Stand: 07.10.2020 22:00 Uhr

Werner Pinzner: Der Killer von St. Pauli

Er ist in den 1980er-Jahren einer der skrupellosesten Männer auf dem Hamburger Kiez: Werner Pinzner verdient sein Geld als Auftragsmörder. Im April 1986 verhaftet ihn ein Polizeikommando. Fünf Morde werden dem Killer angelastet. Bei seiner letzten Vernehmung am 29. Juli wollen die Ermittler wissen, ob es noch mehr sind. Was dann passiert, lässt Pinzner in die Kriminalgeschichte eingehen.

Die Bluttat im Präsidium

Der 29. Juli 1986, ein Dienstag, ist ein heißer Sommertag. Werner Pinzner sitzt neben seiner Frau Jutta im Zimmer 418 des Polizeipräsidiums am Berliner Tor. Auf einem Schreibtisch stehen Getränke und Brötchen für den Auftragskiller.

Pinzner hat angekündigt, weitere Taten zu gestehen. Mit im Büro sind Pinzners Anwältin, Staatsanwalt Wolfgang Bistry, zwei Polizisten und eine Sekretärin.

Als die Vernehmung beginnen soll, überrascht Pinzner mit den Worten "Meine Herren, das ist eine Geiselnahme!" - und zieht plötzlich einen Revolver.

VIDEO: Gitta Berger ist damals die Protokollantin bei der Vernehmung. (Interview von 2002) (1 Min)

Der Kopfschuss verletzt den Staatsanwalt lebensgefährlich. Wolfgang Bistry sinkt auf den Boden des Vernehmungszimmers.

Den beiden Polizisten gelingt es zu fliehen. Als sie aus dem Raum stürzen, schießt Werner Pinzner hinter ihnen her.

VIDEO: Max van Oosting ist einer der Polizisten, die mit Pinzner im Büro waren. (Interview von 2016) (1 Min)

Während die Schreibkraft im Zimmer ausharrt, schlagen die geflohenen Polizisten Alarm. Krankenwagen rasen zum Präsidium. Ein Hubschrauber wird angefordert.

Vor dem Gebäude eilen die Rettungkräfte heran, im vierten Stock telefoniert Werner Pinzner derweil mit seiner Tochter. Er verabschiedet sich von ihr: "Birgit, ich liebe Dich." Als er aufgelegt hat, gibt er seiner Anwältin seine Uhr - als Erbstück für die Tochter. Dann wendet sich Pinzner seiner Frau Jutta zu, wie sich die damalige Sekretärin Gitta Berger erinnert.

VIDEO: "Seine Frau hat sich vor ihm hingekniet, hat den Mund aufgemacht ..." Auch Jahre später fallen Gitta Berger die Erinnerungen an die Bluttat schwer. (2002) (1 Min)

Pinzner und seine Frau sind sofort tot. Staatsanwalt Bistry wird ins Universitätsklinikum Eppendorf geflogen.

Die Tagesthemen berichten am Abend des 29. Juli 1986 über die Schüsse im 4. Stock des Hamburger Polizeipräsidums. Zu diesem Zeitpunkt lebt der Staatsanwalt noch.

VIDEO: Tagesthemen (1 Min)

Doch die Kopfverletzung von Wolfgang Bistry ist zu schwer - der 40-Jährige stirbt am nächsten Tag.

Der Täter

Wer ist der Mann, der diesen "Exitus triumphalis" verübt?

Werner Pinzner wird am 27. April 1947 als Sohn eines Rundfunkmechanikers und einer Verkäuferin in Hamburg-Bramfeld geboren. Die Schule bricht er ab. Er arbeitet als Fahrer, Seemann, Gerüstbauer, Fliesenleger und Schlachter. Pinzner heiratet, wird Vater einer Tochter, lässt sich wieder scheiden. Später heiratet er erneut, seine Jutta.

Im August 1975 raubt er mit zwei Komplizen einen Supermarkt aus. Der Leiter des Marktes wird erschossen. Pinzner muss für zehn Jahre ins Gefängnis. Dort fängt er an, Heroin und Kokain zu nehmen. Er träumt von einer Karriere im Rotlichtmilieu. Auf dem Kiez herrschen Zuhälter-Gruppen über Hunderte Prostituierte. Die Männer scheffeln Geld und protzen mit Statussymbolen.

