Stand: 20.04.2020 17:13 Uhr  - Nordmagazin

Die Rettung mit den "Weißen Bussen"

von Britta Probol
Wegen des Risikos, bei Fliegerangriffen entdeckt zu werden, mussten alle Fahrzeuge weiß sein: Graf Folke Bernadotte (l.) organisierte im Frühjahr 1945 eine beispiellose Rettungsaktion.

Wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs organisiert das Schwedische Rote Kreuz die Rettung von rund 15.000 Häftlingen aus Konzentrationslagern. Allein am 20. April 1945 können die Helfer mit den eigens für die gefährliche Aktion gestalteten "Weißen Bussen" rund 4.200 skandinavische Häftlinge aus dem KZ Neuengamme evakuieren.

In letzter Minute kommt die Nachricht aus dem schwedischen Außenministerium: Sämtliche Fahrzeuge müssten weiß angemalt und mit einem roten Kreuz versehen sein, sonst würden die Alliierten nicht für eine sichere Durchfahrt garantieren. Zu diesem Zeitpunkt steht die erste Hälfte des Rotkreuz-Konvois bereits im Hafen von Malmö und wird eingeschifft. Eiligst trommelt der Anführer beinahe die versammelte Malerinnung Malmös zum Hafen. Die Zeit ist knapp: "Noch auf der Fähre rüber nach Kopenhagen waren die dabei und malten die Busse an", erinnert sich der damals 24-jährige Sten Olsson, der sich freiwillig als Fahrer gemeldet hatte. Der letzte Pinselstrich wird über dem Öresund ausgeführt.

Graf Folke Bernadotte organisiert die Rettungsaktion

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Graf Folke Bernadotte führte im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes mehrfach Verhandlungen über den Austausch von Gefangenen.

Es ist der 9. März 1945, als der Hilfseinsatz aus Schweden ins Rollen kommt. Den Weg dafür bereitet hat Graf Folke Bernadotte: Der Neffe König Gustafs V. Adolf ist damals Vizevorsitzender des Schwedischen Roten Kreuzes (SRK) und hat im IRK-Auftrag schon internationale Verhandlungen über den Austausch von Kriegsgefangenen betreut. "Bernadotte sprach akzentfrei Deutsch", sagt Autor und Dozent Michael Grill, der seit vielen Jahren über das Skandinavier-Lager im KZ Neuengamme forscht. Die guten Sprachkenntnisse prädestinierten den blaublütigen Schweden, sich für die Internierten aus den besetzten Nachbarländern einzusetzen.

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Massenexekutionen in den KZ befürchtet

Während des Zweiten Weltkrieges hatten die Deutschen mehrere Tausend Juden, Polizisten und als "Widerständler" Eingruppierte aus dem besetzten Norwegen und Dänemark verschleppt. Zuletzt sind rund 9.000 Norweger und 6.000 Dänen in deutschen Lagern inhaftiert. Mit dem Vorrücken der Alliierten wächst bei den Skandinaviern die Sorge, dass die Deutschen die Konzentrationslager sprengen oder Massenexekutionen durchführen könnten. Niels Christian Ditleff, Repräsentant der norwegischen Exilregierung in Stockholm, und der dänische Konteradmiral Carl Hammerich unterhalten Kontakte zu Landsleuten in Deutschland, die heimlich Daten über die Situation der skandinavischen Gefangenen sammeln. Schließlich regt Ditleff im November 1944 beim schwedischen Außenministerium eine Rettungsaktion unter Rotkreuz-Führung an.

Ein Runenbuch als Gastgeschenk für Himmler

Auf Beschluss der Regierung fliegt Bernadotte Mitte Februar 1945 nach Berlin. "Im Gepäck hatte er einen Wälzer aus dem 17. Jahrhundert über schwedische Runeninschriften", erzählt Michael Grill, "als Gastgeschenk." Gedacht ist die Gabe für den einen Mann in der NS-Führungsriege, der über ausreichend Einfluss verfügt und gleichzeitig Interesse an Verhandlungen zu haben scheint: Reichsführer SS Heinrich Himmler. Sein Faible für Germanisch-Mythologisches hat sich herumgesprochen.

