Stand: 16.07.2020 09:50 Uhr  - Nordmagazin

Das Ost-Unternehmen als Notlösung für die Treuhand

500 Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt bei der VEB Fleischwirtschaft in Greifswald vor der Privatisierung. 1996, im vierten Jahr seiner Selbständigkeit, beschäftigt der mittelständische Betrieb 150 Mitarbeiter und 25 Auszubildende.

Am 16. Juli 1990 konstituiert sich in Ost-Berlin die DDR-Treuhandanstalt. Wenige Wochen zuvor hatte die letzte Volkskammer der DDR das entsprechende Gesetz dafür verabschiedet. Wichtigster Zweck der neuen Anstalt: die Privatisierung des volkseigenen Vermögens. Bis Ende 1994 ist die Treuhand für mehr als 12.000 ostdeutsche Betriebe verantwortlich, die zuvor Volkseigene Betriebe (VEB) der DDR waren. Allein im neuen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind es 1.364 Firmen, über deren Zukunft in der neuen Marktwirtschaft entschieden werden muss. Einer dieser Betriebe ist der VEB Fleischwirtschaft in Greifswald.

Mit dem Ende der DDR kommt die Frage nach einem neuen Anfang - auch für die 500 Mitarbeiter des VEB Fleischwirtschaft in Vorpommern. An drei Standorten sind sie noch vor 1990 beschäftigt. Doch wie lange kann der Betrieb in der neuen Marktwirtschaft bestehen? Kommt mit der Treuhand-Verwaltung ein Investor aus dem Westen oder wird die Fleisch- und Wurstproduktion in Greifswald abgewickelt? Beides wollen zwei, die hier schon vor 1990 die Fäden in der Hand hielten, nicht. Walter Kienast, seit 1988 Direktor des VEB, führt die Geschäfte weiter - zunächst nur als Übergangslösung. Technischer Leiter ist damals Gerhard Dobbratz, der den Betrieb schon seit 1968 kennt. Gemeinsam bewerben Sie sich bei der Treuhand. Sie wollen den Betrieb als sogenanntes Management-Buy-out (MBO) übernehmen - ihn also selbst kaufen.

Treuhand: Der Ost-Unternehmer als Notlösung

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Nach der Wende sollten Ostdeutsche ihre Betriebe selbst übernehmen, doch viele Bewerber aus dem Osten fühlten sich nicht ernst genommen. Den Zuschlag bekamen häufig westdeutsche Firmen.

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Management-Buy-out als Notlösung für die Treuhand

Privatisierungen wie diese sind damals eine Art Notlösung für die Treuhand. Denn: Es melden sich weniger Investoren aus dem Westen als erhofft. Für einige Betriebe bleibt die Variante MBO so die einzige Überlebenschance. Das zeigt auch die historische Forschung: Die Treuhand habe erkannt, dass sie engagierte Geschäftsführer mit jahrelanger Erfahrung unterstützen sollte, sagt der Historiker Markus Böick. Das Ziel, meint der Experte: Ein Betrieb könne so - eventuell mit Hilfe eines westdeutschen Kollegen - wenigstens in stark reduzierter Form gehalten werden. "Das führte dann natürlich auch zu einigen ganz bemerkenswerten kleineren Erfolgsgeschichten", sagt Historiker Böik heute.

Viele MBO bei kleineren Betrieben

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Dem Historiker Marcus Böick sieht in einigen MBO bemerkenswerte Erfolgsgeschichten - trotzdem blieben sie eher die Ausnahme.

Im Schnitt ist jede fünfte Privatisierung nach dem Ende der DDR so ein Management-Buy-out. 2.983 Unternehmen in Ostdeutschland werden - so zeigt es die Statistik Ende 1994 - von Mitarbeitern gekauft. In Mecklenburg-Vorpommern gelingt das häufiger als im Rest Ostdeutschlands: Fast jeder dritte Betrieb geht im Nordosten in Mitarbeiter-Hand - häufig sind es kleine Unternehmen in der Dienstleistungsbranche. Größere VEB wie die Fleischwirtschaft in Greifswald bleiben als MBO die Ausnahme.

Zuschlag für VEB Fleischwirtschaft geht nach Hamburg

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Der VEB Fleischwirtschaft in Greifswald geht zunächst an Bewerber aus Hamburg - doch die Käufer zahlen nicht.

