Stand: 03.07.2020 16:12 Uhr

Ein Virus und eine Wahl

von Bettina Gaus

Unter welchen Umständen die US-Amerikaner am 3. November ihren Präsidenten wählen, ist in Corona-Zeiten noch völlig offen. Momentan sieht es so aus, dass der 74-jährige Amtsinhaber Donald Trump herausgefordert wird durch den 77-jährigen ehemaligen Vize-Präsidenten Joe Biden - nachdem dessen Rivale Bernie Sanders sich aus dem Rennen bei den Demokraten zurückgezogen hat. Aber auch das kann sich noch ändern. Der Ausgang der Wahl ist auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, von der die USA hart getroffen sind, völlig offen - und auch der Wahlkampf wird sich wahrscheinlich anders gestalten als bei früheren Abstimmungen.

US-Präsident Donald Trump machte nach seiner Rückkehr von einer Kundgebung in Oklahoma einen angeschlagenen Eindruck. © picture alliance / abaca
US-Präsident Donald Trump machte nach seiner Rückkehr von einer Kundgebung in Oklahoma einen angeschlagenen Eindruck.

Vor einigen Tagen wurde ein Foto veröffentlicht, das zum Sinnbild einer Wahlniederlage werden könnte - wenn es denn zu dieser Niederlage kommen sollte. Es zeigt Donald Trump in Washington nach seiner Rückkehr von einer Kundgebung in Oklahoma, die zu einem Triumph hätte werden sollen und zu einem Fiasko wurde. Viel weniger Leute waren gekommen, als die Organisatoren erwartet hatten - die Halle blieb halb leer. Auf dem Foto, von dem hier die Rede ist, sind Donald Trump Enttäuschung und Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Die sonst stets makellos gebundene Krawatte hängt ihm offen um den Hals, in der linken Hand trägt er achtlos eine Wahlkampfkappe mit der Aufschrift Trump 2020. Der US-Präsident bietet das Bild eines geschlagenen Mannes.

Selbstverständlich ist das eine Momentaufnahme. Bis zum Tag der Entscheidung im November kann viel passieren. Noch hat der Wahlkampf in den Vereinigten Staaten gar nicht richtig begonnen, und das Rennen zwischen dem Republikaner Trump und seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden ist offen. Das ist allerdings für sich genommen bereits eine dramatische Entwicklung. Zu Jahresbeginn - vor Ausbruch der Corona-Pandemie - herrschte im In- und Ausland eine Stimmung vor, der zufolge ein Sieg des Amtsinhabers für nahezu unausweichlich gehalten wurde. In dieser Erwartung waren seine Anhänger und Gegner vereint.

Zustimmung zu Trump sinkt rapide

Mag sein: Diese Überzeugung speiste sich zumindest teilweise aus dem bis heute nicht überwundenen Schock, dass Donald Trump 2016 allen Umfragen und Erwartungen zum Trotz gewonnen hatte. Infolge dessen starrten viele Anhänger der US-Demokraten jahrelang auf den republikanischen Präsidenten wie Kaninchen auf eine Schlange, gegen die es keine Gegenwehr zu geben schien. Das war nicht unbedingt rational, aber politischer Erfolg hängt ja oft mindestens ebenso sehr von Gefühlen und Stimmungen ab wie von Fakten und kühlen Analysen.

Bettina Gaus © imago Foto: Müller-Stauffenberg
Bettina Gaus lebt in Berlin als Buchautorin und politische Korrespondentin der "taz".

Und genau die Gefühle und die Stimmungslage haben sich verändert in jüngster Zeit. Die Zustimmung zu Trump sinkt in Umfragen derzeit rapide. So wirklich überzeugend waren seine Werte nie gewesen, auf das ganze Land hin betrachtet: Stets dümpelte er irgendwo unterhalb von 45 Prozent Zustimmung herum. Wenig beeindruckend für einen Amtsinhaber. Aber das hätte wegen des Wahlsystems in den USA dennoch für ihn reichen können - und, ja, es könnte noch immer reichen.

Dieses Wahlsystem wird vielerorts in Europa mit blankem Unverständnis betrachtet, auch in Deutschland. Wie kann es denn möglich sein, so fragen viele, dass jemand siegt, der oder die nicht das "popular vote", also die landesweite Mehrheit der Stimmen bekommt? Sondern nur die Mehrheit der Wahlleute, deren Zusammensetzung sich an den einzelnen Bundesstaaten orientiert, aber nicht an der Gesamtheit der abgegebenen Stimmen? Ist das nicht ungerecht?

US-Wahlsystem soll dem inneren Frieden dienen

Die Fragen sind verständlich, lassen aber die besonderen Bedingungen in den USA außer Acht. Würden alle Stimmen nur schlicht zusammengezählt, dann würden am Ende letztlich stets die bevölkerungsreichen Küstenstaaten im Osten und im Westen der USA über eine Präsidentschaft entscheiden. Die riesige, vielerorts nur dünn besiedelte Mitte des Landes, die sich oft genug ohnehin benachteiligt fühlt, wäre endgültig dauerhaft zur Bedeutungslosigkeit verdammt.

Kommentar
Porträtfoto von US-Präsident Donald Trump. © dpa bildfunk/AP Foto: Manuel Balce Ceneta

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Das ausgeklügelte Wahlsystem, das jedem einzelnen Bundesstaat Gewicht verleiht, soll dem inneren Frieden und dem Zusammenhalt der Vereinigten Staaten dienen. Dafür werden Verzerrungen des Wahlergebnisses in Kauf genommen. Da gerade große, ländliche Gebiete eher republikanisch als demokratisch gesonnen sind, verbessert das eigentlich die Ausgangslage für Donald Trump. Aber ein Selbstläufer ist sein Sieg eben nicht - es muss ihm gelingen, seine Anhänger zu mobilisieren.

Derzeit sieht es nicht so aus, als ob er das schaffen wird. Als Krisenmanager hat der US-Präsident versagt, das sehen inzwischen offenbar auch viele seiner ehemaligen Parteigänger so. Die Pandemie, die zunächst vor allem in mehrheitlich demokratischen Bundesstaaten wütete, breitet sich gerade rasant im republikanischen Süden der USA aus. In den umkämpften "swing states", also in den Bundesstaaten, die mal so, mal anders wählen, hat Herausforderer Joe Biden in Umfragen einen soliden Vorsprung. Inzwischen scheint es nicht einmal mehr ausgeschlossen, dass er in republikanischen Hochburgen wie Texas oder Arizona gewinnt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 05.07.2020 | 19:00 Uhr

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