man muss dringend mit den Taliban sprechen. Wir können nicht daran interessiert sein, überhaupt nicht mehr mit dieser Regierung zusammenzuarbeiten. Das wird und kann das Land auch nicht voranbringen.

Im Text zur Ausstellung "Afghanistan. Gerettete Schätze", die sie 2010 kuratiert haben, sprechen Sie von einem legendären Nationalschatz, der "wie durch ein Wunder die Jahre des Bürgerkriegs und der Zerstörung überdauert hat". Müssen wir auf ein Wunder hoffen oder gibt es irgendeine Handhabe? Welche Perspektive gibt es aus Ihrer Sicht für den Kulturerhalt in Afghanistan?

Annen: Wir haben von außen zunächst einmal gar keine Handhabe. Dieser Schatz ist letztes Jahr zurück ins Land gekommen und wurde im Februar dieses Jahres ausgestellt, um auch den Afghaninnen und Afghanen ihren eigenen Kulturschatz vorzustellen. Ich habe Rückmeldungen aus dem Nationalmuseum bekommen, dass die neue Regierung zugesagt hat, diesen Schatz zu schützen. Inwieweit das tatsächlich der Wahrheit entspricht, kann man schlecht sagen. Ich kann es mir aber gerade bei diesem Schatz nicht vorstellen, weil er durch 13 Länder getourt ist und ganz bekannt ist. Das wäre so kontraproduktiv und ich kann mir nicht vorstellen, dass man das machen würde.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 12.10.2021 | 18:00 Uhr