Walter Kienast und Gerhard Dobbratz müssen nach der Wiederveinigung lange warten, bis die Treuhand eine Entscheidung fällt. Die Chancen scheinen gut: Die Bank stellt ihnen einen Kredit in Aussicht, auch wenn sie kein Eigenkapital beisteuern können. Sie reichen ihr Konzept bei der Treuhand ein. Den VEB wollen sie in eine moderne Wurstfabrik umbauen. Drei Bewerber sind im Rennen. Doch nichts passiert. "Als große Kunden bei uns abgesprungen sind, da bin ich nervös geworden" erinnert sich Kienast, "jetzt brach uns der Markt weg." Der Zuschlag geht schließlich nicht nach Greifswald, sondern an eine Immobilienfirma aus Hamburg. Die Greifswalder wollen wissen, wie diese Entscheidung zustande gekommen ist, bekommen bei der Treuhand aber keinen Termin. Selbst ein spontaner Trip in den frühen Morgenstunden zur Treuhand-Zentrale in Rostock, bei dem die Unternehmer den Leiter abfangen wollen, bringt nichts.

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Als Ostdeutscher im Nachteil?

Walter Kienast fühlt sich damals als ostdeutscher Bewerber nicht ernst genommen: "Ich wurde immer nur mit irgendwelchen Assistenten abgespeist. Hinhalte-Taktiken - das war etwas Normales", erinnert er sich. Sein Partner Dobbratz sagt heute, er könne auch verstehen, dass die Treuhand so lange gezögert habe: "Die Nahrungsmittelwirtschaft hatte keinen guten Ruf, weil es riesige Überkapazitäten gab", sagt er. Deshalb, schätzt Dobbratz, hätte die Treuhand aus dem VEB gern etwas anderes gemacht als eine Wurstfabrik.

Außerdem brauchten die Ostunternehmer massive Investitionen, um den DDR-Schlachthofbetreib in eine neue Fabrik umzubauen. Er blickt heute mit Verständnis auf die Arbeit der Treuhand. Schließlich habe es für ihre Aufgabe in der Geschichte kein Vorbild gegeben: "Dass das nicht ohne Holpern geht, ist doch klar".

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Investor zahlt nicht - Ein Brief nach ganz oben

Als ein solches Holpern stellt sich auch der erste Zuschlag an die Hamburger Immobilien-Firma heraus. Die Käufer zahlen nicht. Für das Management-Buy-out gibt es so eine zweite Chance. Die Bewerber sehen ihre letzte Möglichkeit in einem Brief nach ganz oben - adressiert an Treuhand-Chefin Birgit Breuel. Damit das Schreiben nicht abgefangen wird, bitten sie sogar den damaligen Ministerpräsidenten des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Alfred Gomolka (CDU), das Schreiben in seinem Kuvert zu senden: "Sehr geehrte Frau Breuel, in tiefer Besorgnis um die Firma Greifenfleisch GmbH sowie die Erhaltung der Arbeitsplätze wende ich mich an Sie in der Hoffnung, dass die Privatisierung der oben genannten Firma mit mehr Verantwortung als bisher durchgeführt wird", zitiert Walter Kienast aus dem Brief.

Greifenfleisch bis heute weiter

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Greifenfleisch hat den Umbau nach der Wende geschafft und produziert noch heute Fleisch- und Wurstwaren.

Die erlösende Nachricht kommt Ende des Jahres 1992: Die Treuhand verkauft an die Ostunternehmer Kienast und Drobbatz. Und plötzlich muss dann doch alles ganz schnell gehen: "Der Kaufvertrag musste praktisch innerhalb einer Nacht beim Notar unterschrieben werden", erinnert sich Dobbratz. Für die Unternehmer beginnt damit endgültig das Überleben in der neuen Zeit der Marktwirtschaft. Immerhin knapp 150 der ursprünglich 500 Arbeitsplätze werden damit 1992 gerettet. Und die Marke Greifenfleisch hat durchgehalten: Auch fast drei Jahrzehnte nach den zähen Treuhand-Verhandlungen wird in Vorpommern noch Wurst produziert.

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Nordmagazin | 23.02.2020 | 19:30 Uhr

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