Stand: 16.08.2011 10:00 Uhr

Als Jimi auf die Insel kam

von Sabine Leipertz, NDR.de
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Fiete vertellt

Auf seiner Webseite beschreibt Veit "Fiete" Marx-Haupenthal ausführlich, wie er das Festival erlebt hat. extern

Auf Fehmarn ahnte die hippieeske Fangemeinde davon noch nichts. Rund 20.000 Musikbegeisterte warteten am 4. September auf einer Wiese nahe dem Flügger Leuchtturm im Matsch darauf, ihren Ikonen zu huldigen.

Auch Veit "Fiete" Marx-Haupenthal aus Neustadt und Wolfgang Klockmann aus Hamburg waren unter den auf der Festivalwiese Campierenden. Während Fiete und zwei Freundinnen im alten R4 bis zur Fehmarnsundbrücke und dann mit Zelt bepackt zu Fuß auf die Insel kamen, war Klockmann eher mit der "Luxus-Variante" unterwegs. Er und seine Kumpels reisten mit VW-Bussen und Motorrädern an - vollgepackt mit flüssiger und fester Nahrung, ausreichend Rauchwaren inklusive. Das Wochenende stand jedoch unter keinem guten Stern. Das Wetter spielte von Anfang an nicht mit und einige der angekündigten Bands dann auch nicht. Sturm, Regen und Matsch machten den Blumenkindern zu schaffen. Taste, Ten Years After, Colosseum, John Mayall, Joan Baez und Procol Harum kamen gar nicht erst.

"Nix mit Love, aber jede Menge Peace"

Fiete war damals 21 Jahre alt und ein richtiger Hippie: "Grateful Dead, Jefferson Airplane, Canned Heat, das war unsere Musik. Wir sind ja alle dahin gegangen, um schöne Musik zu hören und tolle drei Tage Love and Peace zu haben. Mit körperlich Love war aber nix, das war alles einfach viel zu nass, matschig und schmuddelig. Die Mädels haben gefroren. Aber die Stimmung unter den Leuten war toll. Man hat sich mit Zeltnachbarn getroffen und gefragt 'Hast du noch was zu rauchen, zu trinken, zu essen', das waren ja fast alle Hippies. Mit Love war also nix, aber Peace unter den Leuten war jede Menge", erzählt er im Gespräch mit NDR.de.

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Veit "Fiete" Marx-Haupenthal war 1970 Hippie und beim Festival auf Fehmarn dabei.

Auch Wolfgang Klockmann, damals 19, hat nur gute Erinnerungen an die Good-Vibrations unter den Festivalbesuchern. "Die Stimmung war hervorragend, die ganze Vibration, alle waren voller Erwartung und es gab dieses Wir-Gefühl. Wir gingen damals ja auch auf Demos gegen den Vietnam-Krieg, und die Solidarität unter den Leuten war riesig." Vielleicht lag die gute Stimmung aber auch an dem berauschten Zustand einiger Hippies. "Ich kann das ruhig erzählen. In meiner Clique wurden jede Menge Joints geraucht. Und ich schätze mal, dass mindestens die Hälfte der Besucher bekifft war. Deshalb hat man wahrscheinlich auch das Wetter und die widrigen Umstände besser ausgehalten", erzählt Klockmann im Interview.

Sturm, Stromschläge und Störenfriede

Als klar war, dass einige der erwarteten Bands nicht auftreten würden und der Sturm immer heftiger wurde, mischten sich unter die guten Vibrationen der Hippies jede Menge Misstöne. Fiete erinnert sich: "Das war mehr ein visuelles Konzert denn ein akustisches. Die Anlage war wirklich klein, nichts im Vergleich zu heute. PA-Türme gab es ja nicht. Die Lautsprecher hingen oben an Holzpfählen und waren gar nicht dafür geeignet, so einen großen Platz zu beschallen. Und wenn Sturm auf Fehmarn ist, dann ist das auch Sturm. Du kannst gegen den Wind brüllen und hörst trotzdem nichts und so war das mit der Musik natürlich auch. Auf der Bühne war es dann zeitweise wohl auch richtig gefährlich. Einige Musiker haben Stromschläge bekommen, weil alles nass war. Auch deshalb haben dann einige Bands ihre Gigs abgesagt."

Der britische Bluesrocker Alexis Korner war als Ansager für das Festival engagiert und versuchte in den zwischenzeitlich immer länger werdenden Pausen, die Stimmung oben zu halten - teils mit eigener Musik, teils mit der Aufforderung ans Publikum, auf die Bühne zu kommen und Happenings zu feiern. Mit Erfolg: Barbusige Mädchen ließen dann schnell wieder ein "Woodstock"-Gefühl aufkommen. Doch die Stimmung kippte immer wieder und war zeitweise aggressiv. Seit Jahren hält sich hartnäckig das Gerücht, eine Abordnung der Hamburger "Hells Angels" habe sich unter massiver Bedrohung der Veranstalter selbst als Ordner eingesetzt und später randaliert.

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Alexis Korner, britischer Bluesrocker, führte die Hippie-Gemeinde souverän durch das Festival: mit seiner Musik und als Moderator.

Die "Hells Angels" entstanden aber erst 1973. Deren Vorgänger waren die "Bloody Devils". Wolfgang Klockmann erzählt: "Ich kannte damals eine Rockergruppe, die nannten sich 'Bloody Devils', von denen hatte ich ein Jahr vorher einen Chopper gekauft, so Easy-Rider-like, was man halt damals an Motorrädern so bevorzugte. Und daher kannte ich von denen auch ein paar." Die Rocker mischten das Festival auf, es gab Verletzte und am letzten Festivaltag gingen zu Rio Reisers - damals hießen Ton Steine Scherben noch Rote Steine - "Macht kaputt, was euch kaputt macht" die Container der Veranstalter in Flammen auf. Davon bekamen aber viele nichts mehr mit, da sie direkt nach Jimi Hendrix' Auftritt abgereist waren.

Dieses Thema im Programm:

Doku & Reportage | 10.12.2018 | 23:15 Uhr

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