Stand: 01.04.2020 17:33 Uhr  - NDR Kultur

Der ängstliche Blick - Seuche und Literatur

von Lisa Kreißler

Die Beispiele für Seuchen in der Literatur reichen weit zurück. Aber welche Angebote machen uns solche Bücher in der aktuellen Situation?

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Ein Farbdruck nach dem Aquarell von Edy Legrand (1892-1970) illustriert eine französische Ausgabe von Albert Camus' "Die Pest" von 1950.

Wenn die Realität sich derart umstülpt wie in den vergangenen Wochen, wird alles neu befragt. Plötzlich sind wir wach. Plötzlich wollen wir es ganz genau wissen. Jedes Zeichen gewinnt an Bedeutung, und die Literatur tritt mit einer fast vergessenen Dringlichkeit an unsere Empfindungen heran.

Lockdown bei Albert Camus

Camus' Roman aus dem Jahr 1947 zeichnet nach, wie eine unerforschte Krankheit die algerische Stadt Oran von der Außenwelt trennt und seine Bewohner Schritt für Schritt auslöscht. Im Zentrum des Romans steht Rieux, ein Arzt, der die Phasen der Epidemie so genau wie möglich zu erfassen versucht: Die anfängliche Unklarheit über tote Ratten in der Stadt, der erste Verdachtsfall unter den Menschen, die Beschwichtigungen, dann der plötzliche Beschluss: die Stadt wird geschlossen! Niemand darf mehr rein oder raus!

Gefangen mit der Pest geht das Leben in Oran weiter. Das Pendel schwingt schnell zwischen den Paralleluniversen Seuche und Alltag. Die Pest wird zum Symbol einer allgemeineren inneren Krankheit des Menschen. Der Priester spricht von einer Demutsübung, deren Ziel es ist, sich neu im Glauben zu versichern. Bei den meisten Bürgern Orans stellt sich jedoch mit der steigenden Zahl der Toten Gleichgültigkeit ein. Auf einer alten Bahnlinie werden die vielen Leichen nachts mit dem Zug zu den Massengräbern vor der Stadt transportiert. Züge, in denen Licht brennt, aber niemand mehr irgendeinem Ziel entgegenfährt.

Nichts ist nämlich weniger aufsehenerregend als eine Seuche, und schon durch ihre Dauer sind große Unglücke eintönig. In der Erinnerung jener, die sie miterlebt haben, erscheinen die schrecklichen Tage der Pest nicht als grandiose und grausame hohe Flamme, sondern eher als ein endloser Leerlauf, der alles zermalmte. aus Albert Camus "Die Pest"

Der Virus der Selbstentfremdung

Kurz vor dem Höhepunkt einer ganz anderen Seuche setzt Sibylle Bergs Wutpamphlet "GRM Brainfuck" aus dem vergangenen Jahr ein. Ein Roman, der uns mit blitzenden Zähnen anbellt, uns eine Realität vor Augen führt, die wir nur zu gerne als düsteren Traum von der Zukunft abtun würden. Aber nichts da!

Im England der nahen Gegenwart beugt sich das vielköpfige Ungeheuer aus Digitalisierung, Kapitalismus, Naturmissbrauch, Ausbeutung und Gewalt über die Menschheit. Aber was sind das überhaupt noch für Menschen mit ihren Chips unter der Haut, die Punkte speichern für geheucheltes Mitgefühl und jeden direkt dem Todestrakt übergeben, der es noch für nötig hält, einem Mitmenschen die Kehle aufzuschneiden?

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Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg ist eigentlich gelernte Puppenspielerin.

Die Drohnen sind da. Gehirnauslagerung fast geschafft. Natur kaputt. Ungerechtigkeit gleichbleibend. Multiresistente Keime und selbst gezüchtete Antitestosteron-Viren warten auf ihren Einsatz. "GRM" erzählt vom Kollaps, vom Virus der Selbstentfremdung.

Hannah möchte gerne aussehen wie eine Ken-Puppe. Zugelötet ohne Geschlechtsmerkmale. Sie möchte aus Plastik sein und nicht verwundbar. Sie möchte nicht von Don berührt werden. Hannah öffnet die Augen. Der Himmel ist gelb. Das wird wohl der neue Tag sein. aus Sibylle Bergs "GRM Brainfuck"

Kein Reset-Button für Virus-Welt

Sinnstiftend ist hier nur noch die Rache. Vier Kinder haben noch genug Wut in sich, um sich dem Überwachungsstaat zu widersetzen. Sie vergraben ihre "Endgeräte" und verbünden sich mit einer Gruppe von Hackern, um den Tätern auf die Spur zu kommen - und sie zu töten. Die Jugend flackert kurz als Möglichkeit des Umsturzes in der zubetonierten, regenschweren Nacht dieses Romans auf, aber das Virus ist stärker. Vergeblich sucht man nach dem Reset-Button. Irgendwo muss es so einen Knopf doch geben, der all das löscht und die Welt in einem erholten Zustand wieder auferstehen lässt, mit Bäumen, Himmel und Wasser.

Rückzug in das einfache Leben

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In seinem Essay "Resistance to Civil Government" verargumentiert Thoreaus die Weigerung, seine Steuerschuld zu begleichen - und inspiriert Gandhi und Martin Luther King zum gewissensgeleiteten, gewaltfreien Widerstand gegen die Obrigkeit.

Bei Camus geht sein Held Rieux auf dem Gipfel der Epidemie nachts baden im Meer. In diesem Augenblick hat die Pest keine Realität mehr für ihn. In aller Ruhe betrachtet er die Sterne. In "Walden" von 1854 beschreibt H.D. Thoreau ein Experiment, das einem Reset-Button ziemlich nahe kommt. Er streift alles Überflüssige von sich ab und baut sich eine Hütte im Wald.

Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde. aus Henry David Thoreau "Walden"

"Walden" ist der Versuch einer Heilung von den Zivilisationskrankheiten. Bei Thoreau zeigt sich, wie verzerrt viele Begriffe in den gesellschaftlichen Zusammenhängen geworden sind. Reich ist bei ihm nicht derjenige, der viel besitzt, sondern der, der seinen Verstand nicht seiner Fantasie unterordnet.

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In eine Hütte am "Walden Pond" in den Wäldern von Massachussets zog sich der 37-jährige Thoreau zurück, um ein einfaches Leben zu führen.

Immer geht es bei Thoreau darum, die "Lebenswärme" zu erhalten. Das ist zunächst ganz praktisch gemeint. Im Winter braucht der Mensch ein Feuer. Aber Wärme meint bei ihm auch Demut. Demut vor den Menschen und Demut vor der Natur. Vielleicht ist tatsächlich "Walden" das Buch der Stunde, mit seiner ermutigenden Botschaft, dass jeder Tag ein neuer Anfang ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.04.2020 | 19:00 Uhr

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