Stand: 12.02.2020 19:09 Uhr  - NDR Kultur

Papst-Schreiben: Franziskus gegen Frauendiakonat

Wie äußert sich Papst Franziskus zur Zölibatsfrage? Wie positioniert er sich zur Rolle der Frau in der katholischen Kirche? Viel wurde im Vorfeld gemutmaßt über die Schlussfolgerungen des Pontifex aus der Amazonas-Synode im vergangenen Oktober. Jetzt hat er sein nachsynodales Schreiben veröffentlicht - und eine Chance verpasst, findet Florian Breitmeier, Leiter der Redaktion "Religion und Gesellschaft" bei NDR Kultur.

Was steht im Zentrum des Schreibens, was ist Papst Franziskus besonders wichtig?

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Papst-Schreiben: Draußen vor dem Feldlazarett

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In seinem nachsynodalen Schreiben bewegt sich Papst Franziskus bei den Themen Frauen-Weihe oder Zölibat keinen Zentimeter. Bleibt nach dem Schreiben nur Enttäuschung? Ein Kommentar. mehr

Florian Breitmeier: Papst Franziskus wählt vor allem eine soziale, kulturelle und ökologische Perspektive auf die Amazonas-Region. Er prangert die Ausbeutung der Natur an und stellt sich entschieden an die Seite der Ärmsten und Ausgegrenzten. Er kritisiert die Macht einiger multinationaler Konzerne an, die den Profit über alles stellen. Dann betont er stark den kulturellen Reichtum der indigenen Völker. Es ist ein Schreiben des Papstes ganz in der Tradition seiner Umwelt- und Sozialenzyklika "Laudato si". Naturschützer, Umweltaktivisten, die Fridays-for-Future-Bewegung werden sicherlich jubeln über dieses entschieden politisch-prophetische Schreiben des Papstes. Wenngleich er bei Themen, die hierzulande - aber auch in der Amazonas-Region - eine große Rolle gespielt haben, beispielsweise die Weihe von Frauen zu Diakoninnen oder die Möglichkeit, verheirateten Männern die Tür zum Priesteramt zu öffnen, sehr unkonkret bleibt oder auch Türen zuschlägt.

Wie baut der Papst dieses Lehrschreiben auf, wie ist seine Argumentation?

Breitmeier: Er wählt dafür vier Schritte. Der Papst entwickelt kulturelle Träume, soziale Träume, ökologische Träume - und am Ende auch kirchliche Träume oder "Visionen", wie es nur in der deutschen Übersetzung heißt. Es ist sehr spannend, dass er auch viele Gedichte in dieses Lehrschreiben einfließen lässt, viel Poesie. Seine Argumentation lautet, dass es für ihn wichtig ist, auch von den indigenen Völkern in der Amazonas-Region zu lernen, dass sie nicht nur Objekte sind, sondern Hauptpersonen. Er spricht viel von Inkulturation, das heißt, auch Traditionen aufzunehmen, die in diesen Regionen seit Jahrhunderten gepflegt werden. Und dann die Not der Menschen wahrnehmen. Das ist eine Perspektive, die der Papst auch bei den kirchenpolitisch brisanten Themen eigentlich aufgreifen könnte: Auf der einen Seite spricht er von dem Hilfeschrei der Amazonas-Region, die wirtschaftlich ausgebeutet wird - aber den Hilfeschrei der katholisch-pastoralen Situation vor Ort, den Priestermangel in der Amazonas-Region, den greift er nicht entschieden auf. Hier bleibt er überwiegend passiv. Da hat er für mich eine Chance verpasst.

Was den Zölibat angeht, sind keine großen Reformen in der Zukunft zu erwarten. Ebenso wenig in Bezug auf die Weihe für Frauen. Das sind wichtige Fragen für viele Katholikinnen und Katholiken. Also keine Änderung am Status quo?

Breitmeier: Zunächst einmal ist es so, dass Papst Franziskus keine Schritte nach vorne geht, was eine Weihe von verheirateten Männern zu Priestern anbetrifft. Das war eine Forderung der Synode, als die Bischöfe in Rom über die Amazonas-Region beraten haben. Das war auch ein Wunsch aus der Region selbst, aufgrund des Priestermangels mehr verheiratete Männer zu Priestern zu weihen. Dort ist also eher Stillstand, wenngleich er in seinem Lehrschreiben nicht betont, dass ausschließlich zölibatär lebende Männer das Priesteramt ausüben können. Laien sollen auch mehr Verantwortung in der Gemeindeleitung bekommen.

Papst Franziskus: Frauen können auf absehbare Zeit nicht geweiht werden

Ganz klar negativ entschieden ist er in der Frage, ob auch Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können. Hier hat er ein Frauenbild, was in der heutigen Zeit für mich mehr als problematisch ist, wenn er betont, dass Frauen ihren Beitrag in der Kirche auf eine eigene Weise leisten sollen. Er macht auch das Maria-Bild sehr stark, wendet sich gegen eine "Klerikalisierung der Frauen" und befürchtet einseitige Fragestellungen hinsichtlich der Macht in der Kirche. Hier habe ich den Eindruck, dass er aus einer Position heraus argumentiert, frei nach dem Motto: "Die geweihten Männer wissen schon, was gut für die Frauen ist und welche Funktionen und Ämter in der Kirche ihrem Wesen am besten entsprechen." Das ist eine sehr paternalistische, eine sehr bevormundende Art, die der Papst an den Tag legt. Für mich ist das die bitterste Stelle in diesem Dokument. Das wird mehr Frustration als Motivation hervorrufen, wenn die Frauen so auf eine bestimmte Rolle in der Kirche beschränkt werden.

Alle, die auf eine große Revolution der katholischen Kirche gehofft hatten, sind jetzt maßlos enttäuscht. Aber sind damit alle Entscheidungen gefallen, und ist der Synodale Weg in Deutschland am Ende, bevor er überhaupt begonnen hat?

Breitmeier: Revolution gibt es in der katholischen Kirche eh nie. Das sind immer ganz kleine Schritte, in denen es nach vorne geht. In diesem Falle aber herrscht Stillstand und damit auch Rückschritt. Die Türen - jedenfalls bei der Frage: 'Können auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden?' - sind nicht vollkommen zu, auch wenn der Papst hier eine Chance verpasst hat.

Klarer ist er in der Entscheidung, dass Frauen auf absehbare Zeit nicht geweiht werden können. Das wird sicherlich noch für viele Diskussionen in Deutschland sorgen. Der Synodale Weg ist damit nicht beendet, aber ich denke, dass die Streitkultur, dass die Debatten an Schärfe zunehmen werden, weil das Papst-Schreiben in Westeuropa bei den Reformkräften eine Enttäuschung hervorrufen wird. Aber auch in der Amazonas-Region, denn dort bleibt weiterhin der Hilfeschrei der pastoralen Nähe durchaus hörbar. Hier ist der Papst für mich sehr passiv geblieben - oder: entschieden unentschieden.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

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NDR Kultur | Journal | 12.02.2020 | 19:00 Uhr

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