Stand: 04.11.2019 06:00 Uhr

Fritz Schumacher - Hamburgs moderner Stadtplaner

Fritz Schumacher war äußerst aktiv: Er schuf nicht nur etliche Gebäude, sondern schrieb auch rund 30 Bücher.

Holthusenbad und Davidwache, Stadtpark und Krugkoppelbrücke: Fritz Schumachers Bauten und Anlagen prägen das Hamburger Stadtbild bis heute. Mehr als 90 Gebäude und Brücken, viele von ihnen aus Backstein, zeugen von seiner immensen Schaffenskraft. Allein 30 Schulen plante der Architekt und Stadtplaner. Ein Porträt zum 150. Geburtstag.

24 Jahre lang, von 1909 bis zu seiner Zwangspensionierung durch die Nazis 1933, gestaltete Schumacher in seiner Funktion als Baudirektor das moderne Hamburg. Sein Wirken reichte dabei weit über die Bauwerke hinaus: Schumachers Ziel war es, dem modernen Großstadtmenschen eine neue Heimat zu schaffen.

Werke von Fritz Schumacher in Hamburg

Fritz Schumacher: Ein Lebenswerk in Trümmern

Die Großstadt betrachtete Schumacher als eine Art kranken Organismus: "Die ganze Fülle sozialer Ungelöstheiten, die ganze Wucht unnatürlicher Lebensverhältnisse" balle sich darin zusammen. Nur unter Berücksichtigung der sozialen Bedingungen und der Bedürfnisse seiner Bewohner könne man sie reformieren. Aufgabe der Städteplaner sei es, "das verzerrte Gebilde umzugestalten, das sich heute als Großstadt herausgebildet hat“, erklärte Schumacher in einer seiner letzten Schriften 1947. Zu dieser Zeit lag das in vielen Teilen von ihm erschaffene Hamburg in Trümmern - Bomben und Feuersturm waren über sein Lebenswerk hinweggefegt und hatten auch viele seiner Bauwerke zerstört. 

Kindheit zwischen Bremen, Bogotá und New York

Wer war der große Stadtplaner und Architekt, der auch international hohes Ansehen genoss und dessen Arbeiten bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert in Ausstellungen in aller Welt zu sehen waren?

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Frühe Spuren: In Leipzig war Schumacher am Entwurf des Rathauses beteiligt.

Am 4. November 1869 wird Fritz Schumacher in Bremen geboren, seine Kindheit verbringt der Diplomatensohn im kolumbianischen Bogotà und in New York. Als Fritz 14 Jahre alt ist, kehrt die Familie in die Hansestadt zurück. Nach dem Abitur studiert er in München Architektur und geht nach ersten praktischen Erfahrungen in einem Münchner Architekturbüro 1895 nach Leipzig, wo er unter anderem am Entwurf des Neuen Rathauses mitarbeitet.

Fritz Schumacher: Architekt, Künstler, Reformer

Schon zu dieser Zeit wird deutlich, dass Fritz Schumacher nicht nur Architekt ist, sondern auch Reformer. 1899 veröffentlicht er die Streitschrift "Im Kampfe um die Kunst", in der er Einfachheit, Handwerklichkeit und einen lokalen Bezug der Architektur fordert. 1901 geht Schumacher als Professor an die Universität Dresden, wo er den Deutschen Werkbund, eine reformorientierte Vereinigung von Künstlern und Unternehmern, mitgründet. Zu seinen Studenten gehören unter anderem Fritz Bleyl, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner, die später als Brücke-Künstler berühmt werden sollten.

1909: Schumacher kommt nach Hamburg

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Für die Mönckebergstraße entwarf Schumacher eine Volkslesehalle mit einem repräsentativen Brunnen.

Am 1. September 1909 kommt Schumacher als Baudirektor nach Hamburg. Vorangegangene Angebote bekannter Hochschulen und Städte hatte er abgelehnt. In Hamburg aber sieht der nun 40-Jährige für sich die Möglichkeit, seine Vorstellungen von einer modernen Stadt umzusetzen: mehr Grünanlagen, Geschossgebäude mit höchstens fünf Etagen, Wohngebiete mit Kinderspielplätzen und Wiesen, luft- und lichtdurchflutete Wohnungen.

Viele Neubauten und ein Park fürs Volk

Bauten wie das Tropeninstitut, das Johanneum, die Hochschule für Bildende Künste und das Hamburg Museum stammen aus dieser Zeit. Anfangs kommt es immer wieder zu Kompetenzgerangel mit dem Leiter des Ingenieurwesens, Fritz Sperber. Denn für Städtebau, Infrastruktur und Grünanlagen ist Sperber zuständig, der Neuling Schumacher hingegen verantwortet die Staatsbauten.

