Anne McElvoy © imago

Brexit: "Großbritannien wird eine andere Zukunft haben"

Stand: 22.06.2021 15:57 Uhr

Vor fünf Jahren sprach sich beim Brexit-Referendum eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU aus. Wo stehen wir fünf Jahre später? Welche Schlüsse, Lehren lassen sich ziehen? Fragen an die Journalistin und Brexit-Expertin Anne McElvoy.

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Frau McElvoy, wenn wichtige Ereignisse passieren, können wir uns meistens daran erinnern, wo wir gewesen sind. Für Großbritannien war das Referendum durchaus ein solches Ereignis. Deshalb die Frage: Wie haben Sie die Abstimmung verfolgt?

Anne McElvoy: Ich habe damit gerechnet, dass es passiert, aber ich wusste nicht, ob meine Vermutung richtig war oder nicht. Und es ist tatsächlich so gekommen. Es war knapp, aber entscheidend: 52 Prozent gegenüber 48 ist auch eine Menge Stimmen - das darf man nicht vergessen.

David Cameron hatte die Abstimmung in die Wege geleitet; Theresa May hat die Austrittsverhandlungen formal eingeleitet; Boris Johnson hat das Abkommen durch das Parlament gebracht. Drei Premierminister kostete also der Brexit. Johnson ist bis heute überzeugt, dass der Austritt aus der EU richtig ist. Muss er das sagen, oder beobachten Sie auch Zweifel?

McElvoy: Nein, ich beobachte überhaupt keine Zweifel. Ohne den Brexit wäre Boris Johnson nicht Premierminister geworden. Er hat sich stark für den Brexit engagiert. Er war nicht ein Brexiteer, aber eine Euro-skeptische Tendenz war bei ihm schon länger sehr ausgeprägt. Ich kenne ihn schon seit fast 30 Jahren. Er sieht das als ein Beispiel der Selbstbestimmung. Es sind auch Unabhängigkeitsbestrebungen, die bei den Briten manchmal durchschimmern. Er sieht das auch als eine Chance für Großbritannien - das hat man ganz eindeutig in Cornwall beim G7-Gipfel gesehen. Er hat aber auch in den letzten Jahren hautnah erlebt, wie kompliziert das werden kann. Aber er zweifelt nicht daran, er ist nach wie vor überzeugt davon.

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Diese Unabhängigkeitsbestrebungen kann man in der Literatur, im Film, in Serien beobachten. Das Vereinigte Königreich hat ein starkes Selbstbewusstsein und fühlt sich vielleicht gar nicht so sehr Europa zugehörig. Wie stark oder weniger stark ist Europa in den Köpfen der Briten abgespeichert?

McElvoy: Das ist immer eine interessante Frage. Ich war auch viele Jahre in Deutschland und habe auch in Europa viele sehr angenehme Jahre verbracht. Aber für die Briten ist es gemischt. Wir betrachten uns teilweise - man könnte auch sagen: wenn es uns passt - als Europäer. Wir sind aber geografisch vom Festland getrennt, und diese Inselmentalität ist sehr stark ausgeprägt. Und wir haben eine andere Geschichte. Viele Traumata und viele Erlebnisse in der europäischen Geschichte - das ist nicht dasselbe, wenn man das aus der britischen Sicht betrachtet. Vielleicht sind wir von Natur aus eher transatlantisch ausgerichtet, wir schauen sehr oft nach Amerika. Es ist immer eine gemischte Identität. Wir müssen uns damit abfinden, dass es in Großbritannien ein bisschen anders ist als in Deutschland oder in Frankreich mit ihrem identitätsstiftenden Glauben an Europa.

Die Schotten suchen ihren eigenen Weg, in Nordirland ist die Situation nicht leichter geworden, die Queen wird immer älter und die Königsfamilie präsentiert sich nicht wirklich vorbildhaft versöhnt. Wie vereint ist Großbritannien im Jahr 2021?

McElvoy: Wie vereint ist Deutschland 2021? Deutschland hat durch den Einigungsprozess 1990 den Weg in die Zukunft gefunden - das war auch eine Art Selbstbestimmung. Für die Briten war das anders: Wir sind aus der EU ausgetreten. Wir sind nicht so vereint. Es ist ein Land, das aus verschiedenen Nationen und Regionen besteht. Wir werden jetzt damit konfrontiert, dass das, was aus London verordnet wurde, nicht immer das war, was die Menschen wollten. Wir sind jetzt in einer ganz neuen politischen Phase: Die Parteien werden eine andere Zukunft haben und das Land wird eine andere Zukunft haben - aber es bleibt Großbritannien.

Welche Rolle spielt dabei Boris Johnson?

McElvoy: Boris Johnson ist die entscheidende Figur in dieser Geschichte. Er hat dabei geholfen, den Brexit herbeizuführen. Er bleibt an der Macht, mit all seinen Stärken und Schwächen. Man darf nicht vergessen, dass man mit Blick auf die Pandemie ein gemischtes Bild von seinen Fähigkeiten als Premierminister hat. Aber es gibt keine realistische Option, dass wir eine andere Regierung kriegen. Boris Johnson bleibt an der Macht und er hält das Schicksal dieses Landes in den nächsten Jahren in seinen Händen - ob man ihn mag oder nicht.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.06.2021 | 18:00 Uhr