Stand: 13.09.2019 18:44 Uhr

Humboldt: Naturforscher und Menschenfreund

Vor 250 Jahren, am 14. September 1769, wurde Alexander von Humboldt geboren. Wer war dieser wagemutige Naturforscher, nach dem zahllose Pflanzen, Tierarten, Universitäten, Schulen, Straßen, Institutionen heißen? Kind seiner Zeit? Überwinder seiner Zeit in ihren Grenzen? Beides? Fragen an Dr. Enno Aufderheide, Biologe und Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, die sich der Förderung der internationalen Zusammenarbeit in der Forschung widmet.

Alexander von Humboldt in einem Gemälde von Karl Joseph Stieler

Herr Aufderheide, was hat gerade diesen Naturforscher so einzigartig gemacht?

Enno Aufderheide: Eine seltene Kombination aus einem ganz revolutionären Verständnis, dass in der Natur alles mit allem zusammenhängt, und gleichzeitig einer großen Achtung vor der Natur und vor den Menschen.

Sein Gesamtwerk umfasst an die 7.000 Seiten. Mit seinem naturkundlichen Ansatz hat er etwa der Theologie ihr Weltdeutungsmonopol streitig gemacht. Kann man sagen, dass Humboldt radikal war?

Aufderheide: Er hat radikal gedacht, er hat nicht radikal gehandelt. Er hat radikal gedacht, indem er sich abgesetzt hat von dem Bild der Europäer, dass es ihr gutes Recht ist, die Völker der anderen Kontinente zu unterjochen und auszubeuten. Er reiste durch Südamerika und entdeckte, dass die in Europa verachteten indigenen Völker eine hohe Kultur hatten, ein unglaubliches Wissen - und Humboldt war bereit, von ihnen zu lernen. Er sah auch den Sklavenhandel und erkannte, wie abgrundtief falsch diese Einstellung der Europäer war. Er setzte sich in Europa gegen den Sklavenhandel ein. Aber er brach nicht mit dem System, das diesen Sklavenhandel möglich machte.

Dass er mit dem System nicht gebrochen hat, trägt ihm mitunter auch Kritik ein. Der Autor Mark Terkessidis schreibt in seinem Buch "Wessen Erinnerung zählt?": "Gerade mal einen Tag verbrachte Humboldt bei Missionaren am Orinoco, konnte danach aber volle zehn Seiten seines Buches füllen mit dem, was ihm diese Weißen über eine ansässige Ethnie erzählten, die sie die 'erdfressenden Otomaken' nannte." Blieb Humboldt zuletzt im kolonialen Denken seiner Zeit gefangen?

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Enno Aufderheide ist Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Aufderheide: Ganz am Anfang seiner Reise ist das sicher richtig; da war er noch in diesem Denken befangen. Aber er ist lange gereist, und er hat sich die Zeit genommen, mit den Indigenen zu sprechen. Er hat teilweise ihre Sprachen erforscht, und dann hat sich seine Einstellung geändert. Diese Angabe in dem Buch ist eine Momentaufnahme kurz nach der Ankunft - und das hat sich grundlegend geändert. Das unterscheidet ihn von allen seinen Zeitgenossen in Europa.

Wenn man ihn jetzt einen frühen Globalisierer nennt, einen Meister vernetzten Denkens, einen Vordenker interdisziplinärer Foschung oder den Vater der Umweltbewegung: Ist das alles zutreffend und schlau? Oder sind das gar nicht so taugliche Versuche, diese Figur aus einer ganz anderen Zeit in heutigen Begriffen zu vergegenwärtigen?

Aufderheide: Gut, Humboldt gibt auch viele Gelegenheiten, Dinge auf ihn zu projizieren. Jede Zeit hat Dinge auf jeden projiziert. Zum Beispiel in der DDR war Humboldt derjenige, der sich für die Rechte der Minenarbeiter in Franken eingesetzt hat - das ist ja auch nicht verkehrt. Man muss ihn aus seiner Zeit heraus verstehen, und dann kann man festhalten: Ja, er war der erste, der über Kontinente hinweg das Wissen vernetzt hat, der korrespondiert hat, der wissenschaftliche Arbeiten verschickt hat und die besten Spezialisten um Kritik gebeten hat. Und da war er schon ein enormer Vorreiter. Auch für die Umweltbewegung, denn er hat seinen Mitmenschen zum ersten Mal klargemacht, dass die unbelebte Natur mit der belebten Natur zusammenhängt. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass menschliche Aktivität das Klima verändert. Natürlich hat er nur an das regionale Klima gedacht und nicht an das globale. Das war jenseits seiner Vorstellung, dass der Mensch das globale Klima verändern könnte. Aber er hat das Denken der Wissenschaft auf die Spur gebracht, die uns heute ermöglicht, den globalen Klimawandel zu verstehen.

