Familien laufen mit ihren Laternen beim Sankt-Martins-Umzug mit. © dpa Themendienst | Mascha Brichta Foto: Mascha Brichta

Mehr Licht! Die dunkle Jahreszeit heller denken

Stand: 20.11.2021 09:17 Uhr

Hannah Lühmann, stellvertretende Feuilleton-Chefin der Tageszeitung "DIE WELT", denkt in ihrem Essay darüber nach, warum der November der Monat trüber Allgemeinplätze ist und was man dagegen tun kann.

Familien laufen mit ihren Laternen beim Sankt-Martins-Umzug mit. © dpa Themendienst | Mascha Brichta Foto: Mascha Brichta
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von Hannah Lühmann

Ich habe neulich den Laternenumzug meines Sohnes vergessen, und als ich in der Kita eintraf, um ihn, wie jeden Morgen, dort abzugeben, war ich so überrascht von den flackernden Elektrolichtern in ihren Papiertüten an der Eingangstür, dass ich eine große kindliche Freude empfand. Sie wurde sofort gefolgt von einem Gefühl des mütterlichen Totalversagens, als ich Dani, die sehr liebenswürdige und nur gelegentlich etwas ruppige Erzieherin meines Sohnes, fragte, was es denn heute Schönes gebe und sie mir entgegenwarf, der Laternenumzug am 11. November stehe doch schon seit Ewigkeiten am Info-Brett für die Eltern angeschrieben.

Ein unverhoffter Laternenumzug

Es war eine für mich typische Verdrängungsaktion von wichtigen Alltagsthemen gewesen; das Thema "Laternenumzug" hatte meine Gedanken in diesem ersten Kita-Winter unseres Sohnes nämlich durchaus beschäftigt. Ich finde Laternenumzüge das Romantischste überhaupt und schon der Gedanke an meinen 15 Monate alten Wackelbären, wie er einen Holzstab mit einer winzigen Elektroleuchte in einem Lamellenmond aus buntem Transparentpapier vor sich herträgt, rührt mich fast zu Tränen.

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Szene mit dem Heiligen Martin auf einer Altartafel des 15. Jahrhunderts von Bicci de Lorenzo © akg-images /dpa-Picture alliance Foto: Rabatti Dominque

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Ich hatte, aus einer Art Untergangslust, ohne es zu prüfen, überall verbreitet, es werde ja wahrscheinlich keinen Umzug geben, "wegen Corona", und dass das schon echt nerve. Und außerdem hatte ich mich, ohne final Partei zu beziehen, gefragt, ob man "Sankt Martin" noch sagen dürfe oder ob die Bezeichnung "Laternenfest", die unsere Kita verwendete, schon eine Reaktion auf das diverse und nicht unbedingt mehrheitlich christliche Umfeld in meiner Kita war, in der es zum Beispiel auch kein Schweinefleisch gibt (was ich nur sinnvoll finde). Das Bedürfnis, den eigenen kleinen Alltag mit den großen Themen unserer Zeit zu verknüpfen, ist einfach sehr groß.

Ich überließ meinen Sohn dem Waffel-Frühstück, das die Erzieher vorbereitet hatten, verklickerte meiner Redaktion, dass ich früher weg musste, weil ich ihn am Tag des Laternenumzugs natürlich keineswegs wie geplant am Nachmittag zu seinen Großeltern bringen konnte (mein Mann war beruflich in Hamburg), und versuchte, den Text, an dem ich schrieb und für den ich nun nur die Hälfte der ursprünglich eingeplanten Zeit hatte, irgendwie fertig zu bekommen - ich scheiterte. Zwei die Nachtschicht, die ich würde leisten müssen, antizipierende Verzweiflungsanfälle später stand ich mit meinem Sohn vor der Kita und wir nahmen die Laterne mit seinem Namen drauf entgegen. Die älteren Kinder hatten sie für ihn gebastelt und er hatte einen Katzen-Sticker darauf geklebt.

