Stand: 18.06.2020 10:04 Uhr  - NDR Kultur

Mit 80 Jahren Preisträgerin des Bachmann-Wettbewerbs

von Lenore Lötsch

Es gab beim Bachmann-Wettbewerb des Jahres 2020 schon viele erstaunliche Wendungen und das, bevor er überhaupt gestartet ist: Alle 14 Autorinnen und Autoren standen fest. Dann kam die Corona Pandemie und der ORF sagte die "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt ab. Nach Protest von Jurymitgliedern hieß es dann: Der Ingeborg-Bachmann-Preis erfindet sich neu und findet in diesem Jahr digital statt. Die nächste Überraschung war die Liste der eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Denn da fand sich Helga Schubert, die im zweiten Anlauf beim Wettbewerb lesen darf. Am Sonntag folgte die nächste Überraschung: Die 80-Jährige gewinnt! NDR Kultur hat die Schriftstellerin in Neu Meteln in der Nähe von Schwerin besucht.

"Nächste Woche haben wir 44. Hochzeitstag," erzählt Helga Schubert, während sie die Kaffeekanne auf den Tisch im Garten von Neu Meteln stellt und ihrem Mann Johannes Helm noch einmal zuwinkt. Der 93-Jährige sitzt im Rollstuhl im Wintergarten, momentan pflegt Helga Schubert ihn 24 Stunden. Sie wehrt sich gegen das Wort Belastung, es geht bei den beiden immer noch um die Liebe - auch bei Pflegegrad Vier: "Im Grunde will ich eigentlich nur sagen, dass man selbstbestimmt nicht jammert. Ich bin Berlinerin, da sagt man immer:  Ich kann nicht meckern und das muss ich sagen: Ich kann echt nicht meckern!"

DDR verhindert Schuberts Teilnahme am Bachmannpreis 1980

Die 80-Jährige hat im wahrsten Sinne des Wortes ihr halbes Leben lang auf diesen Sommer, auf diese Lesung gewartet. 1980, da war sie schon einmal eingeladen nach Klagenfurt zum Bachmann-Wettbewerb. Günter Kunert hatte sie vorgeschlagen, aberdie DDR ließ sie nicht ausreisen: "Zur Begründung wurde mir gesagt, dass es keine deutsche Literatur gibt," erinnert sich Schubert. "Es gibt eine DDR-Literatur, eine österreichische und schweizerische und westdeutsche. Und dieses ganze Unternehmen "Bachmannpreis" sei nur dazu da, um dieses Phänomen der deutschen Literatur voranzutreiben."

1980 war Marcel Reich Ranicki Juryvorsitzender, den die Stasi "einen berüchtigten Antikommunisten" nannte. Erst als der 1987 nicht mehr zur Jury gehörte, ließ die DDR Helga Schubert nach Klagenfurt. Diesmal allerdings als Jurymitglied. Und fühlte sich doch den Autorinnen und Autoren viel näher: "Ich habe immer gedacht: Oh! Wenn du da sitzen müsstest und würdest das jetzt alles hören, müsstest diesen Spott hören und diesen Hohn. Und als jetzt die Frage kam, wollen sie da lesen, hab ich gedacht, also das Schicksal kann jetzt keine Rache an mir üben."

Die Literaturkritikerin Insa Wilke hat sie für die diesjährige Ausgabe des Bachmann-Wettbewerbs vorgeschlagen. Und das ist vielleicht die größte Freude von Helga Schubert, die neben ihrem Schreiben auch fast 25 Jahre als Psychotherapeutin gearbeitet hat, dass die in ihren Texten etwas entdeckt.

Drei ORF-Kameraleute und eine Motorsäge

Im Garten von Helga Schubert © NDR.de Foto: Lenore Loetsch
Mecklenburgische Idylle: Der Garten von Helga Schubert in Neu Meteln.

Es schmerzt Helga Schubert, nicht verraten zu dürfen, mit welchem Text sie in diesem Jahr antritt, aber die zehneinhalb Seiten müssen geheim bleiben - bis zur Lesung: "Ich würde so gern erzählen, was ich da mir ausgedacht habe. Und ich denke nicht, dass ich da ganz große Scheiße abgeliefert habe. Ich bin es mir auch selber schuldig, der Text ist wirklich durchdacht, und ich weiß auch genau, von allen Erzählungen den hunderten, die ich in meinem Leben geschrieben habe, ist es wahrscheinlich der beste."

Und dann schaut die 80-Jährige schüchtern wie ein Teenager auf die Schwalben, die durch ihren Garten in Neu Meteln fliegen. Sie kann nichts mehr tun: Den Text hat sie aufgenommen. Drei Kameraleute des ORF haben sie bei der Lesung in ihrem Garten unter der Buche gefilmt und wer genau hinhört, der wird die Motorsäge ihres Nachbarn wahrnehmen, die den österreichischen Tonmann an der norddeutschen Idylle verzweifeln ließ.

Während der Jurybesprechung digital dabei

Bilder im Haus von Helga Schubert © NDR.de Foto: Lenore Loetsch
Bilder ihres Mannes Johannes Helm im gemeinsamen Haus von Helga Schubert.

Um auch während der Jurybesprechung nach Neu Meteln schalten zu können, wurde Helga Schubert umfassend technisch ausgestattet. "Jetzt kam ein großes Paket mit einem vollkommen auseinandergenommenen iPad. Ich hab noch nie ein iPad gehabt und das muss ich jetzt auf ein Stativ stellen. Also werde ich ganz artig und gekämmt vor diesem iPad sitzen. Die werden sich halb tot wundern, dass die 80-Jährige den Knopf gefunden hat."

Am Mittwochabend wird die älteste jemals nach Klagenfurt eingeladene Autorin in ihrem Wohnzimmer sitzen und hoffen, dass sie bei der Auslosung einen guten Lesetermin bekommt. Bloß nicht die erste sein morgens um 10 Uhr, denn da ist Helga Schubert nicht Autorin, sondern pflegende Ehefrau: "Am letzten Nachmittag wäre es perfekt. Aber jetzt bin eigentlich nur noch gespannt."

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Die Schriftstellerin Helga Schubert © ORF/dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 17.06.2020 | 14:20 Uhr