Die afghanische Politikerin und Menschenrechtlerin Sima Samar © picture alliance / dpa Foto: Can Merey

Frauenrechtlerin Sima Samar über 9/11 und die Folgen

Stand: 12.08.2021 11:04 Uhr

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem Afghanistan-Einsatz der NATO haben Frauenrechte in Afghanistan bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Doch diese sind durch die Eroberungen der Taliban nun in Gefahr: Ein Essay der afghanischen Frauenrechtlerin Sima Samar.

Die afghanische Politikerin und Menschenrechtlerin Sima Samar © picture alliance / dpa Foto: Can Merey
Beitrag anhören 5 Min

von Sima Samar

Es war am späten Nachmittag des 11. September 2001, als ich in der pakistanischen Stadt Quetta nach Hause kam. Meine Tochter Tamana rannte auf mich zu und schrie: "Schalte den Fernseher ein, mach die BBC an, es ist etwas Schreckliches in Amerika passiert. Ruf bitte meinen Bruder an. Ich will wissen, ob es ihm gut geht." Ich schaltete also den Fernseher ein und sah, wie das zweite Flugzeug in das World Trade Center einschlug. Und wie etwas später die Türme nacheinander einstürzten. Ich sah diese entsetzlichen Bilder - rennende Menschen in den Straßen, um den Flammen zu entkommen.

Der 11. September würde Folgen für Afghanistan haben

Wir blieben bis zwei Uhr morgens wach und schauten geschockt auf die Szenen aus New York und Washington. Mir war klar, dass der unmenschliche Angriff vom 11. September ernsthafte Auswirkungen auf meine Heimat Afghanistan haben würde. Wir wussten von den Trainingslagern der Al-Kaida in verschiedenen Teilen des Landes. Osama Bin Laden lebte seit 1996 in Afghanistan. Er und Mullah Omar, der Führer der Taliban, kannten sich gut und sollen Frauen aus der Familie des jeweils anderen geheiratet haben.

Die USA riefen den Krieg gegen den Terror aus und griffen mit ihren Verbündeten am 7. Oktober 2001 erst aus der Luft an. Dann folgten Bodentruppen. Das Taliban-Regime wurde schnell gestürzt, doch viele Taliban-Führer konnten entkommen, genauso wie Osama bin Laden. In Deutschland, auf dem Petersberg in der Nähe von Bonn, entstand anschließend im Dezember 2001 eine afghanische Übergangsregierung. Die Mudjahedin-Führer aus der sowjetischen Besatzungszeit rückten zurück ins Rampenlicht.  

Gründung von Afghanistans erstem Frauenministerium

Ich selbst wurde in Abwesenheit zur ersten Ministerin für Frauenangelegenheiten und zu einer der fünf Vizepräsidenten von Übergangspräsident Hamid Karzai ernannt. Mir wurde diese Nachricht in mein pakistanisches Exil übermittelt. Ich kehrte nach Kabul zurück - in eine völlig zerstörte Stadt - ohne Strom und fließendes Wasser für die allermeisten Einwohner. Ich sollte Afghanistans erstes Frauenministerium aufbauen - aber es gab am Anfang kein Gebäude, kein Budget und kein Personal.

Ein paar Monate nach der Formierung der Übergangsregierung in Kabul, genauer gesagt im Juni 2002, fand dann die sogenannte Notstands-Loya Jirga statt. Das ist eine traditionelle große Ratsversammlung aus Stammesältesten und religiösen und politischen Würdenträgern. Diese Loya Jirga sollte die Übergangsregierung im Amt bestätigen und den Weg frei machen für eine neue afghanische Verfassung und demokratische Wahlen.

Essay-Reihe: Was kam nach Nine Eleven?

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich verändert und neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis bis heute, zwanzig Jahre später, spürbar? Welche Bilder haften im emotionalen und kulturellen Gedächtnis? Wie ist die Chiffre "9/11" heute zu deuten? Mit diesen Fragen und Gedanken beschäftigen sich Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen unserer Zeit. Exklusiv für uns haben sie sich geäußert, zu unterschiedlichen Aspekten, mit jeweils eigener Schwerpunktsetzung.

Fundamentalisten gegen Gleichberechtigung von Frau und Mann

Obwohl ich damals in einer geheimen Abstimmung zur stellvertretenden Vorsitzenden der Loya Jirga gewählt wurde, waren die Fundamentalisten vor Ort nicht bereit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu akzeptieren. Sie lehnten mich ab. Diese Warlords drohten sogar, mich zu töten. Ich wurde damals von den Vereinten Nationen nachts evakuiert und vorrübergehend in einem sicheren Gästehaus untergebracht.

Ich ließ mich nicht einschüchtern und wurde 2003 die Vorsitzende der neuen afghanischen Menschenrechtskommission. Für die USA und die NATO-Verbündeten waren der Schutz der Menschenrechte, und ganz speziell der Schutz der Frauen, entscheidende Argumente, um den Einsatz im fernen Afghanistan zu Hause zu erklären. Um sich die öffentliche Unterstützung für die militärische Intervention zu sichern.   

