Stand: 27.04.2013 17:30 Uhr

28. April 1993: Abzug der GUS-Truppen aus Schwerin

von Henning Strüber, NDR.de
Bepackte Soldaten der GUS brechen auf. © Schweriner Volkszeitung Foto: Herbert Kewitz
48 Jahre nachdem sie in die Stadt eingezogen sind, werden die Truppen der früheren Sowjetunion am 28. April 1993 aus Schwerin offiziell verabschiedet.

Es ist ein Abschied mit Pauken und Trompeten, der sich dennoch vergleichsweise still vollzieht. Nur einige Hundert der seinerzeit 123.000 Einwohner Schwerins sind gekommen, als am 28. April 1993 die Truppen der früheren Sowjetunion bei einem Festakt mit Parade und Platzkonzert auf dem Marktplatz offiziell aus Schwerin verabschiedet werden. Sie werden Zeugen eines historischen Augenblicks, der das Ende einer Ära markiert. Im Juli 1945 war die Rote Armee in die von den Amerikanern eroberte Stadt eingezogen. Fast ein halbes Jahrhundert lang hatte die Streitmacht das Leben in der Stadt mitgeprägt.

Heimkehr ins Ungewisse

Mecklenburg-Vorpommerns damaliger Ministerpräsident Berndt Seite (CDU) hob die historischen Leistungen der Sowjetsoldaten und Zivilisten hervor, von denen "im Kampf gegen Nazi-Deutschland weit über 20 Millionen ihr Leben verloren". Der Oberkommandierende der West-Streitkräfte der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), wie der Nachfolgestaat der Sowjetunion hieß, Generaloberst Matwej Burlakow, gab zum Abschied eine alte Volksweise zum Besten: "Ob im Osten, ob im Westen, in der Heimat ist's am besten." Der heimelige Abschiedsgruß ist zugleich Fanal eines Neuanfangs unter unklaren Vorzeichen. "Osten" und "Westen", das sind die Pole jener geordneten Welt, die mit dem Ende der Sowjetunion im Zusammenbruch begriffen ist. Die Rückkehr nach Hause wird zum Aufbruch ins Ungewisse.

Ein logistischer Kraftakt

Mehr als 500.000 Soldaten, Zivilbeschäftigte und deren Familienangehörige kehrten insgesamt in die Länder der früheren Sowjetunion zurück - allein 65.000 Soldaten aus Mecklenburg-Vorpommern. Auf den Straßen und Schienen im Land herrschte Hochbetrieb. Tausende mit Panzern, Artillerie, Ausrüstung und Munition beladene Eisenbahn-Güterzüge rollten unentwegt gen Nordosten - bis an die Spitze Rügens. Dort, im Hafen Mukran, warteten die Fähren, die das Kriegsmaterial über die Ostsee brachten - über 1.500 Mal. Am 31. Juli 1994 lief die "Greifswald" mit den letzten Resten des gewaltigen Waffenarsenals aus. 125.000 Kriegsgeräte, 2,7 Millionen Tonnen Ausrüstung und 677.000 Tonnen Munition waren fortgeschafft - ein logistischer Kraftakt.

Neuanfang im Chaos

In dem zerfallenden Riesenreich, das sich gerade radikal wandelte, war drei Tage vor der Verabschiedung in Schwerin per Referendum über die künftige Wirtschaftspolitik abgestimmt worden. Reformer Boris Jelzin setzte sich schließlich gegen konservative Kräfte im Kongress der Volksdeputierten durch. Die Wirtschaft rauschte in den Keller, die Versorgung drohte zusammenzubrechen. Trotz eines acht Milliarden D-Mark schweren Hilfsprogramm der Bundesregierung mangelte es an Wohnraum für die Heimkehrer. Die Soldaten mussten teils erhebliche Einkommenseinbußen hinnehmen. Verdienten Offiziere in Deutschland rund 900 Mark im Monat (450.000 Rubel), waren es in der Heimat nur noch 25.000 Rubel. Trotz der schwierigen Lage daheim blieben weniger Soldaten als befürchtet als Deserteure oder Asylbewerber zurück. "Dass trotz der Probleme der Abzug planmäßig erfolgt, kann nicht hoch genug bewertet werden", sagte der Regierungsbevollmächtigte Mecklenburg-Vorpommerns für den Abzug der GUS-Truppen, Friedhelm Meyer zu Natrup, seinerzeit.

