Auf einem Gemälde von Wilhelm Dabelstein sind zahlreiche Männer am Strand zu sehen, während extrem hohe Wellen das Meer aufpeitschen. © Heimatmuseum Warnemünde Foto: Wilhelm Dabelstein

Wasserstände der "Jahrtausendflut" an der Ostseeküste bis heute unerreicht

Stand: 13.11.2021 09:40 Uhr

Die Sturmflut an der Ostsee in der Nacht zum 13. November 1872 gilt als Jahrtausend-Ereignis. Von Dänemark bis Pommern stieg das Wasser auf seitdem nicht mehr erreichte Höchststände.

von Jürgen Opel, NDR 1 Radio MV

In der Nacht vom 12. auf den 13. November 1872 sucht eine fürchterliche Sturmflut die südliche Ostseeküste von Dänemark bis Pommern heim. Höher ist das Wasser danach nicht wieder gestiegen. Bei solchen außergewöhnlichen und für viele Küstenbewohner tragischen Naturereignissen kommen viele Faktoren zusammen. Die Windstärke und die Windrichtung, die Strömungsverhältnisse, das Wetter unmittelbar vor dem Sturm, die Beschaffenheit der betroffenen Küste spielen eine Rolle. Bei der Rekonstruktion der Ereignisse der tragischen Nacht im November 1872 greifen die Wissenschaftler der unterschiedlichen Fachrichtungen sogar auf Daten und Berichte aus dem frühen 19. Jahrhundert zurück.

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Das Wasser schwappte zurück

Stark vereinfacht liest sich sich die Geschichte der Katastrophennacht so: Es gab einen tüchtigen Sturm aus Südwest; nicht ungewöhnlich im November. Die Wassermassen in der Ostsee schwappten - wenn man so will - in Richtung Finnland und Russland. Gleichzeitig drückte die Nordsee ihre Fluten in die westliche Ostsee. Dann schlug allerdings der Wind um. Aus dem Sturm wurde ein Orkan aus Nordwest. Als würde man eine gefüllte Badewanne anheben, flutete die Ostsee zurück. Weil das Wasser viel zu langsam in die Nordsee abfließen konnte, staute es sich. Das Wasser stieg, auch an der Ostseeküste zwischen Eckernförde bis hin nach Usedom.

Der Morgen danach: Land unter!

Für Rostock-Warnemünde ist der Höchststand am 13. November mit 2,71 Meter überliefert. Der Heimatforscher Friedrich Barnewitz schrieb 1919 in seiner Ortschronik: "Warnemünde lag auf einer Insel. … Das Wasser drang in die Häuser, die Bewohner flüchteten in die neu erbaute Kirche, wo die Flüchtlinge schließlich auf die Bänke steigen mussten." Als das Wasser weiter stieg, holte man schließlich mit Booten die Leute aus der Kirche, Im Rostocker Stadthafen wurden 70 Schiffe auf Land gesetzt und schließlich zerschlagen, so heißt es in Zeitzeugenberichten. Vom bewohnten Teil der Insel Hiddensee war am nächsten Morgen nicht viel mehr zu sehen als das hochliegende Kloster.

271 Menschen kamen in den Fluten um

Im Greifswalder Ortsteil Wieck wurden fast alle Gebäude zerstört und neun Menschen ertranken. Die Trümmer der Häuser trieben bis in die Innenstadt von Greifswald. Peenemünde auf Usedom wurde komplett überschwemmt. Der an der Ostseeküste liegende slawische Burgwall Schmiedeberg bei Alt Gaarz wurde weitgehend abgetragen, ist in einem Gedenkbuch des Pastors Gustav Quade aus dem Jahr 1872 zu lesen. Insgesamt hat das Sturmhochwasser an der gesamten Ostseeküste mindestens 271 Menschen das Leben gekostet, 2.850 Häuser wurden zerstört oder stark beschädigt. 15.160 Menschen wurden obdachlos.

Heutzutage wären 180.000 Menschen bedroht

Eine vergleichbare Flut würde heutzutage mehr als 180.000 Menschen allein in Mecklenburg-Vorpommern bedrohen, so die Einschätzung des Umweltministeriums des Landes. Für Warnemünde zum Beispiel ist im Falle einer solchen Sturmflut mit einem Schaden von etwa 200 Millionen Euro zu rechnen, so das Staatliche Amt für Umwelt und Natur Rostock. Höher als 1872 ist das Wasser an der Ostseeküste nie wieder gestiegen. Deshalb gilt der Hochwasserstand vom 13. November 1872 heute noch als Grundlage für die Berechnungen beim Ausbau der Küstenschutzanlagen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.11.2021 | 12:00 Uhr

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