Stand: 24.10.2019 18:22 Uhr  - NDR Kultur

"Die Oper muss besonders gefeiert werden"

Heute findet der erste World Opera Day statt, ein Tag, an dem Opernhäuser, Opernmenschen und Opernfans die Kunstform und ihren Wert feiern. Natürlich wurde der 25. Oktober nicht zufällig, sondern ganz gezielt ausgewählt. Heute sind die Geburtstage von Georges Bizet und Johann Strauß, dem Walzerkönig. Ein Gespräch mit der Intendantin der Staatsoper Hannover, Laura Berman.

Frau Berman, geht es der Oper heutzutage so schlecht, dass sie einen eigenen Tag braucht?

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"Wir müssen unsere Türen öffnen für andere Gesangs- und Musikkulturen", findet Laura Berman.

Laura Berman: Vieles hat eigene Tage. Es gibt auch einen Welttanztag, einen Weltballetttag - ich glaube, es gibt es sogar einen Weltyogatag. Die Oper muss auch besonders gefeiert werden.

Die Oper geht mit der Zeit.

Berman: Ja, richtig. Man meint auch immer wieder, dass das Theater aus der Gesellschaft verschwindet. Aber es bleibt noch am Leben, und das ist auch gut so.

Und wieso bleibt die Oper am Leben? Wieso ist das auch gut so?

Berman: Ich glaube, das hat mit unserer Liebe zur Musik und zum Gesang zu tun. Das gehört zum Wesen Mensch. Wir sind immer davon fasziniert, wenn andere Menschen etwas mit ihren Körpern machen können, was wir selbst nicht tun können. Die sind stellvertretend für uns da. Sie drücken aus, was wir gern zum Ausdruck bringen wollen. Das Besondere an der Oper ist: In dem Moment, wo man Erzählungen oder Theater mit Musik kombiniert, greift das anders. Es ist leichter, andere Themen abzuhandeln. Wenn wir bestimmte Texte singen, dann wirken sie nicht mehr so absurd oder banal.

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Wenn es zum Beispiel um politische Anstrebungen oder Utopien geht und wir sie in einem ganz normalen Satz sprechen, dann wirkt das irgendwie flach oder übertrieben - weil das so nah an unserem Alltag ist. Aber in dem Moment, wo Musik ins Spiel kommt, kommen wir in eine andere Sphäre hinein. Deswegen singen Menschen, wenn sie in die Kirche gehen oder wenn sie beten, weil Musik uns in einen anderen Raum transportiert. Es ruft ganz andere Emotionen hervor. Wenn wir der Musik lauschen, verbinden wir damit Erinnerungen und Emotionen, die daran angekoppelt sind. Daher handeln so viele Opern von politischen Anstrebungen, von Träumem und Utopien.

Sie hatten gerade eine Premiere, "Tosca", die ein bisschen umstritten war. Es gab Buhrufe, es gab aber auch Bravorufe. Soll eine Oper heute schockieren? Hilft das? Ist das gut für das Haus?

Berman: Dass wir wirklich schockieren, glaube ich nicht. Viele Leute wollen schockieren - im Theater, in der Oper, beim Tanz oder im Film -, aber das ist zunehmend schwer. Aber polarisieren kann man allemal, und das ist gar nicht so leicht. Deswegen haben wir uns gefreut. Es ist etwas ganz Tolles, wenn eine Aufführung so stark ist, dass Menschen so verschiedener Meinung sind - es hörte sich nach einem Streit an im Zuschauerraum zwischen den Buhs und den Bravos.

Ein weiteres Anliegen an diesem World Opera Day sind die Werte, die vermittelt werden sollen. Wenn wir die Komponisten Bizet und Strauß nehmen - was kann man für Werte aus deren Opern herauslesen, zum Beispiel aus "Carmen" oder aus der "Fledermaus"?

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Berman: Bei "Carmen" liegen utopische Träume zugrunde, also ein Freiheitsideal, das kaum ein Mensch in der Wirklichkeit auslebt. Dafür steht diese Figur Carmen. Das ist Ausstieg aus der Gesellschaft, anders leben, die Bourgeoisie-Spielregeln der Gesellschaft komplett ablehnen und wahre Liebe und Leidenschaft ausleben. Ich sage das ein bisschen sarkastisch, weil ich mich frage, was das heute ist. Aber eine Lust nach so etwas schlummert in jedem Menschen. Es gibt Momente in unserem Leben, in denen wir merken, dass das doch ein enges Korsett ist, mit dem wir leben, wie wir miteinander in der Gesellschaft umgehen. Und dann denkt man, wie schön es wäre, wenn man einfach aussteigen könnte. Und dafür steht diese Figur Carmen. Das Tolle an den alten Formen von Bizet ist, dass er so geschickt eine gute Geschichte mit super Unterhaltung mischen konnte. Also ernsthafte Themen, über die wir nach der Aufführung länger sprechen wollen, und trotzdem Musik voller Ohrwürmer, ohne zu tief bohren zu müssen.

Viele junge Leute können damit nichts mehr anfangen. Die neuen Zahlen des Deutschen Bühnenvereins zeigen, dass die Besucherzahlen zurückgehen. Dagegen steigen die Subventionen, die geleistet werden müssen: Das sind 2,7 Milliarden Euro im Jahr. Da kommen Sie als Intendantin in einen Clinch: Was macht man? Die Besucherzahlen gehen zurück, aber trotzdem werden Sie weiterhin gefördert. Wie kommen Sie damit klar? Wie erklären Sie das?

Berman: Das ist eine große Herausforderung für uns. Es ist an der Zeit, dass wir darüber nachdenken, wie sich die Struktur in einer Staatsoper zum Beispiel verändern muss. Wie geht es weiter? Wie können wir wieder ein bisschen aktueller werden? Als ich ein junger Mensch war, kannte ich aber auch nicht so viele Opern. Ich komme aus den USA, und da wurden nicht so viele Opern gespielt. In meiner Kindheit gab es die Met, und ich fand das richtig blöd. Ich fand auch diese Art des Operngesangs komplett doof. Aber ich liebte die Mischung zwischen Musik und Theater. Und das ist eigentlich der Schlüssel: Oper muss nicht unbedingt aus Konventionen bestehen, die in den letzten 200 Jahren praktiziert worden sind. Das kann ganz anders aussehen. Oper bedeutet nicht unbedingt, dass man Musik komponieren und in Noten niederschreiben muss, wie wir das aus der westeuropäischen klassischen Tradition kennen. Deswegen haben wir zum Beispiel Ben Frost gefragt, noch einmal eine Oper zu schreiben, um etwas anderes auszuprobieren und vielleicht dadurch ein anderes Publikum anzusprechen. Ich sehe das durchaus als meine Aufgabe, als unsere Aufgabe als Team, in der Staatsoper in Hannover neue Wege zu gehen. Wir müssen auf solche Zahlen reagieren. Wir leben heute in einer viel diverseren Gesellschaft. Wir müssen unsere Türen öffnen für andere Gesangs- und Musikkulturen, für andere Vorstellungen davon, was Oper sein kann.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.10.2019 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Laura-Berman-ueber-die-Magie-der-Oper,journal2170.html

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