Die Alexander von Humboldt-Stiftung, deren Generalsekretär Sie sind, fördert internationale Wissenschaftskooperationen. 2015 konnten dafür mehr als 100 Millionen Euro ausgegeben werden. Zielt das in die Breite oder in die Spitze der Forschung?

Buchtipp

Humboldts amerikanische Reisetagebücher

Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren. Mit "Bilder-Welten" ist ein Buch erschienen, das die Reise des Wissenschaftlers durch Amerika auf bewundernswerte Weise nachbildet. mehr

Aufderheide: Es zielt in die qualitative Spitze, aber in die fachliche Breite. Wir haben Gastwissenschaftler, die wir nach Deutschland bringen, in allen Teilen der Forschung: Ingenieurwissenschaften, Medizin, Geschichte, Juristerei. Auf der anderen Seite sind wir - auch wenn 100 Millionen nach viel Geld klingt - ein relativ kleiner Player und konzentrieren uns auf die absolute Spitze der leistungsfähigsten Forscherinnen und Forscher aus allen Ländern der Welt.

Wie konkret ist der Bezug der Arbeit, wie Sie sie betreiben, zum Namensgeber, zu Alexander von Humboldt und dessen Ideen?

Aufderheide: Ich glaube, wir können uns vielfach auf dieses Rollenmodell Humboldt beziehen. Zum einen, weil er Menschen zusammengebracht hat und vernetzt hat. Die Humboldt-Stiftung fördert nicht nur die Menschen während sie forschen, sondern sie versucht, sie in ein lebenslanges Netzwerk der Beziehungen, des kulturellen Austausches einzubeziehen. Wir sind auch ein Teil der deutschen Außenpolitik.

Zum anderen arbeiten wir sehr interdisziplinär - auch das ist etwas, was Humboldt in bewundernswerter Weise geschafft hat. Dazu kommt, dass er ein großer Menschenfreund war, dass er gesagt hat: Es gibt keine überlegenen und unterlegenen ethnischen Gruppen, sondern alle Menschen sind gleichmäßig zur Freiheit geboren.

Abgesehen von ihrer Arbeit, von den Punkten, die Sie jetzt namhaft gemacht haben und auch darüber hinaus: Was wünschen Sie sich von dem Humboldtschen Geist 250 Jahre nach der Geburt Alexander von Humboldts in dieser Gegenwart, in der etliche der Gedanken, die Sie gerade ausgefeilt haben, durchaus wieder bedroht sind?

Aufderheide: Seine Einsicht, dass Ausgrenzung in die Sackgasse führt, diese Einsicht brauchen wir heute mehr denn je. Nur wenn wir neugierig sind auf das Fremde, dann können wir die Herausforderungen, vor denen wir stehen, bewältigen. Daneben wünsche ich mir, dass die große Großzügigkeit, die Humboldt bewiesen hat, indem er wesentliche Teile seines Vermögens zur Unterstützung anderer Menschen ausgegeben hat. Das waren sowohl Forscher, aber auch beispielsweise die Bergarbeiter in Franken, für die er die erste Sozialversicherung auf den Weg gebracht hat. Das ist auch etwas, was wir heute brauchen: dass wir nicht Bevölkerungsgruppen bilden, die aufeinander herabschauen und sich abschotten, sondern dass wir sehen, dass alles mit allem zusammenhängt. Das gilt auch für unsere Gesellschaft.

Das Gespräch führte Ulrich Kühn

Alexander von Humboldt in einem Gemälde von Karl Joseph Stieler

Humboldt: Naturforscher und Menschenfreund

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren. Wer war dieser wagemutige Naturforscher? Ein Gespräch mit dem Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung, Enno Aufderheide.

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NDR Kultur | Journal | 13.09.2019 | 19:00 Uhr

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