Dem Gestapo-Chef ist seit Sommer 1944 klar, dass der Krieg auf deutscher Seite nicht mehr zu gewinnen ist, und er strebt - auf eigene Faust, gegen Hitlers Willen - einen Separatfrieden mit den Westmächten an. Himmlers Hoffnung: Vielleicht könnte der international anerkannte Rotkreuz-Vize sich für ihn bei den Briten als Türöffner betätigen.

Erster Erfolg: Alle Skandinavier dürfen in ein Sammellager

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Einige weiße Busse stehen heute im Frøslev-Museum in Padborg (Dänemark).

Die Heilstätten Hohenlychen in der Uckermark sind am 19. Februar 1945 Schauplatz der ersten Zusammenkunft von Bernadotte und Himmler. Sie verläuft positiver als erwartet. Obwohl Himmler jede Verlegung von Gefangenen in Gebiete außerhalb von Deutschland verweigert, stimmt er letztendlich dem Vorschlag zu, die skandinavischen politischen Gefangenen im Lager Neuengamme bei Hamburg zu sammeln und vom Schwedischen Roten Kreuz betreuen zu lassen. Allerdings, schränkt er ein, müssten die Schweden alle Transporte selbst organisieren, denn Deutschland verfüge nicht über genügend Fahrzeuge und Benzin. Und noch eines ist Bedingung: absolute Geheimhaltung.

Innerhalb von nur zwei Wochen kurbelt Bernadotte in Stockholm die Hilfsaktion an. Währenddessen reist er ein zweites Mal nach Berlin und handelt in Gesprächen mit dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Ernst Kaltenbrunner und Geheimdienstchef Walter Schellenberg aus, dass auch die skandinavischen Juden ins Sammellager gebracht werden dürfen.

300 Helfer machen sich klar zum Einsatz

Offiziell läuft die Rettungsaktion unter der Ägide des Schwedischen Roten Kreuzes, das jedoch nicht über genügend Mittel verfügt, sodass die Regierung Militärbusse bereitstellt. Der Tross mit 75 Fahrzeugen - davon 36 Busse - und rund 300 freiwilligen Helfern sammelt sich in Hässleholm (Südschweden) zur Abfahrt. Im Gepäck sind Lebensmittel und Medikamente, Zelte und Feldküchen. Zugleich legt das Schiff "Lillie Mathiesen" mit 350.000 Liter Kraftstoffgemisch an Bord in Richtung Lübeck ab.

Expedition ins kriegszerstörte Deutschland

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Im Sachsenwald bei Hamburg befand sich das logistische Zentrum der Aktion.

Kriegserfahrung haben die meisten Helfer nicht. "In Kopenhagen trafen wir auf deutsche SS. Die kamen mit Sturmgewehren und Pistolen auf uns zu", erinnerte sich Axel Molin im Interview mit dem schwedischen "Forum för levande historia" 2005 - als 22-Jähriger hatte er einen der Busse gesteuert. "Da dachte ich zum ersten Mal: Worauf hast du dich hier eingelassen?" Die Kolonne verfährt sich auf den zerbombten Straßen Norddeutschlands, erreicht aber am 12. März plangemäß Friedrichsruh im Osten Hamburgs und schlägt im Wald ihr Hauptquartier auf.

Spießrutenfahrten unter Luftangriffen

Der gefährlichste Teil steht jedoch noch bevor: die Fahrten kreuz und quer durch das deutsche Kriegsgebiet. Vorsichtshalber gibt man die wesentliche Routenplanung an die Alliierten durch, wegen der Luftangriffe werden viele Fahrten auf den späten Abend gelegt. Dennoch geraten zwei Konvois in Mecklenburg unter Tieffliegerbeschuss, ein Busfahrer und mehrere Häftlinge sterben.

Ungläubiges Staunen bei den KZ-Häftlingen

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Die Busse waren mit Tragen ausgestattet, auf denen die geschwächten Häftlinge liegen konnten.

Wenn die Helfer auf jubelnde Begrüßung durch die Gefangenen gesetzt hatten, so irrten sie. Die Lagerhaft hat die Menschen eingeschüchtert und sie Misstrauen gelehrt. Axel Molin steuert seinen Bus zuerst nach Dachau, wo die skandinavischen Häftlinge in Kolonnen aufgereiht warten: "Sie hatten schon einige Stunden so dagestanden. Das Gerücht war umgegangen, das Schwedische Rote Kreuz sei auf dem Weg, aber sie glaubten es nicht. Unser Oberst musste ihnen zweimal sagen, sie sollten ihre Mütze aufsetzen, bevor sie es wagten. Im Normalfall durften sie im Beisein eines deutsches Offiziers keine Mütze aufhaben."

