Stand: 01.07.2020 18:59 Uhr  - NDR Kultur

Mythos Suhrkamp - Ein Verlag wird 70

Vor 70 Jahren wurde der Suhrkamp Verlag von gegründet. Welche Geschichte verbindet sich mit diesem Verlagshaus? Welche Themen, welche Autoren, welche Debatten prägten von Frankfurt am Main aus das kulturelle Leben in Deutschland? Der Historiker und Kulturwissenschaftler Philipp Felsch hat sich mit der Geschichte des Suhrkamp Verlages beschäftigt.

Herr Felsch, es ist oft von der sogenannten Suhrkamp-Kultur die Rede. Was macht diese Suhrkamp-Kultur aus?

Bild vergrößern
"Der Mythos von Suhrkamp besteht natürlich fort", findet Philipp Felsch.

Philipp Felsch: Der Begriff stammt von dem englischen Kulturkritiker George Steiner aus den 70er-Jahren. Steiner meinte damit, dass es dem Suhrkamp Verlag beinahe im Alleingang gelungen sei, in der westlichen Bundesrepublik einen Lesekanon, eine Kultur zu etablieren, die sich dadurch auszeichnet, Antithese zur nationalsozialistischen Vergangenheit zu sein. Suhrkamp-Kultur bedeutete einerseits literarische, philosophische und theoretische Moderne und andererseits die Stimmen der jüdischen Emigranten in Deutschland nach dem Krieg wieder heimisch gemacht zu haben. In den 70er-Jahren bedeutete Suhrkamp-Kultur bestimmt auch die Ausrüstung einer neuen jungen Generation von Intellektuellen, von Studenten, mit diesem damals magisch leuchtenden Genre der Theorie.

Unter anderem wurden Autoren verlegt wie Walter Benjamin, Jürgen Habermas oder Theodor W. Adorno, der sich nach dem Krieg, nach seiner Rückkehr nach Deutschland wunderte, dass die Studenten so kulturbeflissen sind. Eigentlich hatte Adorno eine kulturelle Wüste nach dem Nationalsozialismus erwartet. War das auch ein Stück Suhrkamp-Kultur?

Felsch: Ja. Diese Briefe, die Adorno nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik schreibt, sind ganz interessant. Er ist in der Tat überrascht über den Kulturhunger seiner Studenten, den er natürlich in seinen Veranstaltungen bedient hat. Er hat sich auch kritisch dazu geäußert. Dieser Kulturhunger war auch ein Weg, apolitisch zu sein und sich mit den drängenden politischen Fragen der jüngsten Vergangenheit nicht auseinandersetzen zu müssen. Und trotz allem hat dieser Kulturhunger der deutschen Studenten über solche Gewährsleute wie Adorno dazu beigetragen, dass an bestimmte Traditionslinien angeknüpft werden konnte, die nicht von der nationalsozialistischen Herrschaft kontaminiert worden waren. Dieser Kulturhunger mündet dann in die Theoriebegeisterung der Studenten. Und da ist ein Autor wie Adorno, der ästhetische Theorie am Gegenstand von Kultur und Kunst betreibt, ganz entscheidend für den Übergang gewesen.

Siegfried Unseld, der den Verlag von 1959 bis 2002 leitete, war ein Verleger, der sich noch wahrlich um seine Autoren kümmerte - so heißt es. Was war er für eine Verlegergestalt?

Bild vergrößern
Siegfried Unseld war von 1959 bis zu seinem Tod im Jahr 2002 Leiter des Suhrkamp Verlages.

Felsch: Siegfried Unseld ist wahrscheinlich der größte Verleger-Mythos der deutschen Nachkriegsgeschichte, zumindest im Westen. Auf der einen Seite natürlich eine ganz klassische Verlegerfigur, patriarchal - ob man sich sein Verhältnis zu den Frauen oder zu seinen Autoren ansieht. Immer wieder lesenswert sind die Briefwechsel, die Unseld mit seinen Autoren geführt hat: Da geht es tatsächlich ganz oft um Geld.

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass Unseld mit seinem Charisma der Mann der Moderne im Suhrkamp Verlag gewesen ist. Als sein Vorgänger Peter Suhrkamp, der ihn zum Verlag geholt hat, sich damit noch überhaupt nicht anfreunden konnte, hat Unseld das Taschenbuch bei Suhrkamp durchgesetzt. Er hat durchgesetzt, dass ein Mann wie Willy Fleckhaus diese grellbunten Cover der Edition Suhrkamp ihrerseits zu einem Mythos machen konnte. Das Interessante an Unseld ist, dass er habituell diese patriarchalische Gestalt darstellt und zugleich ein progressiver Geist der Moderne war. Mit diesem Impetus konnte er dieses Suhrkamp-Programm und die Suhrkamp-Kultur überhaupt erst durchsetzen und etablieren.

