Stand: 21.12.2017 20:15 Uhr

Antje Vollmer über Böll: "So schreibt heute keiner mehr"

"Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben." So schrieb Heinrich Böll 1977. Heinrich Böll, der "Einmischer" aus Köln: literarisch mit Werken wie "Frauen vor Flusslandschaft" oder "Die verlorene Ehre der Katharina Blum"; gesellschaftlich-politisch einmischend mit Essays und öffentlichen Auftritten. Vor 100 Jahren wurde er in Köln geboren, vor 32 Jahren starb er. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer, frühere Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, hat das Wirken Bölls intensiv beobachtet.

Frau Dr. Vollmer, der Kriegsheimkehrer Böll hat das Nachkriegsdeutschland kritisch begleitet und stark geprägt. Im Rückblick betrachtet - wer ist heute der Gewichtigere: der Literat oder der "Einmischer"?

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"Figuren wie Böll braucht es heute vielleicht noch dringender als früher", findet Antje Vollmer.

Antje Vollmer: Das hängt davon ab, wen man fragt. Ganze Generationen sind mit dem Literaten als Schullektüre aufgewachsen - da gehöre ich auch dazu. Unserer Generation hat aber besonders mit der öffentlichen Figur Böll zu tun. 32 Jahre tot - das ist unheimlich lange her, eine ganze Generation. Damals gab es von seinem Kaliber noch Leute wie Günter Grass, Kurt Scharf, den Berliner Bischof, oder Christa Wolf, die so eine ähnliche Rolle hatten. Heute gibt es da niemanden mehr und das fehlt. Diese Rolle war: unbeugsam, melancholisch, selbstironisch, ganz genaues Urteil über die Mächtigen, immer einen liebevollen Blick auf die, die unten sind, und absolut unbenutzbar für herrschende Meinungen und auch für die Herrschenden selber. Solche eigenen Figuren waren damals für die Entwicklung der Bundesrepublik wahnsinnig wichtig, und ich finde, sie fehlen heute auch.

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Aber ist da nicht etwas verlorengegangen, auf das man heutzutage vielleicht auch gut verzichten kann, nämlich eine Art von Gemetzel in der Öffentlichkeit?

Vollmer: Was hat diese Diskussion erzeugt? Wenn Sie heute einen Text von Böll lesen, wie damals "Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?": Da wo die größte Hitze des Deutschen Herbstes war und die Öffentlichkeit zu einer Jagdgesellschaft geworden ist, hat er mit einer Sprache dagegengehalten - so schreibt heute keiner mehr. Das ist das, was fehlt, dass einer sich dermaßen ehrlich macht, seine eigene Position mitten in diesen öffentlichen Strom stellt - und damit auch verwundbar ist. Sie dürfen nicht vergessen: Der große Schriftsteller Heinrich Böll hatte Hausdurchsuchungen, er wurde in der Springer-Presse unglaublich angegriffen. Und wenn er dann nicht im selben Jahr, 1972, den Nobelpreis gekriegt hätte, dann weiß ich nicht, wie seine öffentliche literarische Rolle unbeschädigt geblieben wäre. Das war alles sehr auf des Messers Schneide.

Der besagte "Spiegel"-Artikel ist gelesen worden als eine Sympathiebekundung für die RAF. Die Springer-Presse hat das sehr für sich ausgeschlachtet und eine regelrechte Kampagne gegen Böll gefahren. Ein bisschen muss man sich - wenn man das heute noch einmal liest - fragen: Spricht daraus nicht in der Tat eine gewisse Sympathie, und war das 1972 nicht ein sehr dünnes Eis, auf das er sich begeben hat?

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Vollmer: Da sind Sie bei mir an der richtigen Stelle, weil ich mich später auch auf dieses Eis begeben habe. Da war Heinrich Böll einer, ohne den ich wahrscheinlich diese Kampagne gar nicht überlebt hätte. Ich schrieb 1984 - ein Jahr vor Bölls Tod - auch einen Brief an die RAF, um Gespräche während eines Hungerstreiks zu führen, und es ging immer noch dieser Sturm los. Für einen Politiker war das hochgefährlich. Und wenn damals nicht Leute wie Böll, Heinrich Albertz, Kurt Scharf und Helmut Gollwitzer in einem öffentlichen Brief gesagt hätten, Gefangene zu besuchen sei Christenpflicht, dann hätten wir das vermutlich gar nicht überlebt. Er hat dann trotzdem auch noch in seiner kleinen Schrift mir persönlich eine Postkarte geschickt, in der er gesagt hat: "Mut behalten, gerade bleiben, so etwas kann man überleben". Das war das Vorbild von Heinrich Böll.

Auf diese Parteinahme für Menschen, die verfolgt oder in schwierigen Lebenssituationen sind - und zwar nicht nur, wenn sie moralisch unantastbar sind -, das zeichnete ihn auch später im Engagement für Solschenizyn und Lew Kopelew aus. Da hatte er ein untrügliches Gespür, vielleicht deswegen, weil er eigentlich als Person so bescheiden und völlig uneitel war.

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Vollmer: Ich würde gerne noch heute mit Heinrich Böll sitzen können und fragen, was er über die Entwicklung der Grünen, der Intellektuellen in Deutschland, über die Zeit nach 1989 denkt. Das kann ich nicht mehr. Es war ein riesiges Entgegenkommen der Familie von Heinrich Böll, den Grünen das zu erlauben, die Stiftung nach ihm zu benennen. Damit entwickelt sich eine eigene Geschichte. Aber die Verbindung war die zu Petra Kelly, zur Friedensbewegung. Man darf nicht vergessen, dass Böll aus dem Krieg kam und Pazifist war. Er wollte, dass sich dieser Geist des Militarismus nie wieder in diesem Land breit macht. Deswegen war das für ihn auch selbstverständlich, wie er da mit seinem Cappy mitten unter den jungen und älteren Friedensbewegten sitzt. Für die alle war er eine Ermutigung in einer Zeit, die viel autoritärer war, als man denkt. Die Adenauer-Republik war schon eine, mit der man sich auseinandersetzen musste. Kulturell hat sie vielen oft die Luft zum Atmen genommen - und da machte jemand wie Böll, gerade weil er so bescheiden war, Fenster auf und sagte: Man kann es durchhalten.

Ging eine Figur wie Heinrich Böll nur in seiner Zeit?

Vollmer: Das ist eine sehr schwierige Frage, die, wenn man sie mit "ja" beantworten würde, einen doch zur Verzweiflung bringen würde. Nein! Solche Einzelnen, die gegen den Strom schwimmen, die ein eigenes Urteil, auch über die politisch scheinbar von allen akzeptierten Dinge haben, die braucht es heute vielleicht noch dringender als früher. Das ist ja ein Teil dessen, woran die Demokratie im Augenblick krankt, dass die Menschen so Wenige haben, denen sie wirklich genau zuhören, weil sie sagen: Ich will doch wissen, wie er oder sie über diese Lage urteilt.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Antje Vollmer © Markus Nowak Fotograf: Markus Nowak

Antje Vollmer: "So schreibt heute keiner mehr"

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Vor 100 Jahren wurde Heinrich Böll, der "Einmischer", in Köln geboren. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer hat das Wirken Bölls intensiv beobachtet.

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NDR Kultur | Journal | 21.12.2017 | 19:00 Uhr

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