VIDEO: Roman-Autor Frank Göhre hat in den 1980er-Jahren viele Kiez-Größen persönlich getroffen. (Interview von 2016) (1 Min)

Ein Lebemann - das möchte Werner Pinzner sein. Nach seiner langen Haftstrafe will er endlich auf dem Kiez mitmischen.

Anfang der 1980er-Jahre lernt er seinen späteren Komplizen Armin H. (rechts im Bild) und seinen zukünftigen Auftraggeber, den Österreicher Peter N., kennen. Letzterer ist einer von denen, die auf dem Kiez den Ton angeben. Aber: Das Rotlichtmilieu ist im Umbruch. Immer weniger Männer gehen zu Prostituierten - die Angst vor Aids geht um. Kokain ist die neue große Einnahmequelle. Die Kämpfe auf dem Kiez werden härter: Waffen statt Fäuste. Dafür braucht es jemanden ohne Skrupel, jemanden wie Pinzner.

VIDEO: Die beiden Polizisten Rolf Bauer und Max van Oosting haben Pinzner damals erlebt. (2016) (1 Min)

Die Auftragsmorde

Pinzner tötet per Kopfschuss. Schon für seinen ersten Auftrag erhält er mehrere Zehntausend Mark: Der Ex-Bordellbesitzer und Dealer Jehuda Arzi hat Kokain-Schulden und ist ein Erpresser - darum muss er sterben.

Kurz darauf der nächste Mord: Pinzner lockt den Bordell-Teilhaber Peter Pfeilmaier in einen Hinterhalt, weil Pinzners Auftraggeber, Kiez-Größe Peter N., dessen Anteile übernehmen will.

Auch das dritte Opfer, Dietmar Traub, ist Peter N. lästig geworden. Er findet, sein Kompagnon kokst zu viel. Beim vierten Mord ist Peter N. erneut Auftraggeber: Pinzner soll Waldemar Dammer töten, weil dieser den Kiez-Boss öffentlich gedemütigt hat. Pinzner und ein Komplize erschießen den Bordellbetreiber und einen seiner Angestellten gleich mit.

VIDEO: Der ehemalige Hamburger Staatsanwalt Martin Köhnke hat im Fall Pinzner ermittelt. (2016) (1 Min)

Ein Arminius Kaliber 38 Spezial - das ist Pinzners Revolver. Besorgt hat er ihn sich schon im Knast.

Die Waffe hat eine Besonderheit: Mit seltenen "zehn Zügen Rechtsdrall" stabilisiert sie die Geschosse - und markiert sie dadurch mit feinen Einkerbungen. Den Ermittlern hilft dies auf die Spur, weil sie immer wieder solche Projektile an den Tatorten finden. Im Mai 1985 gründen Staatsanwaltschaft und Polizei die Sonderkommission 855.

Die Arbeit der Soko

Ermittelnder Staatsanwalt in der Soko ist Wolfgang Bistry.

Sein Augenmerk liegt auf der Bekämpfung organisierter Kriminalität in Hamburg. Seine Kollegen beschreiben ihn als "zupackend", aber auch als "risikobereit". Er hat sich voll und ganz der Suche nach dem Kiez-Killer verschrieben. Anfang 1986 gelingt Bistry und seinem Team der Durchbruch: Ein Milieu-Insider packt aus. Endlich gibt es genügend Informationen, um Pinzner festzunehmen.

Mit einem Trick holt ein Polizeieinsatzkommando Pinzner am 15. April 1986 aus seiner Wohnung in der Steilshooper Straße 77.

Er kommt direkt aus dem Bad, hat nasse, zerzauste Haare und ist nackt - bis auf die Strümpfe. Pinzner wirkt überrascht. In der Wohnung finden die Polizisten auch die Tatwaffe. Kurz nach der Verhaftung wird klar: Pinzner ist bereit, die Hintermänner der Auftragsmorde zu verraten.

Die Ermittler wollen wissen, wie viele Morde Pinzner noch begangen hat.

VIDEO: Auszüge aus Pinzners Vernehmung. (2 Min)

Pinzner hält die Beamten immer wieder hin. Im Untersuchungsgefängnis gelingt es ihm, seine Anwältin auf seine Seite zu ziehen und für sich zu vereinnahmen.