Unseld wollte unbedingt die Taschenbuchreihe auf den Markt bringen. Die Skepsis der Autoren war sehr groß - aber es klappte überraschend gut, vor allem mit dem Design von Willy Fleckhaus. War das die Marketingidee schlechthin?

Bild vergrößern
2019 ist der Suhrkamp Verlag in ein Gebäude-Ensemble am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin umgezogen.

Felsch: Ja, bestimmt. Man spricht von der Paperback-Revolution, also von der Taschenbuch-Revolution als vielleicht erstem Stadium der Kulturrevolution, die die 60er-Jahre auszeichnet. Und auch hier ist Suhrkamp ganz maßgeblich beteiligt. Wenn man sich die Wirkungsgeschichte dieses Verlages anguckt, darf man nicht nur auf seine Inhalte, sondern muss auch auf deren formale verlegerische Präsentation schauen. Und die Einführung des Taschenbuches - nicht nur durch Suhrkamp, aber auch durch Suhrkamp - gehört ganz entscheidend dazu. Suhrkamp hat das Taschenbuch dann zu einem Medium der Hochkultur gemacht. Die Diskussion, ob man einen Wittgenstein, einen Adorno, später auch einen Hegel, einen Kant zwischen Taschenbuchdeckel bringen darf - für die damalige Zeit ist das ein ähnliches Sakrileg gewesen und hat ähnliche kulturkritische Debatten befeuert wie heutzutage die Diskussion um Digitalisierung und Internet. Diese programmatische Demokratisierung der Buchkultur ist sicherlich ein ganz entscheidendes Moment, das dann in die Kulturrevolution der 60er-Jahre mündet. Hier spielt Suhrkamp auch eine Vorreiterrolle.

Nach Unselds Tod gab es ewige Streitigkeiten um die Leitung im Verlag, bis sich Ulla Berkéwicz schließlich durchsetzte. Dann kam der Wechsel von Frankfurt nach Berlin. Wie sehen Sie heute das Haus Suhrkamp, das immer punkten konnte, mit alten Erfolgen, mit einem ehrwürdigen Autorenensemble? Reichen diese Erfolge bis heute?

Felsch: Ja, natürlich reichen sie in gewisser Weise. Der Mythos von Suhrkamp besteht natürlich fort; er war so groß, dass er sich nicht innerhalb von wenigen Jahren in Luft auflöst. Trotzdem muss man sagen, dass Suhrkamp aktuell ein Verlag unter anderen deutschen Verlagen ist. Ich glaube, dass das nicht nur den Suhrkamp Verlag betrifft, sondern dass ein Verlagshaus heutzutage sowieso nicht mehr die hegemoniale und ausstrahlungsstarke Position besetzen kann wie etwa in den 60er-Jahren. Die Bedeutung, das Gewicht des gedruckten Wortes hat einfach abgenommen. Insofern ist das nicht nur eine Geschichte, die den Suhrkamp Verlag betrifft - aber den Suhrkamp Verlag besonders, weil er dieser Mythos in der Vergangenheit war. Den besitzt er so nicht mehr, und den wird er auch nicht zurückerlangen. Insofern ist er ein Verlag neben anderen Verlagen, bei dem man als Autor oder als Autorin immer noch am allerliebsten sein Buch unterbringen möchte. Aber der Mythos spielt nach wie vor eine Rolle, auch wenn er vom aktuellen Programm vielleicht nicht immer gedeckt wird.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Bücher der "edition suhrkamp" aus dem Suhrkamp Verlag © picture alliance / dpa

Mythos Suhrkamp - Ein Verlag wird 70

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Vor 70 Jahren wurde der Suhrkamp Verlag gegründet. Welche Geschichte verbindet sich mit diesem Verlagshaus? Ein Gespräch mit dem Historiker Philipp Felsch.

5 bei 2 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.07.2020 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Mythos-Suhrkamp-Ein-Verlag-wird-70,suhrkamp124.html

Mehr Kultur

02:18
NDR Fernsehen
13:23
NDR 1 Welle Nord