Stand: 24.06.2020 12:19 Uhr  - NDR Kultur

Moment Mal...! Ein Hamburger Geschichtsprojekt

von Anina Pommerenke

Wenn Sie in den kommenden zwei Monaten im Hamburger Norden ein Lastenrad mit Schreibmaschine sehen, dann sollten Sie sich vielleicht einen "Moment Mal" Zeit nehmen. Denn dahinter steckt ein Projekt für mobile Geschichtsschreibung, an dem jeder, der Lust hat, teilnehmen kann. Das Bürgerhaus Barmbek, das Goldbekhaus, die Zinnschmelze und das ella Kulturhaus Langenhorn haben sich für dieses Projekt zusammen getan. Zwei Monate wird es in Hamburgs Norden laufen. Das Ziel: eine gemeinsam geschriebene Geschichte.

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Das Lastenrad mit darauf montierter Schreibmaschine fährt zwei Monate lang durch Hamburgs Norden.

"Sie können gerne näher rankommen und mal schauen." Auf der großen Stadtparkwiese sonnen sich Menschen in Bikini und Badehose oder kicken sich Fußbälle zu. Einige springen bei 24 Grad und strahlendem Sonnenschein in den Stadtparksee. Dazwischen stehen die Projektkoordinatoren von "Moment Mal" Annika Wulf und Avraham Rosenblum mit einem mobilen Lastenrad. Darauf ist eine Schreibmaschine montiert. Sie laden die vorbeischlendernden Passanten ein, einen kurzen Text zu verfassen: "Wir wollten jetzt in dieser komischen Zeit ein Projekt machen, dass die Leute zusammen machen können, aber doch versetzt - wegen der Abstandsregeln. Wir sind auf die Idee gekommen, die Geschichten dieser Zeiten aufzuschreiben - und zwar von uns geschrieben. Wir wären sehr dankbar, wenn du zwei, vier, fünf Zeilen aufschreiben könntest. Worüber ist egal - du kannst dir die Zeilen davor durchlesen oder, wenn es dir nicht gefällt, was neues schreiben."

Kindheitserinnerungen an der Schreibmaschine

Hamida ist heute eine von vielen, die auf dem knallroten Klappstuhl vor dem Lastenrad Platz nimmt. Als Kind hat sie das letzte Mal auf einer Schreibmaschine geschrieben: "Wir hatten zu Hause so eine Schreibmaschine im Laden von meinem Vater. Da haben wir immer drauf rumgetippt. Da musste man aber immer aufpassen, dass die Maschine das auch mitmacht und dass man nicht zu viel auf einmal drückt... das haben wir gerne gemacht."

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Die Schreibmaschine weckt bei einigen Passanten Kindheitserinnerungen.

Aufmerksam liest sie sich die Zeilen durch, die vor ihr ein paar Kinder geschrieben haben. Es geht um die Verschmutzung der Umwelt durch Plastik und was man tun kann, um Delfine und Wale zu retten. Die Referendarin spinnt die Geschichte weiter: "Und so machen wir uns auf den Weg, mit einem Schlauchboot. Wir fühlen uns wie Greenpeace bei ihrer ersten Aktion, als sie nach Alaska schipperten - Idefix ist auch dabei und fischt schon die erste Plastiktüte aus dem Wasser. Der alte Gauner hatte schon immer ein Faible für alles, was raschelt... na, das kann ja lustig werden mit unserer Rettungsaktion."

Willkommene Abwechslung

Wenig später - und nach einer ausführlichen Desinfektion der Schreibmaschine - bleibt ein Pärchen stehen und verfasst gemeinsam ein paar Zeilen und bringt die Geschichte wieder: "Wir sind gerade auf dem Weg zu unserem Feierabendbierchen. Wir genießen die Sonne und die freie Zeit, die wir durch Corona haben. Aber wir würden auch gerne mal wieder was tun. Ich bin nicht so kreativ, aber ich finde es ganz interessant, dass man Leute einfach mal fragt, was sie im Moment machen und dass man das mal alles zusammen fasst. Also eigentlich eine ganze interessante und witzige Idee."

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Geschrieben werden darf alles, worauf man Lust hat. Auch das Genre spielt keine Rolle.

Die fertige Geschichte wird in zwei Monaten im Internet nachzulesen sein und sie soll außerdem künstlerisch interpretiert werden. Dafür werden die Kultureinrichtungen einen Open Call ausschreiben, erklärt Avraham Rosenblum: "Es ist ganz offen. Wir freuen uns da auf sehr kreative Kunstwerke. Ob es nun ein Gemälde, eine Skulptur, ein Musikstück, Impro-Theater oder ein Monolog wird. Ich bin sehr gespannt und freue mich auf diese Phase."

"Dieses Funkeln in den Augen"

Er hat bei seinem ersten Einsatz das Gefühl, dass das Projekt gut ankommt: "Es macht auch Spaß, die Reaktionen zu sehen und dieses Funkeln in den Augen von den Leuten, die Lust drauf haben zu entdecken. Und wie sie von dieser Maschine angezogen werden und dann tatsächlich an dem Projekt teilnehmen. Es ist super spannend zu sehen, wie sich die verschiedenen Prozesse manifestieren."

Von tagebuchartigen Einträgen bis zum Krimi und einer Abenteuer-Expedition ist einiges dabei. Dreimal war das Lastenrad schon unterwegs. Vier Seiten Schreibmaschinen-Text sind bisher zusammen gekommen. In den kommenden zwei Monaten dürften es noch einige mehr werden. Wo genau das Lastenrad unterwegs ist, kann man auf der Facebook-Seite des Barmbeker Bürgerhauses nachvollziehen.

Ein Lastenrad mit darauf montierter Schreibmaschine bilden die mobile Geschichtswerkstatt "Moment Mal". © NDR Foto: Anina Pommerenke

"MomentMal!": Die mobile Geschichtswerkstatt

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

In den kommenden zwei Monaten fährt ein Lastenrad mit Schreibmaschine durch den Hamburger Norden. Das Ziel: eine gemeinsam geschriebene Geschichte.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 24.06.2020 | 07:20 Uhr

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