Stand: 11.04.2020 18:02 Uhr  - NDR 1 Niedersachsen

Mord an KZ-Häftlingen in Lüneburg: Wer ist schuldig?

von Lars Gröning
Auf Initiative von Opferverbänden und der Lüneburger Geschichtswerkstatt wurde der Ehrenfriedhof am Lüneburger Stadtrand rekonstruiert. 1956 war die Ruhestätte der Toten vom April 1945 eingeebnet worden.

Am 7. April 1945 fliegen alliierte Bomber einen Angriff auf den Lüneburger Güterbahnhof. Die Bomben treffen auch einen Güterzug, in dessen Waggons rund 400 Häftlinge aus dem KZ Wilhelmshaven eingepfercht sind. Rund 80 der überlebenden Häftlinge flüchten, werden kurz darauf gefangen genommen und von der Wehrmacht überwacht - bis sie am 11. April brutal getötet werden. Mit SS-Mann Gustav Jepsen wird nur einer von drei Angeklagten in einem Kriegsverbrecherprozess 1946 schuldig gesprochen. Eine Juristin arbeitet den Fall nun noch einmal auf.

Wer trägt wirklich die Schuld an dem Massenmord an 80 KZ-Häftlingen am 11. April 1945 auf einem Feld in der Nähe des Lüneburger Güterbahnhofs? Seit 74 Jahren scheint diese Frage zumindest juristisch geklärt zu sein: Der SS-Mann Gustav Jepsen, der damalige Verantwortliche für den Häftlingstransport, zu dem die Ermordeten gehörten, wird dafür 1946 in Lüneburg in einem Kriegsverbrecherprozess unter britischer Leitung schuldig gesprochen. Von dem aufwendigen Lüneburger Verfahren gibt es zahlreiche Dokumente. Allein das Prozess-Protokoll ist 300 Seiten stark. Doch in den Unterlagen von früher verbergen sich offenbar auch einige Informationen, die bis heute nicht in die Geschichtsschreibung mit eingegangen sind. Das jedenfalls ist die Meinung Dörte von Westernhagen. Die 76-jährige Juristin aus Lüneburg hat den Fall von damals noch einmal eingehend untersucht, unter anderem mit Hilfe von Dokumenten aus dem Londoner War Office. Zurzeit schreibt sie ein Buch über den Fall. Denn sie ist davon überzeugt, dass nicht allein Gustav Jepsen für das grauenvolle Töten hätte zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Häftlingstransport in Viehwaggons aus dem Neuengamme-Außenlager

Der 11. April 1945 markiert das brutale Ende eines Häftlingstransports aus Wilhelmshaven, dem dortigen Konzentrationslager "Alter Banter Weg". Er startet am 3. April 1945 und besteht aus einem Zug mit vier Viehwaggons. Darin eingepfercht stehen dicht an dicht rund 400 Insassen des KZ, eines Außenlagers des KZ Neuengamme. Bewacht werden die Häftlinge von einem guten Dutzend Marinesoldaten unter der Befehlsgewalt von SS-Mann Gustav Jepsen. Die meisten der Häftlinge sind Franzosen, aber auch Widerstandskämpfer aus Belgien und Holland und Juden aus Ungarn sind unter ihnen. Sie sollen nach Neuengamme verlegt werden. Auf der Zugfahrt herrschen unmenschliche Zustände. Es gibt kein Wasser, kein Brot - und das tagelang. Nach mehreren Stopps werden die Waggons an einen langen Versorgungszug gehängt, der der Wehrmacht Benzin, Lebensmittel und andere Güter liefern soll. Den Häftlingen im Zug kommt nichts davon zugute.

