Stand: 13.11.2019 18:19 Uhr

"Nur jemand, der etwas weiß, kann lesen lernen"

Über 80 Prozent der Weltbevölkerung können lesen und schreiben - zumindest rudimentär: kleine, einfache Sätze und Texte mit vertrautem Inhalt. Historisch gesehen konnten noch nie so viele Menschen lesen und schreiben. Aber wird auch verstanden, was gelesen wird? Wie kann dieses Verständnis gefördert, der Text mit Inhalt gefüllt werden? Auf jeden Fall nicht mit der Art und Weise, wie heute unterrichtet wird, ist Gerhard Lauer überzeugt. Der Literaturwissenschaftler lehrt als Professor für "Digital Humanities" an der Universität Basel - bis 2017 war er an der Uni in Göttingen.

Herr Lauer, Sie kritisieren, dass es im heutigen Bildungssystem vor allem um Kompetenzen geht. Was stört Sie an der Lesekompetenz?

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"Lesen wird erst dadurch gefördert, dass ich die Wörter in einen semantischen Zusammenhang bringen kann", erklärt Gerhard Lauer.

Gerhard Lauer: Der Begriff der Kompetenz klingt ja zunächst sehr überzeugend. Kompetenz meint so etwas wie: Man könne lesen. Wenn man aber etwas genauer hinguckt, dann merkt man, dass es eigentlich nicht einfach um Kompetenz gehen kann, sondern darum, dass man etwas weiß. Und nur jemand, der etwas weiß, kann Lesen lernen - das ist das Komische. Etwas zu wissen, ist also nicht etwas, was man allgemein als Kompetenz abfragen kann, sondern es kommt darauf an, dass ich möglichst viel über die Welt weiß. Das ist gar nicht so selbstverständlich, dass wir das erwerben. Und diese Fähigkeit, mehr über die Welt zu wissen, wird zu wenig genutzt, um letztlich darüber eine der Grundtechniken der Kultur, nämlich das Lesen, einzuüben.

Sie sagen, Lesen werde mit den falschen Lesebüchern gelehrt und gelernt. Was sind das für Lesebücher, und was bemängeln Sie an ihnen?

Lauer: Ein Problem ist, dass viele der Lesebücher oder der Texte, die im Unterricht herangezogen werden, um das Lesen an ihnen zu üben, weitgehend uninteressant sind, dass sie nicht packend genug sind und vor allem, dass sie es nicht erreichen, das Weltwissen von Kindern hinreichend zu erweitern. Diese Erweiterung des Weltwissens - darum geht es mir hierbei. Da könnte ich mir sehr viel bessere Bücher vorstellen - die gibt es im Einzelnen schon, aber die Unterschiede sind eklatant. Das hat etwas damit zu tun, dass wir so stark auf die Kompetenzen geachtet haben und viel zu wenig darauf, was letztendlich inhaltlich dadurch vermittelt wird.

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Jürgen Kaube, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", hat in einem Interview auf NDR Kultur einen Wunsch an die Bildungspolitik formuliert: viel mehr Konzentration auf das Elementare. Also in der Grundschule beispielsweise auf die Lesekompetenz. Denn wer nicht lesen kann, kann auch nicht verstehen. Kann das Verstehen nicht einfach später dazugeholt werden, wenn diese Kompetenz erst einmal erworben wurde?

Lauer: Das geht eben leider nicht. Lesen wird erst dadurch gefördert, dass ich die Wörter in einen semantischen, also in einen bedeutungstragenden Zusammenhang bringen kann. Und wenn ich das nicht hinreichend kann bzw. wenn die Texte so einfach sind, so wenig herausfordernd, so wenig mein Weltwissen erweitern, dann führt das dazu, dass ich das unterlasse, was mit dem Lesenlernen so wichtig verbunden ist: das sogenannte Gerüstbauen. Ich kenne ein Wort, ich kenne eine bestimmte syntaktische Zusammenstellung, und von dort aus baue ich das Gerüst weiter hoch, mit dem ich mir das Lesen Stück für Stück zugänglicher mache. Die Erfahrung ist, dass wenn die Texte wenig mit spannendem, lohnendem Weltwissen zu tun haben, die Kinder gar nicht die Anstrengung unternehmen, das Lesen als eine sinnvolle Tätigkeit zu erachten. Der Hintergrund ist der, dass diejenigen, die inhaltliche Probleme beim Lesen-Verstehen haben, aus Familien kommen, in denen zu wenige Wörter gelernt werden. Und zu wenige Wörter zu kennen, hängt eng damit zusammen, dass ich zu wenig über die Welt weiß. Je mehr ich über die Welt weiß, desto mehr Wörter weiß ich über die Welt, desto mehr kann ich diese Wörter in einer elementaren Bildungsoperation zusammensetzen und dadurch ein bisschen schlauer werden. Und das ist in der Tat ein wichtiges Ziel, dass Jürgen Kaube da formuliert hat.

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In einem "FAZ"-Artikel schreiben Sie, dass das aktuelle Schulsystem die sozialen Unterschiede noch verstärkt statt sie zu überwinden. Wie meinen Sie das?

Lauer: Mit dem Kompetenzbegriff sollte so etwas wie ein Ausgleich zwischen den verschiedenen Bildungshintergründen hergestellt werden - das ist die Idee. Übrigens nicht nur in Deutschland - das ist ein allgemein in der westlichen Welt zu findendes Phänomen, besonders in den USA. Tatsächlich führt es aber dazu, dass die Kinder, die viele Worte schon von daheim mitbringen, gebremst werden. Die anderen lernen nur sehr leere Kompetenzen, die ihnen nicht verdeutlichen, warum Lesenlernen lohnend ist. Und das driftet auseinander: Die einen sind hungrig, wollen etwas anderes machen, und die anderen wissen noch gar nicht, warum Lesen überhaupt lohnend ist.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Gerhard Lauer © picture-alliance / Sven Simon Foto: Sven Simon

"Nur jemand, der etwas weiß, kann Lesen lernen"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Über 80 Prozent der Weltbevölkerung können lesen und schreiben. Aber wird auch verstanden, was gelesen wird? Ein Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Gerhard Lauer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.11.2019 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Gerhard-Lauer-ueber-richtiges-Lesen,journal2190.html

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