Stand: 09.10.2018 14:41 Uhr

Deutscher Buchpreis: "Ich bin sehr überrascht"

Inger-Maria Mahlke hat den Deutschen Buchpreis 2018 für ihr Buch "Archipel" erhalten. NDR Kultur Redakteur Joachim Dicks hatte andere Favoriten auf dem Zettel.

Herr Dicks, sechs Titel standen zur Auswahl - hat es Ihrer Meinung nach den richtigen getroffen?

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Joachim Dicks hatte Schwierigkeiten bei der Lektüre des Romans "Archipel" von Inger-Maria Mahlke.

Joachim Dicks: Ich bin sehr überrascht, das war nicht unbedingt die Wahl, die ich getroffen hätte. Ich hatte am Ende eher Stephan Thome, Nino Haratischwili oder Susanne Röckel auf dem Zettel. Aber gut - jetzt ist es Inger-Maria Mahlke. Es ist zumindest eine Entscheidung, die sich richtig stark für Literatur und für Autorinnen einsetzt, die sich auch in ihrer eigenen Vita ganz der Literatur verschrieben haben. Es gab vor einigen Tagen im "Spiegel" ein ganz tolles Porträt von Mahlke, wo noch einmal deutlich geworden ist, dass die Frau wirklich alles riskiert hat, um ihren Traum als Schriftstellerin umzusetzen. Insofern freue ich mich dann doch sehr über diesen Preis für Mahlke. Die hat interessanterweise - mit Barbara Laugwitz als Dankesadresse - auch betont, dass die Verlage aufpassen müssen, daraus nicht reine Wirtschaftsunternehmen zu machen.

Inger-Maria Mahlke hat den Buchpreis für den Roman "Archipel" bekommen. Worum geht es darin?

Dicks: Das ist eine Jahrhundertgeschichte, die nach Teneriffa führt; Archipel ist die Insel Teneriffa. Dort ist die Mutter von Inger-Maria Mahlke groß geworden und hat dementsprechend ihre Tochter oft mit hingenommen. Mahlke erzählt drei Familiengeschichten, die ineinander verwoben sind. Im Zentrum steht ein 95-Jähriger, der in einem Altenheim auf sein Leben zurückblickt und vom Jahr 2015 zurückkehrt in das Jahr 1919. Dazwischen ist europäische Geschichte am Beispiel Spaniens erzählt, die Erfahrung von Diktatur, von Unterdrückung, von Krieg - und das ist das, was die Jury besonders beeindruckt hat. Der literarisch-ästhetische Clou des Ganzen - und das ist der Punkt, an dem ich Schwierigkeiten hatte: Die Geschichte wird konsequent aus der Gegenwart von 2015 zurück nach hinten erzählt. Das heißt, alles, was wir sonst als Chronologie erfahren in der Literatur, wird hier komplett auf den Kopf gestellt. Als literarisches Experiment hat es Grenzen: Ab einem gewissen Punkt ist es schwierig, noch weiter Spannung aufzubauen. Aber noch keine Autorin hat das Experiment so konsequent durchgeführt wie sie.

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Wie funktioniert das? Eigentlich funktioniert Literatur ja mit einem "und dann, und dann, und dann" - natürlich gibt es da viel schönere Ausdrucksformen. Aber dieses "und davor, und davor, und davor" - das kann ja gar nicht funktionieren, oder?

Dicks: Bis zur Hälfte des Romans funktioniert das schon, weil man in seiner eigenen Erinnerungsstruktur, im Gespräch mit alten Menschen oder wenn es um Familiengeschichte geht, auch rückwärts zurückkehrt. Wenn wir ins Gespräch mit unseren Eltern und Großeltern eintreten, dann haben wir das ja auch, dass wir irgendwo in einer Gegenwart begingen und dann nach und nach zurückgehen. Aber in der Literatur ist es ab einem gewissen Punkt schwierig, denn wenn von 1937 erzählt wird und ich schon die Folgen kenne, nämlich was 1960 daraus geworden ist, dann geht es nach meinem Eindruck auf den Preis der Spannungsbildung. Das ist wie ein rückwärtsgehender Mensch, der schon alles sieht, was auf ihn noch zukommen wird.

Inger-Maria Mahlke hat in ihrer Dankesrede Barbara Laugwitz erwähnt - das ist die frühere Rowohlt-Verlegerin, die entlassen worden ist. Angeblich sei ihr dann ein Schweigegebot aufgelegt worden, sie dürfe nicht mehr mit den Autorinnen und Autoren sprechen etc. Was war das für eine Positionierung? Wie würden Sie das einordnen, was Frau Mahlke gesagt hat?

Dicks: Es haben sich schon sehr viele andere Schriftsteller im Vorfeld der Vergabe des Buchpreises öffentlich dagegen gewehrt, dass von Konzernseite des Rowohlt Verlags ohne Rücksprache mit den Autoren, die offenbar viele positive Erfahrungen mit Laugwitz gemacht haben, eine Frau geschasst worden ist, eine Nachfolge inauguriert wurde und die Autoren das nur mehr oder minder aus der Presse erfahren haben. Insofern ist das noch mal der Versuch von der Autorenschaft, deutlich zu machen: Leute, ihr müsst auch gucken, welche Arbeit da tatsächlich geleistet wird. Erst in dieser Kooperation zwischen Lektoren, Verlegern und Autoren entsteht das, was den Namen Literatur verdient. Man kann es nicht nur aus rein ökonomisch-strategischen Perspektiven begründen.

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Es gehört zum Prozedere der Vergabe des Deutschen Buchpreises, dass einer jubelt und fünf lange Gesichter ziehen. Haben Sie in diese langen Gesichter gucken können?

Dicks: Ja, die sind auch kurz eingeblendet worden - es ist so ein großer Raum, dass ist nicht in der Nähe saß. Ich glaube, das haben alle vorher gut trainiert, so richtig ist keinem die Kinnlade nach unten gefallen, weil die Wahrscheinlichkeit eben eins zu sechs ist. Ich hatte eher bei der Preisträgerin umgekehrt das Gefühl, dass die wirklich gar nicht damit gerechnet hat. Das ist ja eigentlich auch sehr sympathisch.

Jetzt steht ein Buch ganz oben auf dem Thron, fünf sind darunter. Würden Sie eins davon ganz dringend empfehlen?

Dicks: Ja, "Gott der Barbaren" von Stephan Thome. Das ein Roman ist, der ins 19. Jahrhundert nach China führt und diese Verflechtung von christlichem Missionarismus in China, den politischen Verwicklungen und den kriegerischen Auseinandersetzungen aufzeigt, sowohl zwischen Europa und China, aber auch innerhalb von China - der Taiping-Aufstand hat 20 bis 30 Millionen Bürgerkriegsopfer nach sich gezogen. Welche Folgen daraus noch bis in die Gegenwart abzuleiten sind, das zeigt dieser Roman auf sehr eindrucksvolle Weise. Das ist übrigens zumindest auch ein Roman, den wir bei NDR Kultur im November in der Reihe Am Morgen vorgelesen eingeplant haben.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Joachim Dicks © NDR Foto: Christian Spielmann

Deutscher Buchpreis: "Ich bin sehr überrascht"

NDR Kultur - Journal -

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NDR Kultur | Journal | 08.10.2018 | 19:00 Uhr

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