Von ihr lässt er sich mit Kokain und Heroin versorgen. Außerdem schmuggelt sie Briefe zwischen Werner Pinzner und seiner Frau Jutta hin und her. Der Killer weiß: Er ist buchstäblich am Ende. Die Kiez-Größen würden ihn töten, käme er jemals frei. Er selbst will nicht im Knast versauern. Bei regelmäßigen Besuchen planen Pinzner und seine Anwältin seine letzte große Tat.

Die Helferinnen

Das Mandat Pinzner ist für die Anwältin, deren Name heute nicht mehr öffentlich genannt werden darf, ein großer Fang. Sie spielt damit in der Top-Liga der Hamburger Anwälte mit.

Doch Ansehen und Geld sind nicht alles: Sie, die selbst schwere Probleme mit einem psychisch kranken Ehemann hat, lässt sich in die komplizierte Ehe der Pinzners hineinziehen. Sie identifiziert sich offenbar mit Jutta Pinzner, die ohne ihren Werner komplett hilflos erscheint. Mit dem Drogenschmuggel für Pinzner wird die Anwältin erpressbar. Am Ende lässt sie sich so weit beeinflussen, dass sie sogar die Tatwaffe beschafft.

VIDEO: Die ehemaligen Polizisten Rolf Bauer und Max van Oosting sind überzeugt davon, dass es ohne die Unterstützung der Anwältin niemals zur tödlichen Eskalation gekommen wäre. (2016) (1 Min)

Mit der Hilfe der Anwältin übt Jutta Pinzner, wie sie den Revolver schmuggeln kann. Sie wickeln den Smith & Wesson in ein Geschirrtuch und stecken ihn in Jutta Pinzners Slip - wie hier von der Polizei nachgestellt.

Darüber trägt sie einen weiten Rock. Die Pinzners und die Anwältin planen, dass Jutta auf die Toilette geht und dort den Revolver in ihre Handtasche umpackt. So kann Werner Pinzner im Vernehmungszimmer schnell an die Waffe herankommen.

VIDEO: Hätte Jutta Pinzner durchsucht werden müssen? Martin Köhnke, Staatsanwalt im Fall Pinzner. (2016) (1 Min)

Jutta Pinzner würde für Werner Pinzner alles tun. Sie, die einst in einer Bank arbeitete, ist unselbstständig und hochgradig abhängig von ihrem Mann.

In ihren Briefen spricht sie ihn mit seinem Spitznamen "Mucki" oder auch mit "mein Geilus" an. Nicht immer scheint sie Pinzners Pläne zu verstehen. So schreibt sie zum Beispiel: "Sei mir nicht böse, ich blicke nicht durch. Mein Kopf und meine nicht vorhandene Intelligenz - ich verstehe es nicht." Doch sie ist sicher, sie will gemeinsam mit ihm sterben. "Mucki, ich wünsche mir so sehr, dass wir im Arm uns halten und ganz sanft, jeder die Liebe des anderen fühlend, abfliegen könnten", schreibt sie Werner Pinzner kurz vor der Tat.

VIDEO: Jutta Pinzer sei ihrem Mann komplett hörig gewesen, so Martin Köhnke, Staatsanwalt im Fall Pinzner. (1 Min)

Eine Ehefrau, die ihm willfährig nicht nur in den Tod folgt, sondern ihm sogar vorausgeht. Eine Anwältin, deren Kontrolle über Recht und Moral in ihrer Verstrickung komplett aus den Fugen geraten ist. Zwei Frauen, die ihm eines ermöglicht haben: Mit Mord und Selbstmord macht Werner Pinzner an diesem 29. Juli 1986 einen "großen Abgang".

Diesen "großen Abgang" hatte Pinzner sich gewünscht. Die tödlichen Schüsse im Polizeipräsidium lösen in Hamburg und bundesweit Entsetzen aus. Wie konnte das passieren? Wer trägt die Konsequenzen?

Die Folgen

Für die Hamburger Politik und Verwaltung ist die Bluttat ein Skandal. Die Sicherheitsvorkehrungen in Polizeigebäuden und Gefängnissen stehen massiv in der Kritik. Den Ermittlern wird vorgeworfen, dass sie Pinzner zu weit entgegengekommen sind.