Die 423 dänischen Juden, die Mitte April aus dem KZ Theresienstadt gerettet werden, weigern sich zunächst rundweg, in die Busse zu steigen. Sie glauben, es sei ein Tarntransport ins Vernichtungslager.

Gestapo-Leute begleiteten alle Fahrten. "Den Bewachern", fand der Hamburger Michael Grill in seinen Forschungen heraus, "wurde aus Rache gelegentlich Abführmittel unters Essen gemischt." Die Mägen vieler Geretteten hatten erst recht zu kämpfen. Nach den Entbehrungen im Lager konnten sie die nahrhaften Rotkreuz-Lebensmittel nicht verkraften.

Ausgemergelte KZ-Häftlinge werden umquartiert

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Er wurde für die Nordeuropäer geräumt: der "Skandinavierblock" des Lagers Neuengamme.

Ende März sind gerade etwa die Hälfte der Skandinavier in Neuengamme versammelt, doch das Lager platzt bereits aus allen Nähten. Der nun folgende Teil der Aktion "Weiße Busse" wird zwei Generationen später in Schweden heftige Debatten auslösen: Am 27. und 28. März 1945 quartieren die schwedischen Rotkreuz-Gesandten rund 2.000 hauptsächlich französische, belgische, russische und polnische Häftlinge um. Sie bringen sie mit ihren Bussen aus dem "Schonungsblock" von Neuengamme in Außenlager bei Hannover und Salzgitter.

Die Begegnung mit diesen Häftlingen, den sogenannten Muselmännern, schockiert die Helfer zutiefst. Diese Gefangenen sind in sichtlich schlechterem Zustand als die skandinavischen, die - als "reine Arier" - eine vergleichsweise bevorzugte Behandlung erfahren haben, ja sogar Essenpakete aus der Heimat empfangen konnten. Der schwedische Major Sven Frykman veröffentlicht Ende 1945 gesammelte Erinnerungen von an der Rettungsaktion Beteiligten. Busfahrer Sten Olsson berichtet darin: "Von den Menschen, die wir nach Hannover verfrachtet haben, sind vermutlich nicht mehr viele am Leben, während ich diese Zeilen schreibe. So, wie diese Menschen behandelt wurden, darf man in Schweden nicht einmal Tiere behandeln. Mit eigenen Augen sah ich, wie ein Wachmann einem Gefangenen mit einem Gewehrkolben über den Kopf schlug, sodass er zu Boden sank. Der Gefangene starb später in der Nacht in einem Bus." Leutnant Gösta Hallquist schreibt in sein Tagebuch: "Die kranken und ausgemergelten Gefangenen [...] hatten vollkommen apathisch gewirkt und waren so mager, dass in jedem Bus rund fünfzig von ihnen Platz hatten anstatt wie normal zirka zehn Personen."

"Dunkle Flecken auf den 'Weißen Bussen'"?

Als "Bruch der Genfer Konvention und Verstoß gegen das Rotkreuz-Prinzip der Unparteilichkeit" bezeichnete die schwedische Historikerin Ingrid Lomfors 2005 diesen Teil der Bernadotte-Aktion. In einem Buch und mehreren Zeitungsartikeln prangerte sie den "Tauschhandel mit Menschenleben" an: Sollte sich das Rote Kreuz nicht vielmehr um Kranke und Geschwächte kümmern, statt sie anderswo abzuladen, damit die Skandinavier es besser haben?

Lomfors erntete einen Sturm der Empörung: Viele ehemalige Helfer und Gerettete protestierten. Sie veröffentlichten im Oktober 2005 einen Gemeinschaftsbeitrag in der norwegischen Zeitung "Aftenposten": Lomfors habe nicht verstanden, dass die Aktion in der chaotischen Schlussphase eines Krieges vor sich ging, dass die Busse nicht einfach in die Lager fahren und dort die kränksten Gefangenen einsammeln konnten. Der Beitrag schloss: "Lomfors sollte das Schwedische Rote Kreuz [...] um Entschuldigung bitten."

