Stand: 25.10.2019 10:15 Uhr

Beate Uhse: Die Sexshop-Pionierin

von Peer-Axel Kroeske

Manchmal gibt es diese Zufälle: Während Beate Uhse am 25. Oktober 2019 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte, ist die Stimmung rund um das Unternehmen, das sie einst in Flensburg gründete, wenig feierlich. In der Stadt an der Förde löst es sich in Luft auf. Eine Mitarbeiterin, die 38 Jahre im Unternehmen arbeitete, ist gerade von den Inventuren in Deutschland und Benelux zurückgekehrt, von Shops, die jetzt auch geschlossen werden. Im Büro packt sie ihre Kartons. Sie ist hier die Letzte. Nach mehreren Insolvenzen ist von dem Unternehmen, das nach dem Zweiten Weltkrieg den ersten Sexshop der Welt hervorbrachte, nur wenig geblieben.

Aktie der Beate Uhse AG ist nur noch 0,2 Cent wert

Auf einem Tisch stehen Souvenirs der Firmengeschichte: Ein großes Bild von Beate Rotermund - Uhses Name nach der zweiten Eheschließung - und metallene Dildos aus dem aufgelösten Beate Uhse Erotik-Museum Berlin, die noch versteigert werden sollen. Zwei weitere Mitarbeiter sitzen noch in Hamburg.

Die 1999 völlig überzeichnete Aktie der Beate Uhse AG, deren Verfall infolge umstrittener Kreditvergaben auch die Flensburger Sparkasse in den Abgrund zog, ist 20 Jahre später nur noch 0,2 Cent wert. Die Markenrechte liegen in den Niederlanden. Auf der Internetseite wird die Beate Uhse BV als "Unternehmen der EDC-Retail Group" geführt.

Interview
Dirk Rotermund steht im Lager des Unternehmens Orion, in dem mehrere Menschen arbeiten. © NDR Foto: Peer-Axel Kroeske

"Beate Uhse wollte nie wieder arm sein"

Zum 100. Geburtstag von Beate Uhse spricht ihr Adoptivsohn Dirk Rotermund über eine außergewöhnliche Mutter und Unternehmerin. Auch Rotermund selbst blieb der Erotik-Branche treu. mehr

Beate Uhse Firmengebäude gehört einem Möbelhaus

Das denkmalgeschützte Firmengebäude in der Flensburger Gutenbergstraße dient seit 2013 dem Teppich- und Möbelhaus Knutzen als Verwaltungssitz. Vor 50 Jahren galt der architektonisch anspruchsvolle Bau als hochmodern, mit Klimaanlage und Musikbeschallung in allen Räumen, erzählt Geschäftsführer Peter Knutzen.

Sein Büro befindet sich etwa dort, wo die Erotik-Unternehmerin ihren Schreibtisch hatte. Knutzen hat sie aber nie kennengelernt. Jetzt steht das Foyer voll mit 180 Strandkörben, die nach der Saison übrig geblieben sind.

Geblieben ist der Großhändler Orion

Ein Bezug ist zumindest geblieben: Im Erdgeschoss sitzen einige junge Männer an ihren PC-Arbeitsplätzen. Die TMC Content Group organisiert den Bezahlsender Beate-Uhse-TV sowie "Unterhaltung für Erwachsene" im Internet. Diese Firma mit Hauptsitz in der Schweiz ist aber inzwischen unabhängig.

Das eigentliche unternehmerische Erbe der Frau, die mit ihrem Kondom- und Erotikbuchversand der sexuellen Revolution in Deutschland den Weg bereitete, findet sich an Flensburgs Westrand. Dort sitzt der Erotikversand und Großhandel Orion mit seinen 300 Mitarbeitern.

Teilung sorgt für quasi-interne Konkurrenz

Unternehmerin Beate Uhse im Jahr 1969 © picture-alliance/dpa Foto: dpa
1981 teilte Beate Uhse die Geschäftszweige ihres Unternehmens auf die Söhne auf.

Orion entstand 1981, als die Geschäftszweige zwischen den Söhnen aufgeteilt wurden. Dirk Rotermund und der kurz darauf verstorbene Klaus Uhse bekamen den Versand, Ulrich Rotermund die Shops und Kinos. Doch schon bald machten sich beide Zweige Konkurrenz. Bei den Shops kooperierte Dirk Rotermund von 1986 an mit einem hessischen Unternehmen - der Startschuss für den Namen Orion. Das Unternehmen Beate Uhse baute mit exklusiven Namensrechten eine eigene Versandabteilung auf.

In der Zeit nach der Wende liefen die Geschäfte zunächst gut. Kostenlose Inhalte im Internet sorgten dann für neuen Wandel. Orion hat die Höhen und Tiefen der Branche im Gegensatz zum Stammhaus gut gemeistert. Sextoys und Dessous machen inzwischen den meisten Umsatz. Die Bedürfnisse von Frauen stehen zunehmend wieder im Mittelpunkt. Schwerpunkt ist der weltweite Großhandel.

3D-Drucker erleichterten die Entwicklung

Das Flensburger Team erfindet ständig eigene Produkte. Bei den Kollegen stehen Dildos auf dem Tisch. 3D-Drucker haben die Entwicklung erheblich vereinfacht. Hier arbeitet auch eine Modedesignerin mit ihrem Team. Nebenan im großen Lager starten die vollautomatischen Maschinen schon morgens um vier.