Bemerkenswerte Fortschritte der Frauenrechte in Afghanistan

Und in der Tat haben die Frauen in Afghanistan in den vergangenen beiden Jahrzehnten bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Unsere Verfassung garantiert Männern und Frauen gleiche Rechte, auch wenn wir kämpfen mussten, das Wort "Frauen" in der Verfassung zu verankern. Unsere Polizei und Justiz beschäftigen sich heute auch mit Fällen häuslicher Gewalt. Es gibt Gesetze, die Frauen schützen sollen.

Frauen haben wieder Zugang zu Bildung und zur Arbeitswelt. Fast drei Millionen Mädchen gehen heute zur Schule und mindestens 20 - 25 % der Universitätsstudenten sind junge Frauen.

Weitere Informationen
Flüchtlinge in Afghanistan © NDR Foto: Peter Hornung

Binnenflüchtlinge in Afghanistan: Obdachlos und verzweifelt

In Afghanistan sind Zehntausende auf der Flucht vor den Taliban. Viele Flüchtlinge stranden in Kabul. extern

Das Erreichte ist in Gefahr - Zunahme von Attentaten auf Frauen

Und jetzt? Jetzt ist das bisher Erreichte in Gefahr. Die sicherheitspolitische Lage im Land hat sich seit der Einigung zwischen den USA und den Taliban im Februar 2020 in Doha, Katar, stark verschlechtert. Und seit der Ankündigung des vollständigen Abzugs der internationalen Streitkräfte aus Afghanistan ist die Gewalt eskaliert. Wir erleben auch eine deutliche Zunahme von Attentaten auf Frauen - darunter Juristinnen, Ärztinnen, Journalistinnen und Menschenrechtsaktivistinnen.

Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft uns, den afghanischen Frauen, zur Seite steht. Unsere Errungenschaften sind das Ergebnis von Opfern, die sowohl von uns Afghaninnen und Afghanen als auch von der internationalen Gemeinschaft erbracht wurden.

Gleichberechtigung und ein Leben in Würde ist kein Luxus, sondern ein grundlegendes Menschenrecht. Die Frauen in Afghanistan verdienen ein Leben in Würde. Sima Samar

Sima Samar (*1957) ist Ärztin und Politikerin. Den 11. September 2001 erlebte Sima Samar als Flüchtling in Pakistan. Die studierte Medizinerin arbeitete damals in Quetta für eine Hilfsorganisation, die sich vor allem um Frauen und Kinder kümmerte, um ihre Gesundheit und ihre Bildungschancen. Ende 2001 kam Sima Samar nach Afghanistan zurück, mit großen Hoffnungen für ihr Land. Sie wurde zur ersten Frauenministerin ernannt und erste weibliche Vizepräsidentin, später wurde sie Menschrechtskommissarin. Sima Samars Text wurde von der ARD-Korrespondentin Sandra Petersmann aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Weitere Informationen
Rauch steigt aus dem World Trade Center auf, nachdem zwei Flugzeuge in die Türme gesteuert wurden. © ZUMAPRESS.com | Big Pictures

Nine Eleven und die "dramatische Fehlkalkulation der USA"

Ein Gespräch mit dem Historiker Bernd Greiner über die Ursachen und die Folgen von Nine Eleven. mehr

Eine Rauchwolke schwebt über New York, nachdem zwei gekidnappte Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden. © zz/Henry Lamb/STAR MAX/IPx

9/11 und die Folgen für Musliminnen und Muslime

Bis heute leiden wir alle unter den Folgen des Terrors im Namen des Islam, meint unser Gast-Kommentator Junus el-Naggar. mehr

Der Wissenschaftler und Autor Stefan Weidner © picture alliance / dpa | Friso Gentsch

Islamwissenschaftler Stefan Weidner über 9/11 und seine Folgen

Die Anschläge 2001 in New York haben Spuren hinterlassen - bis heute. Ein Essay des Islamwissenschaftlers Stefan Weidner. mehr

Die Historikerin Ute Frevert © IMAGO / Manfred Segerer Foto: Manfred Segerer

Ute Frevert über 9/11 - Anschläge teilen die Welt

Die Historikerin Ute Frevert über starke Gefühle und die "Empathie der Ferne". mehr

Die Autorin Kathrin Röggla © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen

Kathrin Röggla über 9/11 und seine Folgen

Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York haben Spuren hinterlassen - bis heute. Ein Essay der Autorin Kathrin Röggla. mehr

Am 11. september 2001 steigt schwarzer Rauch aus den brennenden Türmen des World Trade Centers in New York. © picture-alliance/ dpa/dpaweb | Jason_Szenes

Zweiter Schock nach 9/11: Spur der Attentäter führt nach Hamburg

Kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist klar: "Todespilot" Mohammed Atta und weitere Attentäter lebten in Hamburg. mehr

Staubwolke über Manhattan nach dem Einsturz des World Trade Center. © picture alliance/dpa Foto: NIST
26 Min

19 Jahre danach: New York, der 11. September und Corona

Wie hat sich New York verändert - seit dem 11. September 2001? Und warum betrachtet man dort die Attentate und die Corona Pandemie als ähnlich Katastrophen? Eine Zeitreise. 26 Min

9/11: Rauchwolke über Manhattan
7 Min

11. September: Fatale Fehler der deutschen Politik

Kritische Bilanz zu den politischen Entscheidungen nach 9/11 und dem Kampf gegen islamistische Bedrohung. 7 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.08.2021 | 18:00 Uhr