Schuhe eines Wanderers vor einem Sonnenuntergang © imago images / Addictive Stock

"Leben im Lockdown": Wandern als Familienausgleich

Stand: 14.01.2021 09:14 Uhr

Es gibt viele Ideen für coronakonforme Familienhobbys: eine kleine Hauswirtschaftsschule inklusive Kochunterricht zum Beispiel. Für 2021 aber heißt das Motto: Hinaus ins Freie! Findet Lenore Lötsch.

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von Lenore Lötsch

Man muss mit der Zeit gehen! Und weil die Zeit sich den neuen Vornamen Corona gesucht hat, wandern wir und träumen in großen Schritten vom Sommer: Der Europäische Fernwanderweg E9 verläuft quasi direkt vor der Rostocker Haustür. Wahlweise würden wir in Portugal ankommen oder in Estland. Die neue Wanderoffensive unserer Familie im Januar allerdings benutzt einen Zirkel und eine Wanderkarte aus dem letzten Jahrhundert für die Reiseplanung und die Namen der Orte in 15 Kilometer Entfernung erfreuen zumindest die Teenager: Sagenheiden? Poppendorf!

Wandern ist ein großes Wort für das, was wir da im Mecklenburger Fichtenwald tun. So ganz ohne Funktionskleidung, ohne Trekkingstöcke, ohne Navigationssystem. Die Karte ist hier zu Ende - wenn man weiter nach Norden will, brauchen wir eine andere Karte. Haben wir eigentlich Müsliriegel mit?

Aufregung auf dem Wanderweg

Minute drei des Spaziergangs und ich weiß, warum Antonín Dvořák bei seinen ausgedehnten Wanderungen durch Mittelböhmen frühmorgens um vier aufstand und den ersten Gang durch die Natur ohne seine Familie absolvierte. "Wandern boomt" liest man überall. Nach einer Studie des Deutschen Wanderverbands sind rund 70 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung aktive Wanderer. Ob diese Aktivität auch mit Freude verbunden ist - das Gesicht des Sohnes ist da noch unentschlossen.

Ich bin halt nicht der große Wanderfreund! Ich erinnere mich dunkel, dass dieser Satz auch meinen Mund schon verlassen hat. Wanderungen hießen damals Sonntagsspaziergänge und wurden mit - anfangs - weißen Strumpfhosen absolviert. Wir aber haben eine Mission: Wir gehen durch den Wald, für die Aufregung sorgen die Spuren links und rechts: Wildschweine? Vielleicht sollten wir lieber an einer Straße lang!

Für Angst braucht es nur eine Kreuzung

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Frau wandert im herbstlichen Wald. © fotolia Foto: ruslan_khismatov

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Ich habe bei den großen Wanderern der Geistesgeschichte noch einmal nachgelesen: Keiner spricht in den seitenlangen Schwärmereien über das Gehen, das Flanieren, das Spazieren, über Wildschweine. Rousseau aber zum Beispiel weiß, wie die schönste Gegend zum Wandern aussieht: "Bäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, schroffe Pfade, die ebenso schwer zu erklettern wie hinabzusteigen sind, Abgründe auf beiden Seiten, die mir Angst einjagen".

Um uns Angst einzujagen, braucht es nur eine Kreuzung. 20.000 Wegezeichner kümmern sich ehrenamtlich deutschlandweit um rund 200.000 Kilometer Wanderwege. Die im Umkreis von Poppendorf schlängeln sich allerdings undercover durch die Landschaft, wir finden nur einen Weg für Pferde.

Keine Wanderung, ohne sich verlaufen zu haben

Folgen wir dem Weg der Pferde! Ich sag' nur: Ich wär' da lang gegangen! Die schmerzhafte Wahrheit über die elterliche Wanderlust ist nämlich die: Mir fällt keine einzige Wanderung ein, wo wir uns nicht verlaufen haben!

Wie läuft's? Geht so! Inklusiver aller verfügbaren Holz- und Umwege. Das ist das bisherige Fazit unserer Mikroabenteuer vor der Haustür: Einmal im Moor gelandet. Einmal um 15.30 Uhr im mecklenburgischen Nirgendwo - und ich wollte mit Blick über die Felder nur noch ein längst vergessenes Lied der DDR-Singebewegung zitieren: "Rauch steigt vom Dach auf, das kann heißen, da ist Leben." Kurz vor Einbruch der Dunkelheit haben wir damals doch noch ein Dach entdeckt! Größere Freude hab' ich in diesem Jahr noch nicht verspürt.

Großes Finale nach Stunden

Wir stellen fest: Wir wandern eher so in der Beethoventradition. Den haben nämlich weder Wetter noch Kleidung interessiert, was allerdings auch dazu führte, dass er, als er sich verirrt hatte in seinem abgerissenen Mantel, ein wenig desorientiert durch Wien stapfte und einmal sogar verhaftet wurde. Beethoven brachte von seinen Wanderungen die Idee für das Finale der Appassionata mit.

Wir entdecken Historie im Wald: Ne Handgranate! Hier?! Nicht anfassen! An sich müssen wir jetzt den Bergungsdienst anrufen! Aber das ist doch das, was wir im Sportunterricht hatten, oder? Was? Was habt ihr denn für einen Sportunterricht gehabt, fragen die Kinder. Mühelos also auch den Geschichtsunterricht noch untergebracht in den Wandertag.

Der Rest ist Schwärmen: Zumindest denkt man anders nach, als wenn man da am Schreibtisch sitzt und die Anregungen zum Nachdenken vom Computerbildschirm bezieht. Also das ist schon 'ne andere Form zu denken und insofern kommen auch andere Ideen raus. Das ist mal sicher! Nach Stunden hat die Zivilisation uns wieder. Und die Tochter plant schon mal das komplette Wanderjahr.

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Dieses Thema im Programm:

Klassisch in den Tag | 14.01.2021 | 07:20 Uhr