Freunde und Besatzer

Foto aus der "Schweriner Volkszeitung" von der festlichen Verabschiedung der GUS-Truppen am 28. April 1993. © Schweriner Volkszeitung Foto: Herbert Kewitz
Abschied in eine ungewisse Zukunft: Rund 500 Schweriner verfolgten den Festakt auf dem Marktplatz.

Bei den Schwerinern löst der Abzug gemischte Gefühle aus. Ein Foto in der "Schweriner Volkszeitung" von der Parade auf dem Marktplatz zeigt Einheimische am Straßenrand. Sie verfolgen das Geschehen teils winkend, teils mit seltsam emotionsloser Miene. Im dazugehörigen Artikel gehen die Meinungen über die Verabschiedeten auseinander: für die einen sind sie Freunde, für die anderen Besatzer. Große Emotionen - Fehlanzeige. Nur an den äußersten politischen Rändern regt sich was: Am Bahnhof sollen bei der Abfahrt der Züge gen Osten bei einigen der einstigen SED-Parteigrößen Tränen, in den Wohnbezirken bei vereinzelten Übergriffen von Neonazis Blut geflossen sein. 

"Die Menschen waren mit sich selbst beschäftigt"

Rainer Blumenthal vom Schweriner Stadtarchiv © NDR.de Foto: Henning Strüber
Rainer Blumenthal vom Stadtarchiv hat die Zeit mit den Russen hautnah miterlebt.

"Das Gros der Bevölkerung hat den Abzug gar nicht weiter registriert", sagt Rainer Blumenthal vom Stadtarchiv. "Die Menschen waren in der Zeit viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt." Als gebürtiger Schweriner hat Blumenthal viele Erinnerungen an die Zeit mit den "Russen", wie die Soldaten gemeinhin nur genannt wurden. Sei es an die zum Trocknen in die Fenster gehängten Fische, in Zeitungspapier eingewickelt, oder den süßlich-markanten Parfüm-Duft in der Straßenbahn, den die Frauen der russischen Offiziere verströmten.

Allgegenwärtige Präsenz im Stadtbild

In Schwerin waren rund 7.000, andere Quellen sprechen von bis zu 20.000, Soldaten - überwiegend motorisierte Schützen - stationiert. Die Stadt war neben Neustrelitz der größte Standort im Nordosten. Die großen Kasernen - insgesamt 19 Liegenschaften mit einer Fläche von 1.000 Hektar - waren über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Trotz der allgegenwärtigen Präsenz verlief das Alltagsleben nebeneinander her. Es gab zwar gemeinsame Feiern im Haus der Freundschaft, aber "die normale Bevölkerung kam eigentlich nur wenig mit denen in Berührung", erklärt Blumenthal. Freundschaften zwischen Schwerinern und Sowjets hätten sich eher schon auf Reisen entwickelt oder beim Studium in Moskau, wo die Nachwuchs-Elite der SED geschult wurde.

Bananen und Apfelsinen aus dem "Magasin"

Kein seltenes Bild in den 1960er-Jahren: Sowjetsoldaten als Erntehelfer auf den Feldern vor den Toren Schwerins. © Ernst Höhne Foto: Ernst Höhne
Auf den Äckern am Rande der Stadt kein seltenes Bild: Russische Soldaten als Erntehelfer. (Aufnahme aus den 1960er-Jahren)

Ein Ort, wo beide Gruppen miteinander in Berührung kamen, waren die "Magasin" genannten Einkaufsläden der Russen. "Die hatten dort keine Registrierkassen, sondern rechneten noch mit dem Abakus. Das war immer eine Überraschung, was man am Ende bezahlen sollte. Aber was tat man nicht alles für Apfelsinen und Bananen", erinnert sich der Stadtarchivar. "Aber sobald ein Offizier den Laden betrat, musste man dem den Vortritt lassen."

Geplünderte Gärten

Auch in anderen Bereichen mussten die Einheimischen zurückstecken. Blumenthal lebte damals in der Nähe des Lazaretts, wo insbesondere die unteren Dienstgrade "erbärmlich gehalten" wurden. Bald standen auf dem Gelände mitten in der Stadt ein Gewächshaus und ein Schweinestall. "Trotzdem wurde immer wieder unser Garten geplündert, wegen der Äpfel und Birnen. Dabei ging der Zaun kaputt. Irgendwann haben wir dann freiwillig Tüten mit Obst an den Zaun gehängt. Die waren am nächsten Morgen immer weg. Wir sind auch mal zum Stadtkommandant gegangen, um uns zu beschweren, aber das hat nichts gebracht. Der tat so, als wisse er von nichts."

