Stand: 13.06.2017 08:15 Uhr

NDR Kultur setzt Zusammenarbeit aus

von Ulrich Kühn

In den von einer unabhängigen Jury gekürten "Sachbüchern des Monats" ist mit "Finis Germania" des Historikers Rolf Peter Sieferle ein Titel empfohlen worden, der für NDR Kultur nicht tragbar ist. Nach Einschätzung von NDR Kultur und anderen Kritikern äußert der Autor in dem Buch rechtslastige Ideen und Verschwörungstheorien. Die Redaktion setzt daher die Zusammenarbeit mit der Jury aus.

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Bestenliste "Sachbücher des Monats": Zusammenarbeit mit Jury ausgesetzt.

Seit über fünfzehn Jahren veröffentlicht NDR Kultur gemeinsam mit der "Süddeutschen Zeitung" die "Sachbücher des Monats". Es handelt sich um die Empfehlungsliste einer unabhängigen Jury. Das Gremium ist hochkarätig besetzt: Es besteht aus renommierten Wissenschaftlern sowie Autoren und Redakteuren großer deutscher Medienunternehmen, darunter "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt", "Süddeutsche Zeitung", "Der Spiegel", "Die Zeit" und "Deutschlandfunk". In der aktuellen Ausgabe der Sachbuchliste findet sich nun auf Rang neun das posthum erschienene Buch "Finis Germania" des Historikers Rolf Peter Sieferle. An der Aufnahme dieses Buchs in die "Sachbücher des Monats" hat sich eine heftige Diskussion entzündet, in deren Folge NDR Kultur die Zusammenarbeit mit der Jury nun aussetzt.

Rechtslastige Ideen und Verschwörungstheorien

Nach Einschätzung von NDR Kultur und anderen Kritikern äußert der Autor in dem Buch rechtslastige Ideen und Verschwörungstheorien. Die Fallhöhe ist beträchtlich: Rolf Peter Sieferle war Historiker von akademischer Reputation, er lehrte zuletzt als Professor in St. Gallen. Etlichen galt er früher als intellektueller Geheimtipp, als "Zivilisationskritiker" und Universalgelehrter alten Schlags. Im vergangenen Herbst nahm sich Sieferle, der schwer erkrankt war, das Leben. Sein letztes abgeschlossenes Werk "Das Migrationsproblem" ließ nach Ansicht der Kritiker die scharfe Wendung nach rechts erkennen. Der posthum publizierte schmale Band "Finis Germania", um den es nun geht, enthält Formeln durchaus einschlägiger Provenienz. "Der Deutsche", heißt es da, ähnele dem "Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben und der für alle Zeiten in der Finsternis verharren wird". Von Auschwitz als dem "letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt" ist die Rede, von einer "neuen Staatsreligion", deren "Erstes Gebot" laute: "Du sollst keinen Holocaust neben mir haben." Und weiter: "Da der Holocaust keinem profanen, sondern einem auserwählten Volk widerfahren ist, wurde das Volk der Täter ebenfalls der profanen Geschichte entrückt und in den Status der Unvergänglichkeit erhoben."

"Gravierende Fehlentscheidung der Jury"

In den vergangenen Tagen haben Presseartikel den Gedanken nahezulegen versucht, die Aufnahme dieses Buchs in die Sachbuchliste sei ein Indiz dafür, wie sich Feuilletons und Kulturredaktionen rechtsextremen Ideen annäherten. Dem widerspricht Barbara Mirow, Leiterin von NDR Kultur: "Die Empfehlung der Jury ist für uns nicht tragbar. Wir distanzieren uns entschieden. Bis zur vollständigen Aufklärung der Frage, wie es zu dieser gravierenden Fehleinschätzung der Jury kommen konnte, werden wir die Zusammenarbeit mit den 'Sachbüchern des Monats' aussetzen. Und wir werden die Liste vorerst nicht mehr veröffentlichen."

Andreas Wang, ehemals Redakteur bei NDR Kultur und seit 2010 im Ruhestand, ist federführend für die Arbeit der Jury. Er legt Wert darauf, dass das Gremium unbeeinflusst und unabhängig zu seinen Empfehlungen gelangt: "Mir ist es auch noch einmal wichtig zu betonen, dass wir als Jury vollkommen unabhängig arbeiten. Wir allein wählen die Bücher aus."

Inzwischen habe sich innerhalb der Jury eine intensiv geführte Diskussion entwickelt. Das umstrittene Buch, so Wang, gehöre nicht auf die Liste, "... weil es eben doch offensichtlich eine Geschichtsauffassung publiziert, die so umstritten ist, dass sie aus der Perspektive der meisten, die das Buch sich jetzt noch einmal angeguckt haben, eben doch in eine extrem rechte Ecke hineinkommt. Und von daher gesehen kann man über das Buch sprechen, aber es gehört nicht auf unsere Liste als ein besonders hervorzuhebendes oder gutes Buch."

Mängel im Verfahren

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Wirbel um Buch-Tipp: Jurymitglied tritt zurück

12.06.2017 23:20 Uhr
ZAPP

Ein umstrittenes Werk mit rechtslastigen Verschwörungstheorien landete auf der Sachbuchliste des Monats Juni von NDR und SZ. Der Juror, der es empfohlen hatte, ist zurückgetreten. mehr

Wie gelangte das Buch dann auf die Liste? Der Grund liege offenbar im internen Verfahren und seiner Handhabung - die nun überarbeitet werden sollen, so Wang: "Einstimmigkeit herrscht darüber, dass jedes Jurymitglied frei ist, seine Meinung durch die Vergabe von Punkten kundzutun. Wir akzeptieren jedoch keine politische Instrumentalisierung dieser Liste durch gezielte Platzierung. Im übrigen werden wir das Verfahren der listenmäßigen Nominierung derart erneuern, dass eine solche Einzelplatzierung nicht mehr möglich ist."

Der Juror, der das Buch nominiert hatte, Johannes Saltzwedel vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", ist inzwischen aus der Jury zurückgetreten. Er bedauert die Verwerfung, die seine Entscheidung hervorgerufen hat: "Ich wollte auf keinen Fall das Renommee der Sachbuchbestenliste beschädigen". Saltzwedel habe aber "bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen wollen".

NDR Kultur bedauert die Veröffentlichung der Juni-Liste mit dem Buch von Rolf Peter Sieferle. Dazu Barbara Mirow: "Wir konnten gut 15 Jahre lang auf die Empfehlungen der wirklich sehr renommierten Jury vertrauen. In diesem Fall, das müssen wir einfach selbstkritisch einräumen, hätten wir, die wir die Liste veröffentlichen, genauer hinschauen müssen."

Weitere Informationen

Übersicht: Die Sachbücher des Monats

NDR Kultur

Einmal im Monat hat NDR Kultur bisher die "Sachbücher des Montas", gekürt von einer unabhängigen Jury, veröffentlicht. Die Zusammenarbeit ruht zurzeit. Hier finden Sie die vergangenen Platzierungen. mehr

Sachbücher des Monats Juni 2017

Mit der Empfehlung von "Finis Germania" in der Juni-Liste hat die Jury eine gravierende Fehlentscheidung getroffen, die für NDR Kultur nicht tragbar ist. Hier finden Sie alle anderen Titel. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.06.2017 | 12:20 Uhr

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