Stand: 10.10.2018 19:17 Uhr

PEN-Studie "Ein alarmierendes Ergebnis"

Das PEN-Zentrum Deutschland hat auf der Frankfurter Buchmesse eine Studie präsentiert, die das Institut für Medienforschung der Universität Rostock in seinem Auftrag durchgeführt hat und deren Ergebnisse erschrecken: Das freie Wort, heißt es da, sei in Gefahr durch Übergriffe und Selbstzensur. Und zwar nicht irgendwo in einer fernen Bananenrepublik, sondern hier bei uns in Deutschland. Ein Gespräch mit dem Generalsekretär des deutschen PEN-Zentrums Carlos Collado Seidel.

Herr Collado Seidel, was sind das für Ergebnisse der Uni Rostock, die so beunruhigend sind?

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Carlos Collado Seidel ist Generalsekretär des deutschen PEN-Zentrums.

Carlos Collado Seidel: Das war für uns sehr überraschend, diese Ergebnisse zu haben. Ein Beispiel: Drei Viertel aller Befragten sind über die derzeitige Situation der Meinungsäußerung in Deutschland in Sorge. Ich denke, dass das ein durchaus alarmierendes Ergebnis ist. Als weiteres Ergebnis kommt hinzu, dass über die Hälfte aller Befragten mindestens einen Angriff erlebt haben - und hier sprechen wir nicht über sachliche Kritik, sondern über Angriffe. Außerdem weiß die Hälfte aller Befragten von Angriffen auf Kolleginnen und Kollegen. Das sind Ergebnisse, die wir für unsere freiheitlich-demokratische Ordnung nicht erwartet hätten.

Wer ist denn da befragt worden?

Collado Seidel: Diese Studie haben wir zunächst an unsere PEN-Mitglieder verschickt, das sind an die 800 Mitglieder, und der Rücklauf in den ersten zwei Tagen - das konnten wir an der zeitlichen Abfolge feststellen - war enorm. Ich bin durch die Leiterin des Instituts für Medienforschung an der Uni Rostock informiert worden, dass normalerweise ein Rücklauf bei solchen Umfragen von circa fünf Prozent zu erwarten ist. Wir gehen davon aus, dass circa 40 Prozent der PEN-Mitglieder geantwortet haben. Wir haben zudem aber auch über das Netzwerk Autorenrechte auch andere Verbände angeschrieben, die in einem geringeren Maße geantwortet haben. Wir gehen davon aus, dass der weit überwiegende Teil der Teilnehmer an dieser Umfrage PEN-Mitglieder sind.

Drei Viertel der über 500 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich an der Studie beteiligt haben, sind in Sorge über die freie Meinungsäußerung und beklagen eine Zunahme von Bedrohungen, Einschüchterungsversuchen und hasserfüllten Reaktionen. Aber sprechen wir da von empfundenen oder erlebten Gefährdungen?

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Seidel: Hier müssen wir unterscheiden, und ich finde, dass das noch besorgniserregender ist. Ich sprach gerade davon, dass 52 Prozent der Befragten angaben, dass sie mindestens einen Angriff erlebt haben. Die Zahl derer, die besorgt sind, ist deutlich höher. Das deutet darauf hin - wie auch andere Fragen im Zusammenhang mit dieser Studie -, dass es eine starke Verunsicherung bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern gibt, dass Angst um sich greift. Dass letztlich diese Macht der Bilder, diese Präsenz - seien es die Bilder aus Chemnitz, die ja eine Realität abbilden, aber die eine Omnipräsenz dieses lauten völkischen Mobs und dieser sogenannten besorgten Bürger suggerieren - dass sich hier Bilder festsetzen, die Einfluss haben auf das schriftstellerische Schaffen und auch auf das eigene Verhalten, insbesondere im Bereich der sozialen Medien.

Was macht das denn mit den Schriftstellerinnen und Schriftstellern?

Seidel: Das macht zunächst einmal, dass die Schriftstellerinnen und Schriftsteller vorsichtiger sind im Umgang mit den sozialen Medien. Ein beträchtlicher Anteil, circa ein Drittel, hat die Nutzung sozialer Medien reduziert, man ist vorsichtiger geworden. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass ein beträchtlicher Anteil der Studienteilnehmer, circa ein Viertel, sensibler, vorsichtiger argumentiert, vorsichtiger mit Themen umgeht. Ein weiterer Teil berichtet weniger kritisch aus Sorge vor Übergriffen. Das sind Zahlen, die sich im Bereich zwischen 15 und 25 Prozent bewegen, und das ist ein Alarmzeichen, dass hier im Endeffekt eine Selbstzensur stattfindet. Ich muss betonen, dass wir hier in einer Gesellschaftsordnung leben, die nicht vergleichbar ist mit dem, was wir in anderen Staaten der Welt oder auch Europas erleben. Ich erinnere an den Mord an einer Journalistin in Malta, das Gleiche ist passiert in der Slowakei, jetzt jüngst in Bulgarien, obwohl da die Hintergründe noch nicht geklärt sind. Aber das ist eine Tendenz, die uns nicht nur zu denken geben sollte. Ich erachte sie als ein Alarmsignal.

Kann man umreißen, von wem diese Bedrohungen oder Übergriffe ausgehen?

Seidel: Ja. Wir haben ermitteln können, dass circa ein Drittel auch verbal, persönlich durch nicht identifizierte Personen, also im Rahmen von Veranstaltungen, von Diskussionsrunden angegriffen worden ist. Aber ein deutlich größerer Teil, 37 Prozent, durch Anonyme im Cyberspace: über Facebook, über Twitter und so weiter.

Was macht denn Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu solchen Zielscheiben des Hasses? Denn man kann ihnen kaum unterstellen, dass sie Vertreterinnen und Vertreter des Systems sind, das die Aggressoren so ablehnen.

Seidel: Wie wir im Rahmen der Studie ermittelt haben, ist es vor allen Dingen ein Dissens mit den geäußerten politischen Meinungen, mit der politischen Einstellung. Das deutet auf rechtspopulistische Gruppierungen hin. Im geringeren Anteil geht es um Geschlechterfragen, um sexuelle Orientierung, um religiöse Fragen. Es gibt hier also einen Fokus, der im Zusammenhang mit dem steht, was wir gerade von der sogenannten rechtspopulistischen Seite erleben.

Leitet sich aus diesen Ergebnissen irgendeine Handlungsempfehlung ab? Was muss getan werden?

Seidel: Im Rahmen der Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse war Günter Wallraff sehr pointiert und sehr deutlich: Wir müssen uns stärker positionieren. Das ist auch ein erfrischendes Zeichen: 60 Prozent der Personen, die angegeben haben, einen Angriff erlebt zu haben, positionieren sich jetzt noch selbstbewusster in ihrer Arbeit. Und das ist auch eine der Quintessenzen unserer Podiumsdiskussion gewesen: Wir sind alle aufgefordert, Position zu beziehen, uns stärker einzubringen, uns stärker zu engagieren und die Sichtbarkeit, auch in den Medien, nicht diesen völkischen Bewegungen zu überlassen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Carlos Collado Seidel © imago

PEN-Studie "Ein alarmierendes Ergebnis"

NDR Kultur - Journal -

Die Ergebnisse eine PEN-Studie erschrecken: Das freie Wort sei in Gefahr durch Übergriffe und Selbstzensur. Ein Gespräch mit dem Generalsekretär des deutschen PEN-Zentrums Carlos Collado Seidel.

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