Die Senatoren für Inneres und Justiz, beide SPD, sind ohnehin schon angeschlagen - jetzt müssen Rolf Lange (links im Bild) und Eva Leithäuser (Mitte) zurücktreten. Bei den Wahlen 1986 verliert die regierende SPD - und das, obwohl sie vor Pinzners Taten noch als klarer Favorit gilt.

Auch auf dem Hamburger Kiez brechen andere Zeiten an.

VIDEO: Frank Göhre, Romanautor und Kiez-Kenner, bewertet die Geschehnisse von 1986 als Umbruch. (2016) (1 Min)

Pinzners Anwältin muss sich vor Gericht verantworten - hier mit ihrem eigenen Verteidiger im Bild.

Sie wird wegen Beihilfe zum Mord angeklagt und zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Vorübergehend darf sie nicht mehr als Rechtsanwältin arbeiten. Auch Pinzners Auftraggeber Peter N. wird verurteilt - zu lebenslanger Haft. Im Jahr 2000 wird er allerdings aus der Haft entlassen.

Das Zimmer, in dem Werner Pinzner vor fast 35 Jahren seinen Abgang inszenierte, gibt es heute so nicht mehr. Das Hochhaus ist umgebaut und modernisiert worden, die Polizei längst umgezogen. Autos rauschen über die Kreuzung am Berliner Tor. Kaum einer der Passanten, die an dem Gebäudekomplex vorbeigehen, weiß, was hier am 29. Juli 1986 geschah.

Die Kollegen und Freunde von Wolfgang Bistry halten die Erinnerungen an den ihn wach. Für sie bleiben die Geschehnisse vom 29. Juli 1986 und der getötete Staatsanwalt unvergessen.

VIDEO: Die Erinnerungen von Max van Oosting, Rolf Bauer und Martin Köhnke. (2016) (2 Min)

Diese Dokumentation wurde freundlicherweise unterstützt vom Polizeimuseum Hamburg, der Staatsanwaltschaft Hamburg, dem Staatsarchiv Hamburg und der Gaststätte "Zum Silbersack" in Hamburg-St. Pauli.

Weitere Informationen
Ein Passbild von "Mucki" Pinzner, Foto von seiner Tatwaffe sowie vom Eingang der Kneipe die Ritze. © Staatsarchiv Hamburg

Als die Killer auf den Kiez kamen

In den 80ern tobt in Hamburg ein brutaler Zuhälterkrieg. Wichtiger Zeuge ist Profikiller Werner Pinzner. Nach seiner Verhaftung sagt er umfassend aus, richtet dann aber ein Blutbad an. mehr

Dieses Thema im Programm:

DAS! | 29.07.2016 | 18:45 Uhr

Mehr Geschichte

Die Fußballerinnen derr SSG Bergisch Gladbach nach dem Gewinn des DFB-Pokals 1981. © picture alliance Foto: Roland Witschel

50 Jahre Frauenfußball - Geschichte einer Emanzipation

Am 31. Oktober 1970 ließ der Deutsche Fußball-Bund das Verbot für Frauenfußball fallen. Eine Erfolgsgeschichte begann. mehr

Eine Fernsehansagerin des NDR bei Aufnahmen 1957 im Studio. © NDR

NDR Retro: Der Norddeutsche Rundfunk öffnet sein Fernseh-Archiv

Ab dem 27. Oktober stellt der NDR Tausende historische Videos aus den 50ern und 60ern online. Hier gibt es einen Vorgeschmack. mehr

Helmut und Loki Schmidt 1972 in ihrem Haus am Brahmsee. © Friedrich-Ebert-Stiftung Foto: J.H. Darchinger

Loki Schmidt: Mehr als nur Kanzlergattin

Bekannt geworden als Ehefrau von Helmut Schmidt, war Hamburgs Ehrenbürgerin vor allem Naturschützerin. Vor zehn Jahren ist sie gestorben. mehr

Die Unglücksstelle der ICE-Katastrophe bei Eschede am 3. Juni 1998 aus der Vogelperspektive. © picture alliance/Ingo Wagner/dpa Foto: Ingo Wagner

ICE-Unglück in Eschede: Eine Katastrophe und ihre Folgen

101 Menschen sterben 1998 beim ICE-Unfall in Eschede. Die Rekonstruktion des Unglücks - und was die Verantwortlichen heute sagen. mehr

Norddeutsche Geschichte