Kanaltunnel oder Schleuse: Warum Großprojekte scheitern

Stand: 08.12.2020 20:24 Uhr

Es kommt in SH häufiger vor, dass größere Infrastrukturprojekte - von der Öffentlichen Hand geplant - schief gehen, wie der Rendsburger Kanaltunnel und die fünfte Schleusenkammer in Brunsbüttel.

von Judith Pape

Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) hat eine Art eigene Elbphilharmonie - direkt an der Wasserkante. Zwar mit einem ausgeklügelten Hydraulik- und keinem Akustiksystem, dafür hat Brunsbüttel aber ähnliche Problemen beim Bau. Die Kosten explodieren und die Bauarbeiten verzögern sich. Eigentlich sollte die fünfte Schleusenkammer in diesem Herbst eröffnet werden. Der Termin wurde um sechs Jahre verschoben - und auch daran gibt es Zweifel. Und: Die ursprünglich geplanten Kosten haben sich fast verdoppelt - auf 1,2 Milliarden Euro.

Nicht nur ein SH-Problem

Fast immer, wenn zuletzt regional oder bundesweit etwas Großes gebaut werden sollte, lief die Planung gehörig schief. Beispiele sind die neue Schleuse in Brunsbüttel, der Kanaltunnel in Rendsburg (Kreis Rendsburg-Eckernförde), die Elbphilharmonie oder der Hauptstadtflughafen BER. Die Kosten explodierten, die Eröffnungstermine verzögerten sich. Die Gründe sind oft unterschiedlich, aber es zeichnen sich gemeinsame Faktoren ab, die das Scheitern begünstigen.

"Hunderte Gewerke gleichzeitig"

Ein Grund ist die Komplexität eines öffentlichen Bauvorhabens: "Das sind ja keine Einfamilienhäuser, sondern Projekte, an denen teilweise mehrere hundert Gewerke zugleich arbeiten", sagt Lars Appel, Professor für Baumanagement an der Fachhochschule Kiel. Die Arbeiten auf Baustellen sind im Vergleich zu früher deutlich spezialisierter. Um diese vielen Schnittstellen zu koordinieren und eine gute Kommunikation herzustellen, müssen ein gutes Projektmanagement und genügend Bauleiter übernehmen. An dieser Stelle wird oftmals gespart.

Kostenexplosionen sind vorprogrammiert

Und das führt zum nächsten Faktor: den Kosten. "Das Problem liegt darin, dass die Kosten zu Beginn eines Bauvorhabens nur geschätzt werden. Auf diesen Schätzwerten entscheiden dann die Politiker", sagt Professor Appel. Dies geschieht zu einem frühen Zeitpunkt, an dem die Planungen noch nicht weit fortgeschritten sind. Geschätzt wird auf Grundlage von Kostenkennwerten vergangener Bauvorhaben. Individuelle Risiken, die ein Bauvorhaben mit sich bringt und Preissteigerungen sind in diesem Preis nicht einkalkuliert. Da sind Kostenexplosionen vorprogrammiert.

Kanaltunnel: Kosten wachsen um weitere 65 Millionen Euro an

"Wir nennen das den Fluch der ersten Zahl - die bleibt im öffentlichen Gedächtnis, da können wir nur verlieren", sagt Hans-Heinrich Witte von der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV). Die WSV ist für die Bauarbeiten am Kanaltunnel in Rendsburg und an der Schleuse Brunsbüttel zuständig und musste in den vergangenen Jahren viel Häme einstecken.

Beim Kanaltunnel sind die Sanierungskosten von ursprünglich geplanten 25 Millionen Euro inzwischen auf 90 Millionen Euro angewachsen - Ausgang ungewiss. "Ich würde künftig gerne erst eine Kostenschätzung für ein Bauprojekt abgeben, wenn wir die Risiken sicher abschätzen können und eine Preissteigerung einkalkulieren", so Witte.

