Stand: 21.05.2015 12:46 Uhr  - Hallo Niedersachsen

Flucht mit dem Porsche aus dem Celler Knast

Es ist ein Sonntagmorgen, an dem sich Peter S. und Günther F. in der Gefängnis-Bibliothek aufhalten. Die beiden sitzen in Celle ein, im Hochsicherheitsgefängnis für Schwerverbrecher. An diesem Sonntag, den 21. Mai 1995, überwältigen die Häftlinge in der Bibliothek einen Aufseher. Sie wissen genau, was sie wollen: Peter S. und Günther F. fordern ein Funktelefon, ein schnelles Auto und 200.000 Mark. Sollte die Polizei das Gefängnis stürmen, würden sie den Wärter töten.

Zweite Geiselnahme durch Peter S.

Die Drohung der Häftlinge wird sehr ernst genommen. Denn elf Jahre zuvor war Peter S. schon einmal geflohen, hatte vorher ebenfalls eine Geisel genommen und diese mit einer Handgranate Marke Eigenbau bedroht. Die Polizei geht deshalb davon aus, dass die beiden selbstgebaute Waffen besitzen, was sich später als richtige Annahme herausstellt. Es folgt eine spektakuläre Flucht.

Fernsehinterviews während der Flucht

Das schnelle Auto bekommen die Geiselnehmer: Mit einem silbergrauen Porsche rauschen der 38-jährige Peter S. und der 37-jährige Günther F. vom Gelände der Justizvollzugsanstalt (JVA) - unter den Augen zahlreicher Schaulustiger und Journalisten, die sich mit Kameras und Fotoapparaten vor dem Gefängnis versammelt haben. Den Ausbrechern scheint die Aufmerksamkeit recht zu sein: Auf ihrer Fahrt quer durch Niedersachsen telefonieren sie mehrfach mit einem Fernsehsender. Telefonate gibt es auch mit der Polizei, doch die Verhandlungen führen offenbar zu keinem Ergebnis - aufgeben wollen S. und F. jedenfalls nicht.

Zugriff an der Ampel

Von ihrem Sportwagen trennen sich die Ausbrecher bald. An der Autobahn 2 in Bad Eilsen im Landkreis Schaumburg stellen sie den Porsche ab und stehlen einen VW Golf. Weiter geht die wilde, offenbar ziellose Fahrt durchs Land. Sie endet zwei Tage nach der Flucht in Osnabrück: Am 23. Mai hält der Golf an einer roten Ampel in der Innenstadt. Blitzartig schlägt die Polizei zu: Spezialkräfte rammen den Golf von zwei Seiten, es gibt kein Entkommen. Der 38-jährige Justizvollzugsbeamte wird befreit.

Geiselnehmer hatten "chaotische Phase" erreicht

Ein Happy End ohne Blutvergießen - doch es hätte offenbar leicht anders kommen können. Die Polizei erklärt nach der Festnahme, die Geiselnehmer seien in eine "chaotische Phase" geraten. Das Leben der Geisel sei akut gefährdet gewesen. Die Ausbrecher waren offenbar verzweifelt und möglicherweise zu allem bereit. Noch einmal sind die beiden nicht entkommen: Einer saß bis 2011 im Gefängnis, der andere befindet sich heute in Sicherungsverwahrung. Die Geisel von 1995 ist bereits im Ruhestand.

Regierung beschließt neues Sicherheitskonzept

Als die Gefahr gebannt war, brachen die Diskussionen los. Es war bereits die dritte Geiselnahme im Celler Knast innerhalb von nur elf Jahren gewesen. Die Landesregierung beschloss ein neues Sicherheitskonzept für ganz Niedersachsen. Vier Gefängnisse erhielten sogenannte Sicherheitsstationen mit 46 Einzelhaft-Zellen.

1996: Gewalttätige Geiselnahme - wieder in Celle

Trotz der Debatten und des überarbeiteten Konzepts nahm nur knapp ein Jahr später wieder ein Häftling in Celle eine Geisel. Und diesmal gab es kein Happy End. Es war eine Sozialarbeiterin, die der Mann im Februar 1996 in seine Gewalt brachte. Der Häftling vergewaltigte die Frau. Die Leiterin des Gefängnisses begab sich im Austausch für ihre Mitarbeiterin freiwillig in die Gewalt des Mannes - er vergewaltigte auch sie. Die Abteilung Salinenmoor ist seit 2014 geschlossen, im November wurden die letzten Häftlinge verlegt.

Nach 1995: Ausbrüche mit tragischen Folgen

Seit den 90er-Jahren ist an der Sicherheitstechnik immer weiter gearbeitet worden. Heute habe das Land "Hochsicherheitsanstalten mit modernsten Sicherheitsstandards", erklärt der Sprecher des Justizministeriums, Alexander Wiemerslage. Ausbrüche hat es in Niedersachsen dennoch gegeben, zum Teil mit tragischem Ausgang: Vor einem Jahr kam der Sicherungsverwahrte Reinhard R. von einem Ausgang nicht zurück in die JVA Lingen (Landkreis Emsland). Auf seiner Flucht soll er ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt haben. Vor allem geflohene Sicherungsverwahrte haben die Landesregierung in jüngster Zeit beschäftigt. Am 2. Oktober 2014 konnte beispielsweise ein Sicherungsverwahrter aus der JVA Rosdorf während eines Freigangs beim Einheits-Bürgerfest am Maschsee in Hannover untertauchen.

Geschichte

Juli 1978: Celler Loch erschüttert Niedersachsen

Als am 25. Juli 1978 eine Bombe an der Celler Gefängnismauer detoniert, deutet alles auf Terroristen hin. 1986 kommt heraus, dass die Attentäter Verfassungsschützer waren. mehr

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Hallo Niedersachsen | 21.05.2015 | 19:30 Uhr

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