Ein großes Glücksgefühl - trotz kaputter Laterne

Innerhalb von wenigen Minuten zerstörte mein Sohn seine Laterne durch wildes Herumfuchteln mit dem Laternenstab, den er sich trotz des mich leicht beunruhigenden, nun mehr losen Drahthakens nicht mehr entwinden ließ. Er trug den Stab, ich die Laterne, der Kinderaufzug setzte sich in Bewegung. Wir sangen, "Ich gehe mit meiner Laterne" und "Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne" und dann noch ein Lied über zwei Kühe, die an einem Laternenumzug teilnehmen wollen. Am Spielplatz war schon wieder Schluss, aber man wäre auch so stehengeblieben, vor uns erstrahlte ein Feenland. Es war mittlerweile komplett dunkel geworden, die Erzieher hatten das Klettergerüst mit einer riesigen Lichterkette behängt, überall standen kleine - echte! - Kerzen in Pausenbrottüten, wir bildeten einen Kreis und sangen. Es gab Waffeln und Kakao. Während ich meinen Sohn, der bei Kita-Festen ein großes Unabhängigkeitsbedürfnis hat, über den Spielplatz verfolgte, überkam mich, zum zweiten Mal an diesem Tag, ein großes Glücksgefühl. Und ich begann, mich zu fragen, ganz im Allgemeinen, ob wirklich alles so schlimm ist, wie die Leute immer sagen, und warum es eigentlich so ist, dass meine Social-Media-Timelines voll sind von Posts, die so klingen, als ob wir in einer Art Endzeit lebten. Liegt es am November? Hier sind elf Gemeinplätze über unsere vermeintlich düstere Gegenwart und warum sie vielleicht nicht stimmen.

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Eine Reihe von Uhren steht in einem leeren Fabrikgebäude. Eine zeigerlose Uhr ist frontal zu sehen. © Roberto Agagliate / photocase.de Foto: Roberto Agagliate

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Radio-Essays für neugierige Hörer: Immer sonntags diskutieren namhafte Autoren unsere Weltbilder und liefern Diagnosen zur geistigen Situation der Zeit. mehr

 1. Wir leben in einer Gesellschaft der Selbstoptimierung

Die Dunkelheit, so könnte man es empfinden, ist ja eine Art Lockdown, und während der letzten wirklichen Lockdowns ist bei vielen Menschen die Vorstellung entstanden, es gäbe einen irgendwie gearteten sozialen Druck, sich in der leerlaufenden Zeit "optimieren" zu müssen. Meist wurde der Topos in der ironischen Verneinung vorgetragen: Man schrieb auf Instagram oder Twitter, man habe keine Fremdsprache gelernt, keine Yoga Challenge absolviert, keine komplizierten Gerichte gekocht. Man fühlte sich damit subversiv und mutig, weil man sich dem "Zeitgeist der Selbstoptimierung" entgegenstellte, und sich dem Zeitgeist der Selbstoptimierung entgegen zu stellen, ist immer eine sichere Bank. Ich glaube, die Vorstellung, auf einem laste der ständige erwartungsvolle Blick "der Gesellschaft" ist ein verschobener Narzissmus. Niemand erwartet etwas. Wir können uns entspannen.

 2. Wir werden von verzerrten Schönheitsidealen gepeinigt

Der Influencer Kurt Krömer postete neulich ein Foto von sich auf Instagram, nackt auf einem Stuhl sitzend. Man erkannte bei näherer Betrachtung ein kleines Bäuchlein, dem Text unter dem Foto kann man entnehmen, dass Krömer sein Nacktfoto als Statement gegen Bodyshaming verstanden wissen will. Er finde es "krass", dass es heutzutage "immer noch Richtlinien" für "anscheinend perfekte Körper" gebe. Seine Follower waren begeistert von diesem Foto, sie feierten ihn für seinen Mut. Ich dachte nur, dass Krömer sich freuen kann, dass er keine Frau ist, weil er dann garantiert wirklich fiese Kommentare für seinen Bauch bekommen hätte. Aber gleichzeitig dachte ich: Ist es eigentlich wirklich so schlimm mit den Schönheitsidealen, wie alle ständig behaupten? Ich kenne niemanden, der einem entspricht.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 20.11.2021 | 13:00 Uhr