Halil Gülbeyaz stützt den Kopf auf die Hand © IMAGO / Hoffmann

Halil Gülbeyaz über 9/11 und die Folgen

Stand: 30.08.2021 18:07 Uhr

Der Dokumentarfilmer Halil Gülbeyaz hat kurz nach den Anschlägen des 11. September eine halbstündige Reportage über muslimisches Leben in Hamburg gedreht. Dabei ist er auf einige Fragen gestoßen.

Halil Gülbeyaz stützt den Kopf auf die Hand © IMAGO / Hoffmann
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von Halil Gülbeyaz

Mit offenem Mund schaute ich den Fernsehbildern zu. Die Twin-Towers in New York brannten. Der Moderator redete unklar von einem möglichen "Terroranschlag", kurz darauf wurde er bestätigt: Mitten in der Live-Sendung flog ein Passagierflugzeug in einen der Türme hinein und explodierte. Das Ganze sah wie die Spezialeffekte eines schlechten Hollywood-Actionfilms aus: übertrieben unwirklich, geladen mit Effekthascherei. Doch das war das wahre Leben.

Am nächsten Tag in der Redaktion: alle liefen beschäftigt über die Gänge, rannten von einem Raum in den nächsten. Redakteure planten und diskutierten die anstehende Abendsendung, Autoren recherchierten, ein ununterbrochenes Gemurmel füllte den langen Korridor, von dem alle Räume abgingen.

Auftrag für eine Reportage zu 9/11

"Wo ist Halil?" wurde gerufen. Die Chefetage verlangte nach mir. Ich lief hoch in den Raum des Hauptabteilungsleiters, wo es eine kleine Ansammlung von Kolleginnen und Kollegen gab. Der Hauptabteilungsleiter machte es kurz: "Wir wollen eine 30-Minuten-Reportage zu den Anschlägen und du sollst einer der Autoren sein. Hast du Zeit, kannst du es für uns machen?" Natürlich konnte und wollte ich das.

Am Ende eines langen Tages, den ich mit Telefon am Ohr verbrachte, sah der Ertrag der vergangenen zehn Stunden folgend aus: In der Moschee Hamburg-Wilhelmsburg durfte ich das Gebet drehen, allerdings ohne irgendein Interview mit dem Gebetsvorsteher zu dem Thema. Ich hatte meinen Bekannten Orkan, der ein wichtiges Mitglied der Gemeinde war, dazu überreden können, mein Hauptprotagonist zu sein, über seine Gefühle als Moslem zu reden und uns mit der Kamera in die Moschee zu begleiten.

Angst vor Äußerungen

Dazu kam, dass Nuriya, die Freundin meiner Schwester, im Studienkolleg, im Angleichungsinstitut für die Hochschulreife, mit dem Hauptattentäter Mohammed Atta in der gleichen Klasse gewesen war.
Gleich am nächsten Morgen stand ich vor der Tür von Nuriya. Sie war ein Mensch mit Eigenschaften, die ich an ihr schätzte: weder übertrieben fröhlich noch geschwätzig, eher ein ruhiger Mensch. Trotzdem schien sie sich zu freuen, mich zu sehen.

Unsicher führte sie mich zur Küche ihrer Einzimmerwohnung und sagte, bevor ich mich noch hinsetzen konnte: "Bitte verstehe mich, ich kann nicht zu dem Thema sprechen. Ich wollte dir das nur nicht am Telefon sagen." Ich sah, wie sie vor Angst regelrecht zitterte. Meine Zusicherungen, ihre Stimme bei der Filmaufnahme zu verzerren und sie unkenntlich zu machen, nahm sie nicht einmal wahr. Sie wollte sie nicht wahrnehmen und sagte: "Wenn ich gegen Muhammed Atta etwas sage, wird mich die radikalislamische Gemeinde anfeinden, wenn ich etwas Positives über ihn sage, bin ich für die Deutschen eine Terroristen-Freundin. Nein, bitte. Ich möchte zu dem Thema nichts sagen!"

Fragen an andere und sich selbst

So hatte ich das nicht gesehen. Hatte sie recht? Hatte sie unrecht? Beides vielleicht? Der Türkeistämmige in mir gab ihr recht, der deutsche Staatsbürger unrecht. Ich wollte sie nicht weiter bedrängen, verließ die Wohnung voller widersprüchlicher Gedanken zu mir und meiner eigenen Welt. Ich fing an, auch mir selbst Fragen zu stellen: Warum ausgerechnet ich hatte diesen Auftrag bekommen? Weil ich ein Ausländer, ein Moslem war oder weil ich ein guter Autor war? Was sah die Redaktion in mir? War ich für sie ein Kollege wie jeder andere, oder vielleicht doch jemand aus einem "anderen Kulturkreis", der als einziger zu einer ihnen unbekannten Welt Zugang hatte?

Nuriya hatte mich auf den Boden der Realität zurückgeholt: Die Vorstellung von mir als tüchtigen Journalisten, eines Weltenbummlers und Story-Jägers zerbrach, und ich saß wie ein begossener Pudel vor den Scherben meines Selbstbildes.

Wörter auf der Goldwaage

Die Dreharbeiten verliefen mehr oder weniger ohne große Probleme. Allerdings erwies sich der aufgeschlossene, eher redselige Orkan übervorsichtig in seinen Aussagen. Diese Seite von ihm kannte ich nicht. Vor jeder Antwort überlegte er lange und wog die Wörter, die er aussprach, wie mit der Goldwaage. Man konnte seine Gedanken in den Aufnahmen fast sehen: "Bloß keinen Fehler machen, bloß keine falsche Antwort geben, die mich in die Ecke der Terroristen rückt oder den friedlichen Islam diffamiert...".

Das war vor 20 Jahren. Damals trug jeder Moslem in Deutschland in sich ein großes Stück Nuriya: etwas verängstigt und defensiv, ein bisschen fremd in diesem Land und ein bisschen dazugehörig.
Und heute? Ist es viel anders?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.08.2021 | 18:00 Uhr