Stand: 09.11.2019 12:45 Uhr  - NDR Info

Zicherie-Böckwitz: Wiedersehen im geteilten Dorf

von Michael Latz
Die innerdeutsche Grenze zerschneidet das Doppeldorf Zicherie (vorn) und Böckwitz.

Stacheldraht, Signalzaun, Sperrstreifen und eine Mauer - das trennte nicht nur Ost- und West-Berlin jahrzehntelang voneinander, sondern auch die Menschen in den Dörfern Zicherie und Böckwitz. Zicherie liegt im östlichen Niedersachsen, in der Nähe von Wolfsburg - Böckwitz ist gleich nebenan im heutigen im Sachsen-Anhalt. Tür an Tür lebten die Menschen dort - und doch getrennt in zwei völlig verschiedenen Welten. Bis im Herbst 1989 die Wende auch das Doppeldorf erreichte.

Zicherie und Böckwitz: Zwei Dörfer als Symbol der Teilung

Fleischer Ronny Bratke war damals 22 Jahre alt und erinnert sich: "Diese Stunden, diese Tage - das war so euphorisch. Zu Hause wurde alles stehen und liegen gelassen. An Schlafen wurde nicht gedacht. Jeder wollte dabei sein, um die Stunden, diese Tage mitzuerleben. Für mich war das Weltgeschichte." Ronny Bratke stammt aus Jahrstedt, dem Nachbarort von Böckwitz. Hier war Sperrzone und die Welt buchstäblich zu Ende. Besucher brauchten Passierscheine, die Bewohner mussten sich auf dem Heimweg von Tanzen ausweisen.

30 Jahre Mauerfall: Das geteilte Dorf

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Zwischen Zicherie in Niedersachsen und Böckwitz in Sachsen-Anhalt kam es zu einer kuriosen Grenzöffnung. Sie dauerte zunächst nur 60 Minuten, dann waren die Tore wieder zu.

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Auf der anderen Seite, im Westen, in Zicherie, wuchs Ulrich Wassermann auf - und beobachtete, wie die DDR die Grenzanlagen immer weiter ausbaute. An den Wochenenden kamen ganze Reisebusse mit Besuchern, die das geteilte Dorf sehen wollten, erzählt er. Zicherie und Böckwitz wurden wie Berlin zum Symbol der Teilung. Der Ost-West-Konflikt war regelrecht greifbar: "Es gab einmal eine heiße Phase Ende der 1960er-Jahre. Da gab es vom Osten her Beschallungsanlagen. Die haben dann Propaganda gesprochen und Flugblätter hochgeschossen. Die flatterten alle zu uns rüber."

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Willi Schütte erinnert mit einer Ausstellung an die Teilung der Dörfer.

1961 wurde der Journalist Kurt Lichtenstein an der Grenze bei Zicherie von DDR-Grenzsoldaten erschossen. Er gilt als erstes Todesopfer nach dem Mauerbau. Mit Fotos und Zeitungsberichten erinnert Willi Schütte an den Journalisten. Auf dem früheren Bauernhof seiner Familie in Böckwitz hat Willi Schütte eine Ausstellung zur Teilung des Doppeldorfes zugetragen. Der Hof ist heute gepflastert mit den Betonplatten der Mauer, die ihn jahrelang von seinem Elternhaus trennte. 1953 war Familie Schütte in den Westen gegangen. Loslassen konnte Willi Schütte die Erinnerung an Böckwitz aber nie.

Gemeinsames Warten auf den Fall der Mauer

Als die DDR am 9. November 1989 schließlich die großen Grenzübergänge öffnet, bleibt in Zicherie und Böckwitz zunächst alles beim Alten. Erst am Abend des 17. Novembers wird auch im Doppeldorf Geschichte geschrieben. Eigentlich soll erst tags darauf ein provisorischer Grenzübergang geöffnet werden. Aber die Menschen wollen nicht mehr warten - Menschen wie Randy Schmidt, der damals 17 ist: "Wir haben in Böckwitz gefeiert und irgendwann haben wir mitbekommen, dass auf Zicherier Seite auch gefeiert wurde. Dann sind wir alle zur Grenze und haben da Radau gemacht und gerufen: 'Lasst uns rüber, lasst uns rüber!'"

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Am 17. November 1989 wird auch die Mauer zwischen Zicherie und Böckwitz aufgebrochen und eine Straße durch den Grenzstreifen angelegt.

Die Ost-Grenzer allerdings fühlen sich unter Druck gesetzt und lassen bewaffnete Verstärkung nach Böckwitz bringen. Für Silke Lembke eine brenzlige Situation: "Ich habe zu meinem jetzigen Mann gesagt: 'Jetzt biste aber ruhig. Bevor sie dich hier noch einkassieren'." Am späten Abend aber geben die Grenzer schließlich nach - die Böckwitzer dürfen für eine Stunde nach Zicherie. Jubel und Umarmungen, Sekt und Glühwein, ein Wiedersehen mit Verwandten, die man bisher nur von Fotos kannte. Am Tag darauf wird der Grenzübergang offiziell geöffnet. Ulrich Wassermann macht sich auf den Weg und genießt seine erste Ost-Bockwurst. "Mit Bautzener Senf und einem Brötchen. Ich hab mir gleich noch eine geholt", erzählt er. Die Bockwurst stammt von Ronny Bratke. Als die Westdeutschen kommen, stellt sich der junge Fleischer mit Topf und Gaskocher an die Straße - und verdient sein erstes West-Geld. "Als ich abends das Geld gezählt habe, hatte ich auf einmal 300 West-Mark. Ich habe mich wie ein kleiner König gefühlt."

Ehemalige DDR-Grenze bleibt spürbar

30 Jahre nach der Einheits-Euphorie erinnern ein Schild, Gedenksteine und einige Bäume an die Teilung. Wenn sie nicht wären, würden Auswärtige den früheren Grenzstreifen glatt übersehen. Ist das Doppeldorf also wieder zusammengewachsen? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.  

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Heute markieren die Straßenschilder die Ortsgrenze.

In den ersten Jahren nach der Einheit hat vor allem der gemeinsame Schützenverein für den Zusammenhalt gesorgt, sagt Gerald Grosche, der stellvertretende Vorsitzende. Inzwischen aber gibt es immer weniger Mitglieder aus Böckwitz, beklagt er. Man habe sich in den vergangenen Jahren ein wenig auseinandergelebt, glaubt er. Auch Silke Lembke spürt nach wie vor eine Trennung, weil beide Dörfer in unterschiedlichen Bundesländern liegen. "Die Kinder sind nach Sachsen-Anhalt zur Schule, die Zicherier in Niedersachsen zur Schule - die kommen ja gar nicht weiter zusammen, wenn sie sich nicht privat treffen", meint sie. Auch bei Löhnen und Renten macht sich die Ländergrenze bemerkbar.

Für Ulrich Wassermann dagegen ist die frühere Grenze vor allem durch persönliche Kontakte und Freundschaften verwischt. Ost oder West – darum gehe es höchstens noch bei Neckereien, sagt er.

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NDR Info | 06.11.2019 | 07:20 Uhr

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