Stand: 19.10.2016 19:44 Uhr  | Archiv

Mukran: Rügens neuer Fährhafen

von Henning Strüber, NDR.de

Abzug, Abschwung und Agenten-Stories

Historische Aufnahme (vom 05.10.1992) des Fährhafen von Mukran © imago stock&people Foto: Christian Thiel
In die DDR und nach der Wende wieder zurück: Über Mukran bewegte die Rote Armee viel militärisches Gerät.

In den frühen 1990er-Jahren sorgt der Abzug der Sowjettruppen aus der DDR noch einmal für Hochkonjunktur in Mukran. Ein großer Teil der Streitmacht und ihres Personals bricht von Mukran aus in die alte Heimat und eine ungewisse Zukunft auf. "Das war das höchste Transportaufkommen, was der Fährhafen je zu bewältigen hatte", sagt Grieger. "Danach ging es leider rapide runter." Aus dieser Zeit rankt sich auch so manche Agentenstory über den Hafen am äußersten Zipfel der DDR. Schon in den 1980er-Jahren hatten Agenten der westlichen Militärmission - unter argwöhnischen Blicken der zahlreichen dort stationierten Stasi-Mitarbeiter - dem geheimnisvoll hinter hohen Zäunen verborgenen Areal Spionage-Besuche abgestattet.

Doch auch nach der Wende tummelten sich dort noch die Schlapphüte, glaubt man etwa den Schilderungen des früheren BND-Agenten Norbert Juretzko. Demnach sollten Juretzko und Co. mehr über angebliche Atomsprengköpfe in Erfahrung bringen, die über Mukran nach Russland verschifft wurden. Dazu mussten die Westagenten eine Box mit hochsensiblen Sensoren zur Analyse der Waffentechnologie im Gleisbett unter den Waggons mit der geheimen Fracht installieren. Doch wie an die gut bewachten und abgeschirmten Transporte gelangen? Laut dem Bericht gelang der Coup mithilfe eines Bahnwärters in Samtens, der den geheimnisvollen Zug mit einem außerplanmäßig ausgelösten Haltsignal zum Stehen brachte - genau über der Spionage-Box.

Programm-Tipp

Am Sonntag, den 30. Oktober, um 19.30 Uhr widmet sich eine "Zeitreise" im Nordmagazin des NDR Fernsehens dem Thema Fährhafen Mukran.

Geplatzter Traum vom Tor zum Osten

In den Jahren danach nahm die Bedeutung des größten deutschen Eisenbahnfährhafen an der Ostsee stetig ab. Die Eisenbahntransporte nach Russland und ins Baltikum wurden weniger. Zwar wurde 1995 ein neues Fährterminal gebaut, um den aus allen Nähten platzenden Stadthafen Sassnitz beim Passagiertransport nach Skandinavien zu entlasten, doch die Konkurrenz wuchs und Reedereien verlegten ihre Routen in andere Häfen wie etwa Stena Line nach Rostock. Der Umschlug von Gütern und Passagieren schrumpfte um mehr als die Hälfte. Der Traum vom Tor zum Osten und nach Skandinavien platzte. Von den ehemals fünf Fähren im Hafen ist nur die "Mukran" geblieben - und sie sticht auch nur noch bei Bedarf in See. Die anderen Schiffe werden heute auf anderen Linien eingesetzt - wie etwa Kiel-Klaipeda. Vor zwei Jahren entdeckte Grieger bei einer Türkeireise unverhofft eine der Fähren im Hafen von Istanbul - ein sentimentales Gefühl beschlich ihn. "Es tat weh zu sehen, dass die Fähren nicht mehr für das genutzt werden, wozu sie einst bestimmt waren."

Offshore-Boom an der Ostseeküste

Doch der Hafen erfand sich neu. Dafür steht nicht zuletzt der neue Name "Mukran Port". Die nötigen Impulse lieferte in den 2000er-Jahren der Energiesektor. "Die Gas-Pipeline war der erste Paukenschlag", sagt Grieger. Beim Bau der Nord-Stream-Leitung, durch die sibirisches Erdgas am Ostseegrund vom russischen Ust-Luga nach Lubmin bei Greifswald strömt, erfüllte der Fährhafen eine wichtige Funktion als Landstützpunkt. In Mukran wurden in eigens errichteten Werken die Rohre für die zwei mehr als 1.200 Kilometer langen Leitungsstränge ummantelt und verschifft. Sollten wie geplant zwei weitere Pipeline-Stränge verlegt werden, würde Mukran wieder zum Zug kommen.

"Das ist der Wandel der Zeit"

Seit einigen Jahren profitiert der Hafen zudem vom boomenden Offshore-Geschäft in der Ostsee. So wurde die Montage des Windparks "Baltic 2" von Mukran aus durchgeführt. Auch beim Bau der Windparks "Arkona" und "Wikinger" spielt Mukran eine wichtige Rolle als Drehscheibe. Langfristig sollen dadurch jeweils rund 60 dauerhafte Arbeitsplätze entstehen. Der Energiekonzern Iberdrola verlegte einen Wartungsstützpunkt nach Mukran, weitere Firmen siedelten sich auf dem Gelände an. "Das ist der Wandel der Zeit", sagt Grieger. Dass "trotz all der Miseren in den vergangenen 30 Jahren immer wieder eine Weiterentwicklung realisiert" wurde, macht ihm Mut für die Zukunft seines Hafens.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 20.10.2016 | 09:00 Uhr

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