Billig, billiger, am billigsten

Hinzu kommt, dass der Preisdruck enorm hoch ist. Bauunternehmen haben ein strategisches Interesse, die Kostenschätzung möglichst gering zu halten, um die Ausschreibung eines Projektes zu gewinnen. "Es wird sich für den billigsten Anbieter entschieden", bestätigt auch Lars Appel von der Fachhochschule Kiel, "nicht für den wirtschaftlichsten." Der Preis sei auch in Brunsbüttel und Rendsburg ein wesentliches Vergabekriterium gewesen, sagt Witte von der WSV. Appel fordert, dass Zuverlässigkeit und Kompetenz eine stärkere Rolle spielen müssten. Sonst sei schlechte Qualität beim Bauen vorprogrammiert.

Schnelligkeit geht vor Qualität

Es kommt zudem erschwerend hinzu, dass Bauprojekte oftmals zu einem zu frühen Zeitpunkt ausgeschrieben werden. "Es sollen schnell Ergebnisse geliefert werden. Die Planung hat dann aber meist noch nicht die nötige Detailtiefe erreicht. Es sind noch nicht alle Anforderungen an den Bau ausgelotet", sagt Baumanagement-Experte Appel. Zu oft müsse dann während des Bauens weitergeplant und nachgebessert werden - das koste Zeit und zusätzliches Geld.

Insbesondere der politische Druck ist hier hoch: Eröffnungen sollen noch in dieser Wahlperiode gefeiert werden. Auch bei der Schleuse in Brunsbüttel tätigte der damalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) im April 2012 mit viel Medienrummel den ersten Spatenstich, da waren viele Planungen noch nicht abgeschlossen.

Software liefert Lösung

Wie aber können Großbauprojekte künftig besser gelingen? Ingenieure, Politik und Behörden setzen gleichermaßen auf die Digitalisierung. Mithilfe einer digitalen Planung sollen die Beteiligten der Komplexität eines Großbauprojekts Herr werden. "Building Information Modeling" (BIM) nennt sich die Methode, bei der mithilfe von Software digitale Modelle des Bauwerks erstellt werden.

So können die vielen Beteiligten - obwohl sie räumlich entfernt sind - zeitgleich an einem Gebäude planen und haben alle Daten zur Verfügung. "Früher wurden die analogen Pläne irgendwann übereinander gelegt und dann oftmals festgestellt, dass etwas nicht passt", sagt Lars Appel von der FH. Bei BIM überprüft die Software die Pläne permanent auf Fehler und Kollisionen.

Ohne Ingenieure läuft auch die beste Technik nicht

Auch die moderne Software arbeitet nicht ohne professionelle Bedienung - Generationen von Ingenieuren müssen geschult werden. Bei der WSV laufen erste Pilotprojekte. "In zehn Jahren wird BIM selbstverständlich sein", sagt Appel. Diese Chance müsse man nutzen, um zeitgerechter und kostengünstiger zu planen und zu bauen. Dann könnten Fälle wie der Rendsburger Kanaltunnel und der Bau in Brunsbüttel der Vergangenheit angehören.

Weitere Informationen
Brunsbüttel: Blick auf die Schleusen am Nord-Ostsee-Kanal.  Foto: Carsten Rehder/dpa

Kanalschleuse in Brunsbüttel: Kritik an Kostenexplosion

Die neue Schleuse soll nun 1,2 Milliarden Euro kosten - zuletzt war von 830 Millionen die Rede. Wirtschaft und Lotsen üben Kritik. mehr

Die Autos fahren einspurig auf der Strecke des Kanaltunnels bei Rendsburg. © NDR Foto: Sebastian Duden

Frust über Verkehrssituation: Rendsburg verklagt den Bund

Die Stadt bereitet eine Klage samt Anspruch auf Schadenersatz vor. Darauf hat sich die Ratsversammlung geeinigt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.12.2020 | 19:30 Uhr