Doch es gab auch lustige Episoden, an die sich Blumenthal erinnert. Etwa die Köpenickiade vom "falschen Hauptmann", einem hochdekorierten Offizier, der in den 1970er-Jahren in Schwerin auftauchte, sich als erster Stadtkommandant ausgab und auf Feierlichkeiten mit Geschenken überhäuft wurde, ehe der Schwindel aufflog.

Die heimlichen Herren der Stadt

"Die Russen waren die Herren hier, das merkte man immer wieder", sagt Blumenthal rückblickend. Der russische Stadtkommandant und nicht der SED-Bezirkschef hätte das Sagen gehabt. "Vor allem bei Katastrophen merkte man das". Als Beispiel führt Blumenthal ein Ereignis aus dem Jahr 1987 an. Schwere Explosionen auf dem Gelände der Panzerkaserne erschütterten damals die sozialistische Vorzeigesiedlung Großer Dreesch. Ein Munitionsdepot war offenbar aus Fahrlässigkeit in die Luft geflogen. "Im Lazarett sah ich die vielen Krankenwagen mit Verletzten auf den Bahren. Ich sah auch viele zugedeckte. Es muss sehr viele Tote und Verletzte gegeben haben. Aber trotzdem lehnten die Russen jede Hilfe ab." Der Unglücksort wurde weiträumig abgesperrt. Deutsche wurden nicht herangelassen. "In der Zeitung stand am nächsten Tag nur eine kurze Notiz nach dem Motto: Brand in Kaserne schnell unter Kontrolle gebracht."

Kontaminiertes Erbe

Einem Schlachtfeld gleicht dieser wilde Schrottplatz der GUS-Streitkräfte in der Nähe Schwerins. © picture-alliance Foto: Jens Büttner
Gefährliches Erbe: Die Russen hinterließen etliche wilde Müllkippen im Umland von Schwerin.

Die abziehenden Truppen hinterlassen ein ökologisches Schlachtfeld. In und um Schwerin werden zahlreiche wilde Müllkippen entdeckt. Über die Hälfte der von den Russen genutzten Flächen sind mit Benzin, Diesel und Kerosin verseucht. Dazu die zurückgelassene Munition: Sie macht das Betreten der Areale zu einem lebensgefährliche Abenteuer. Allein für die Sanierung der Armee-Hinterlassenschaften in Mecklenburg-Vorpommern veranschlagt der Bund Kosten von drei Milliarden D-Mark.

Stadtarchivar Blumenthal hat sich nach dem Abzug selbst in den Kasernen umgesehen: "Überall standen Kisten und Fässer herum. Keiner wusste, was da drin ist. Treibstoff und Panzerreinigungsmittel wurden einfach weggekippt." Ein Erlebnis ist dem Stadtarchivar besonders in Erinnerung geblieben. Es verdeutlicht, wie sorglos die Truppen mit den gefährlichen Stoffen umgegangen sind: "An der Krösnitz sind die Soldaten einfach in den Ostorfer See hineingefahren, um ihre Fahrzeuge zu waschen. Und nebenher haben die vergnügt gebadet." Auch mit den von ihnen requirierten Gebäuden, insbesondere am Schlossgarten, gingen die Russen nicht gerade zimperlich um. "1992 haben wir zum ersten Mal wieder das Offizierscasino betreten. Wir sind den Turm hochgestiegen, alles war vollgeschissen. Wie konnten die sich nur so benehmen, haben wir uns da gefragt", erzählt Blumenthal.

Vom Haus der Offiziere zum Einkaufsparadies

20 Jahre nach dem Abzug gibt es nur noch wenige Spuren der russischen Truppen im Stadtbild. Dort, wo einst die sowjetischen Rekruten zum Appell antraten, spielen heute Kinder in den Gärten der neu gebauten Wohnsiedlungen. In andere ehemalige Armeegebäude sind Ministerien und Behörden eingezogen. Und aus dem ehemaligen Haus der Offiziere mitten in der Stadt ist mit einem riesigen Einkaufszentrum eine "Kathedrale des Kapitalismus" geworden.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 24.02.2013 | 19:30 Uhr

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