Park-Geschichte

1914: Hamburg bekommt einen Park fürs Volk

Nach jahrelangen Querelen eröffnet am 1. Juli 1914 der Hamburger Stadtpark. mehr

Dennoch setzen Schumacher und Sperber ab 1910 ihren gemeinsamen Entwurf für den Hamburger Stadtpark um, der am 1. Juli 1914 als moderner Volkspark eröffnet wird. Als Schumacher die Leitung der neu gegründeten Abteilung für Städtebau übernimmt, will er sein Konzept einer menschenfreundlichen Stadt verwirklichen. Doch im selben Jahr bricht der Erste Weltkrieg aus, der Architekt muss seinen Wehrdienst in der obersten Heeresleitung in Belgien, Rumänien und Polen absolvieren.

Zwischenspiel in Köln

Nach dem Krieg gewinnt Fritz Schumacher 1919 einen städtebaulichen Wettbewerb der Stadt Köln und geht 1920 auf Drängen des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer für drei Jahre in die Rhein-Metropole. Dort entwickelt er als "Technischer Bürgermeister" einen Generalsiedlungsplan, in dem er langfristige Wachstumsperspektiven für die Stadt aufzeigt.

Schumacher-Bauten - Tradition und Moderne

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Im Hamburg Museum vermischte Schumacher moderne und traditionelle Formensprache - diese Mischung ist typisch für seine Entwürfe.

1924 kehrt Schumacher als Oberbaudirektor nach Hamburg zurück und entwirft zahlreiche bekannte Bauten, die bis heute das Stadtbild prägen, darunter das Finanzgebäude am Gänsemarkt, die Krugkoppelbrücke und etliche Schulen. Typisch für Schumachers Bauten ist die Verbindung von Tradition und Moderne. Weil ihm der Lokalbezug in der Architektur wichtig ist, führt er die in der Hansestadt traditionsreiche Backsteinbauweise fort. Zusätzlich bezieht er farbige Keramik, Ziegelformsteine, Bildhauer- sowie Malereiarbeiten mit ein. So entstehen Bauten eines ganz eigenen Stils und mit einem großen Wiedererkennungswert, die teils an Entwürfe des Neuen Bauens erinnern, zugleich aber auch Elemente der traditionellen Formensprache aufgreifen.

Gartenstädte und Arbeitersiedlungen - neue Wohnformen für Städter

Doch Schumacher entwirft nicht nur einzelne Gebäude, sondern betätigt sich vor allem als Stadtplaner. Er entwickelt ein Konzept zur Alsterkanalisierung und leitet die Planungen für den Bau der Arbeitersiedlungen in der Jarrestadt und in Dulsberg, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Er baut eine Siedlung in Langenhorn als Gartenstadt mit einfachen Reihenhäusern und Gartenflächen für Kleinbürger.

Blick auf zwei Häuser Häuser in der Fritz-Schumacher-Siedlung in Hamburg-Langenhorn

Leben in der Jahrhundertsiedlung

die nordreportage -

Über unbezahlbare Mieten und Anonymität wird in Hamburg häufig geklagt. Nicht so in der Fritz-Schumacher-Siedlung in Langenhorn. Die Bewohner erzählen von ihrem dörflichen Leben.

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Von den Nazis entlassen, nach dem Krieg rehabilitiert

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Das Krematoirum auf dem Ohlsdorfer Friedhof - heute Fritz-Schumacher-Halle - ist der letzte Bau, den der Architekt für Hamburg entwirft.

Am 3. Mai 1933, kurz nachdem mit dem Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof sein letztes Bauwerk eröffnet worden ist, zwangspensionieren die Nationalsozialisten den erfolgreichen Stadtplaner. Was zu seiner Entlassung führte, ist bis heute nicht einwandfrei geklärt. In einem Brief an seinen Bruder Hermann schildert er, dass man ihn "heillos behandelt" und dazu habe bringen wollen, selbst zu kündigen. Seinen Amtsnachfolger, den Stadtbaurat Karl Koester, setzt Schumacher jedoch noch persönlich durch.

Von nun an reist Schumacher viel und widmet sich der Schriftstellerei. In dieser Zeit erscheinen die meisten seiner Bücher. Viele sind architekturtheoretischen Inhalts, aber auch kulturelle und literarische Themen greift Schumacher, der bereits in jungen Jahren auch Theaterstücke schrieb und inszenierte, auf.

Die massive Zerstörung Hamburgs durch die Bombenangriffe im Sommer 1943 , der auch viele seiner Bauten zum Opfer fallen, trifft Schumacher bis ins Mark. In einer leidenschaftlichen Rede im Hamburger Rathaus setzt er sich 1945 vehement für den Wiederaufbau der Hansestadt ein und fungiert danach als Ratgeber. Immer wieder suchen auch Planer aus anderen Städten den Rat des Backsteinmeisters von der Elbe. Am 5. November 1947 stirbt Schumacher in einem Hamburger Krankenhaus.

Schumachers städteplanerische Überzeugungen sind bis heute aktuell, das belegt auch ein Zitat aus seinem 1947 erschienenen "Lesebuch für Baumeister": "Nur wenn wir lernen, die Stadt als Gemeingut zu betrachten und zu behandeln, können wir künstlerisch und sozial die Probleme zu lösen beginnen, die sie uns stellt."

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

die nordreportage | 16.09.2019 | 18:15 Uhr

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