Die Diskussion dauert bis heute an. "Die historische Wirklichkeit ändert sich ja nicht; was sich aber ändert, sind die Fragen, die wir stellen", erklärte Ingrid Lomfors im Blatt "Norrköpings Tidningar". Schweden erlebt - wie viele Länder Europas -, dass die Enkelgeneration die Geschichte des Zweiten Weltkriegs aus einer neuen Perspektive betrachtet.

Die Ersten aus Neuengamme dürfen nach Hause

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Das Rote Kreuz brachte lange entbehrte Zivilisationsgüter mit - zum Beispiel Toilettenpapier.

Als Bernadotte am 30. März mit einer Rotkreuz-Delegation Neuengamme besucht, sind in den frei geräumten Schonungsblock Dänen und Norweger eingezogen. Sie stimmen ihm und den Helfern zu Ehren die schwedische Nationalhymne an.

Drei Tage später bricht der Graf zur dritten Verhandlungsrunde auf. Himmler ist inzwischen völlig vom Thema Separatfrieden besessen - die Rote Armee formiert sich bereits zum Marsch auf Berlin. Doch Bernadotte lässt sich nicht weich kochen. Er erreicht, dass alle dänischen Polizisten nach Hause und alle kranken Skandinavier nach Schweden geschickt werden dürften.

Damit ist ein Durchbruch erzielt, denn viele KZ-Insassen leiden unter schweren Krankheiten. Am 9. April verlässt der erste Krankentransport Neuengamme in Richtung Quarantänestation im dänischen Padborg. Beteiligt sind nun auch dänische Fahrzeuge, denn ein Teil der schwedischen Helfer hatte sich nur für einen Monat verpflichtet und ist bereits auf dem Heimweg. In den folgenden zehn Tagen werden 1.216 kranke Häftlinge via Padborg nach Schweden gerettet.

Ereignisse überschlagen sich: NS-Regime lässt Lager räumen

Da kommt plötzlich ein neuartiger Befehl aus Himmlers Hauptquartier: Alle Skandinavier haben am 20. April nach Dänemark auszureisen. Die Briten haben am 15. April Bergen-Belsen befreit - das NS-Regime will nun schnellstens das KZ Neuengamme räumen, ehe die Alliierten es finden. Innerhalb eines einzigen Tages muss der Transport für rund 4.200 Personen arrangiert werden.

Die Dänen stellen über Nacht zusätzlich 124 Fahrzeuge bereit - "das sogenannte 'Jyllandskorps', vom Linienbus bis zum Fischtransporter", beschreibt Michael Grill die eiligst zusammengewürfelte Fahrzeugkarawane. Weiß angemalt und mit dänischer Flagge. Das Unternehmen klappt: Bis eine halbe Stunde vor Auslauf der Frist evakuieren Busse die letzten Insassen aus dem Skandinavier-Lager.

Rettung für Frauen aus dem KZ Ravensbrück

In diesen letzten Kriegstagen bricht der Damm. Bei Verhandlungen am 21. April gibt Himmler Bernadotte die Erlaubnis, alle Frauen aus dem KZ Ravensbrück nach Schweden zu holen. Da die Front nördlich von Berlin rasch näherrückt, organisiert das SRK zur Unterstützung einen Güterzug. Rund 7.000 Frauen, überwiegend aus Frankreich, Belgien, Holland, Tschechien und Polen, erreichen mit den "Weißen Bussen" oder dem Zug sicheren Boden.

Heimkehr unter Jubel

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Gerettet: Busse fahren am 17. April 1945 auf dem Weg ins neutrale Schweden unter Jubel durch Dänemark.

In Dänemark und Schweden feiern Menschenmassen die heimkehrenden Transporte mit Jubel, werfen Blumen und reichen Essen und Getränke. Viele ehemalige Gefangene erholen sich in den Sanatorien von Ramlösa Brunn bei Helsingborg. Manche bleiben und bauen sich in Schweden ein neues Leben auf.

Graf Folke Bernadotte setzt seine humanitäre Mission nach dem Krieg fort. Er arbeitet für die Vereinten Nationen als Vermittler im Palästina-Konflikt. Am 17. September 1948 stirbt er zusammen mit einem französischen UN-Beobachter durch ein Attentat der jüdischen Terroristen-Gruppe "Lehi".

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Nordmagazin | 29.04.2018 | 19:30 Uhr

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