Geliefert wird, was einvernehmlich eingesetzt wird

In China werden am 11. November viele Single-Partys gefeiert. Hierfür stapeln sich gerade die Kartons in Flensburg. Viele Waren werden zwar auch in China produziert. Dennoch bestellen die Chinesen lieber in Deutschland, weil sie ihren eigenen Qualitätskontrollen nicht trauten, erzählt Dirk Rotermund.

In der Packstraße füllt eine Mitarbeiterin gerade einen Karton mit einer ledernen Gesichtsmaske, die an einen Maulkorb für Hunde erinnert. Ein Randsegment, meint Orion-Sprecherin Susanne Gahr. Geliefert wird alles, was im gegenseitigen Einverständnis eingesetzt werden kann, sagt sie. Sodomie und Pornografie mit Minderjährigen seien gesetzlich verboten. Das werde natürlich von der Rechtsabteilung kontrolliert.

Beate Uhse hat die Gesellschaft verändert

Entscheidender als Beate Uhses unternehmerisches Wirken dürfte aber ohnehin ihr gesellschaftliches Erbe sein. "Sie hat als erste Frau ein Unternehmen geführt, das sich mit einem Thema beschäftigt hat, das so offen in der Gesellschaft niemand angesprochen hat. Es ging indirekt auch darum, Frauen selbstbestimmter zu machen," meint Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD).

Das bestätigt Biografin Katrin Rönicke. Mit der Legalisierung der Pornografie 1975 habe sich das Unternehmen dann aber auf Männer fokussiert. Beate Uhse sei auf diesen Zug mit Kinos und Filmen voll aufgesprungen.

Orion-Chefin: "Schuhe sind zu groß für mich"

Beate Uhse starb 2001 in der Schweiz. Orion wird inzwischen von Dirk Rotermunds Tochter Maike geleitet. Die Stiefenkelin der Firmengründerin sieht sich aber weniger als deren Nachfolgerin. "Diese Schuhe sind zu groß für mich," sagt sie. Sie sucht auch nicht das Rampenlicht.

Durch die Risse in der Familiengeschichte hatte die Stiefenkelin nur selten Kontakt zu der alten Dame. Positiv sei gewesen, "dass Mitarbeiter sich wertschätzen und Spaß daran haben, den Kunden das Thema nahezubringen". Das will sie bei Orion gerne fortführen.

Weitere Informationen
Bus zum Katalog verkaufen vor der Abfahrt in Flensburg © Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Angelika Voß-Louis

Sex sells: Beate Uhse erobert 1989 den Osten

Das Weihnachtsgeschäft 1989 war für Beate Uhse ein besonderes lukratives: Das Flensburger Erotik-Unternehmen hatte über den Versandhandel Tausende neuer Kunden aus der DDR gewonnen. mehr

Ein pinkes Sexspielzeug. © NDR

Die weibliche Sexualität und die Erotikbranche

Sex galt bis in 60er hauptsächlich als eheliche Pflicht der Frau. Das Recht auf Lust beim Sex beförderte erst Beate Uhse. Welches Verhältnis haben Frauen heute zur Sexualität? mehr

Junge Menschen sitzen auf einer Bank im Park und schauen in ein Handy © picture alliance Foto: Armin Weigel

Welchen Einfluss haben Pornos auf Jugendliche?

Lange vor der ersten eigenen sexuellen Erfahrung sehen viele Jugendliche Pornografie im Internet. Welchen Einfluss hat das auf ihre eigene Vorstellung von Sexualität? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 25.10.2019 | 08:00 Uhr

Mehr Geschichte

Eine Fernsehansagerin des NDR bei Aufnahmen 1957 im Studio. © NDR

NDR Retro: Der Norddeutsche Rundfunk öffnet sein Fernseh-Archiv

Ab dem 27. Oktober stellt der NDR Tausende historische Videos aus den 50ern und 60ern online. Hier gibt es einen Vorgeschmack. mehr

Helmut und Loki Schmidt 1972 in ihrem Haus am Brahmsee. © Friedrich-Ebert-Stiftung Foto: J.H. Darchinger

Loki Schmidt: Mehr als nur Kanzlergattin

Bekannt geworden als Ehefrau von Helmut Schmidt, war Hamburgs Ehrenbürgerin vor allem Naturschützerin. Vor zehn Jahren ist sie gestorben. mehr

Der CDU-Vorstand mit Friedrich Holzapfel, dem Vorsitzenden Konrad Adenauer und Jakob Kaiser (von links) am 21.10.1950 auf dem Gründungsparteitag der CDU in Goslar © (c) dpa - Report Foto: dpa

Wie die CDU in Goslar zur Bundespartei wurde

Auf dem ersten Bundesparteitag der CDU vor 70 Jahren beschließt die Partei ihr Statut und wählt Adenauer zum Vorsitzenden. mehr

Die Unglücksstelle der ICE-Katastrophe bei Eschede am 3. Juni 1998 aus der Vogelperspektive. © picture alliance/Ingo Wagner/dpa Foto: Ingo Wagner

ICE-Unglück in Eschede: Eine Katastrophe und ihre Folgen

101 Menschen sterben 1998 beim ICE-Unfall in Eschede. Die Rekonstruktion des Unglücks - und was die Verantwortlichen heute sagen. mehr

Norddeutsche Geschichte