Stand: 21.02.2012 10:53 Uhr

Am Raschplatz hält nicht mal eine Geisterbahn

von Birgit Reichardt

Aufgeräumt wirkt es, tief unter der Erde von Hannover. Alles ist vorbereitet für den Feinschliff vor dem Einzug. Von Leben ist in dem weiträumigen Beton-Rohbau aber keine Spur. Stattdessen herrscht eine unheimliche Ruhe - in minütlichen Intervallen unterbrochen von einem dumpfen Rauschen, das irgendwo hinter den dicken Mauern entsteht. Der Raum selbst schweigt - und das seit mehr als 30 Jahren. Und auch in Zukunft wird er keinen Laut von sich geben - die sogenannte "stille Station" unter dem Raschplatz spielt keine Rolle mehr in den Planungen der Stadt. "Sie schlummert einfach vor sich hin", sagt Stefan Harcke, Geschäftsführer der infra, die das Schienennetz in Hannover verwaltet.

VIDEO: Unheimliche Stille in der U-Bahn-Station (3 Min)

Tunnelmund am Goetheplatz

Das immer wiederkehrende Rauschen stammt von U-Bahn-Zügen, die über dem Gewölbe hinwegbrausen. An den erkennbaren Bahnsteigen der "stillen Station" selbst aber sind niemals Züge an- oder abgefahren, Menschen ein- oder ausgestiegen. Gebaut wurden sie in den 70er-Jahren, als Vorleistung für eine mögliche D-Linie, die, so der damalige Plan, unterirdisch verlaufen sollte. Der Tunnelmund war am Goetheplatz vorgesehen - von dort sollte die Linie unter anderem am Steintor, dem Raschplatz, der Marien- und der Sallstraße bis zur Bismarckstraße verlaufen. Und tatsächlich: Eine ähnliche "stille Station" gibt es auch am Steintor und einen Vorbau an der Marienstraße.

Kosten spielen "keine Rolle mehr"

Seit dem Frühjahr 2011 ist die Tunnellösung für die D-Linie endgültig vom Tisch - die Region Hannover hat sich aus Kostengründen gegen ein unterirdisches System entschieden. Der Bau der Stationen am Raschplatz sowie am Steintor war dennoch keine Fehlinvestition, meint infra-Geschäftsführer Harcke: "Im Zuge der Baumaßnahme ist hier ein Riesenloch ausgehoben worden, und ob das jetzt fünf Meter tiefer war oder nicht, das spielt für die Kosten aus heutiger Sicht keine große Rolle mehr." Es sei ein übliches Vorgehen, Vorleistungen dieser Art bei großen Bauprojekten zu erbringen, sagt dazu der Regionsdezernent für Wirtschaft, Verkehr und Sicherheit, Ulf-Birger Franz.

Disco oder Showroom?

Aber was bleibt, ist der fertige Rohbau, für den es offenbar keine Verwendung gibt. In der Vergangenheit seien hier, in 35 Metern Tiefe, bereits kleinere Events veranstaltet worden, sagt Harcke. Beleuchtungsinstallationen und Möbel seien einmal ausgestellt worden - im Stundentakt habe man die 30-köpfigen Besuchergruppen in die Katakomben geführt. Auch eine unterirdische Diskothek hätte jemand bauen wollen, eine Filmfirma habe an einen Showroom gedacht. Gute Alternativen, um den Ort nicht brach liegen zu lassen. Aber die Station sei für größere öffentliche Veranstaltungen nicht geeignet, erklärt Dezernent Franz. "Vom Bauordnungsrecht ist das überhaupt nicht möglich. Es gibt nicht genug Zugänge und Fluchtwege und wir haben hier morsche Holztreppen, die völlig ungeeignet sind."

Die "stille Station", sie bleibt also still - auch in den nächsten Jahrzehnten.

Dieses Thema im Programm:

Wie geht das? | 18.07.2018 | 18:15 Uhr

Mehr Geschichte

Die Fußballerinnen derr SSG Bergisch Gladbach nach dem Gewinn des DFB-Pokals 1981. © picture alliance Foto: Roland Witschel

50 Jahre Frauenfußball - Geschichte einer Emanzipation

Am 31. Oktober 1970 ließ der Deutsche Fußball-Bund das Verbot für Frauenfußball fallen. Eine Erfolgsgeschichte begann. mehr

Eine Fernsehansagerin des NDR bei Aufnahmen 1957 im Studio. © NDR

NDR Retro: Der Norddeutsche Rundfunk öffnet sein Fernseh-Archiv

Ab dem 27. Oktober stellt der NDR Tausende historische Videos aus den 50ern und 60ern online. Hier gibt es einen Vorgeschmack. mehr

Helmut und Loki Schmidt 1972 in ihrem Haus am Brahmsee. © Friedrich-Ebert-Stiftung Foto: J.H. Darchinger

Loki Schmidt: Mehr als nur Kanzlergattin

Bekannt geworden als Ehefrau von Helmut Schmidt, war Hamburgs Ehrenbürgerin vor allem Naturschützerin. Vor zehn Jahren ist sie gestorben. mehr

Die Unglücksstelle der ICE-Katastrophe bei Eschede am 3. Juni 1998 aus der Vogelperspektive. © picture alliance/Ingo Wagner/dpa Foto: Ingo Wagner

ICE-Unglück in Eschede: Eine Katastrophe und ihre Folgen

101 Menschen sterben 1998 beim ICE-Unfall in Eschede. Die Rekonstruktion des Unglücks - und was die Verantwortlichen heute sagen. mehr

Norddeutsche Geschichte