Nach Bombardement: 80 geflüchtete KZ-Häftlinge ermordet

Am Morgen des 7. April erreicht dieser Zug Lüneburg. Zig Männer sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot, gestorben an Hunger und Erschöpfung. Nur wenige Stunden später sterben erneut Dutzende Häftlinge in den Waggons, als amerikanische Bomber den Güterbahnhof angreifen und dabei auch den Häftlingstransport treffen. Einige der Überlebenden können aus den zerstörten Waggons fliehen und versuchen, sich unter anderem in der Stadt zu verstecken. Doch fast alle werden wieder gefasst und mit den anderen Überlebenden auf einem Feld am Güterbahnhof zusammengetrieben. Rund 140 der Männer, so entscheidet SS-Mann Gtustav Jepsen, werden am 9. und 10. April per Lastwagen in das KZ Bergen-Belsen gebracht. 80 der Häftlinge allerdings bleiben in Lüneburg. Am darauffolgenden Tag werden sie von SS-Mann Jepsen und den Marinesoldaten grausam getötet. Die meisten per Genickschuss, wie Lüneburger Zeugen im Gerichtsprozess später berichten, sagt von Westernhagen nach Sichtung der Protokolle. Andere der KZ-Häftlinge wurden einfach erschlagen. Das hätten spätere Exhumierungen gezeigt.

Kriegsverbrecherprozess: Nur SS-Mann Jepsen verurteilt

"Das war nicht allein das Ding von Jepsen", ist sich von Westernhagen sicher: "Alle wussten Bescheid. Das war ein Deal zwischen dem damaligen Lüneburger Bürgermeister Johannes Hauschild, dem Gestapo-Chef Friedrich-Joachim Freitag, dem Chef der Schutzpolizei Otto Müller und den Bewachern der Häftlinge." Diese Rückschlüsse würden sich laut von Westernhagen ziehen lassen, wenn man neben dem Gerichtsurteil auch die Protokolle von über 30 Zeugenvernehmungen vor dem Prozessauftakt genau in Augenschein nimmt. Diese Protokolle hat die Autorin vom Londoner War Office zur Verfügung gestellt bekommen. Demnach habe unter anderem die Gestapo Waffen für das Massaker zur Verfügung gestellt. Und die Polizei habe gewartet, bis die Täter Lüneburg in aller Ruhe wieder per Zug wieder verlassen hatten. Im Kriegsverbrecherprozess 1946 allerdings wurde nur Gustav Jepsen verurteilt. Obwohl ebenfalls angeklagt, wurden der Gestapo-Chef Freitag und der Schutzpolizei-Chef Müller freigesprochen. Dörte von Westernhagen möchte mit ihrem Buch nun belegen, dass dieses Urteil der britischen Richter falsch war. Erscheinen soll das Buch voraussichtlich im kommenden Jahr im Verlag der Niedersächsischen Gedenkstättenstiftung, wie deren Sprecher Jens Binner sagt.

Russische Zwangsarbeiter verscharren die Leichen

Nicht nur die Geschehnisse aus dem April 1945 werden derzeit in Lüneburg in ein neues Licht gerückt, sondern auch die Gedenkstätte an die Opfer. Sie befindet sich in einem Waldstück am Stadtrand von Lüneburg. Dort, wo alle Toten des Transportes und der anschließenden Hinrichtung am 11. und 12. April 1945 in einem Massengrab verscharrt wurden. 244 Leichen sollen es gewesen sein. Die Beseitigung der Toten mussten russische Zwangsarbeiter übernehmen. Die Organisation der Aktion und den Transport der Leichen vom Exekutionsfeld in den Wald übernehmen laut Recherchen der Lüneburger Geschichtswerkstatt die Polizei und die Stadt.

Strafaktion: NSDAP-Mitglieder müssen Leichen umbetten

Die Verantwortlichen sollen gehofft haben, dass die britischen Truppen, die kurz danach die Stadt erreichten, die Opfer nicht finden würden, sagt von Westernhagen. Doch zumindest dieser Plan ging nicht auf. Ein halbes Jahr nach der Tat mussten Lüneburger Mitglieder der NSDAP in einer Strafaktion der britischen Armee die Leichen wieder ausgraben und in Särge betten, um sie an gleicher Stelle in Würde zu beerdigen. Ein Ehrenfriedhof wurde eingerichtet.

Lüneburger Gedenkstätte im Tiergarten: Ehrenfriedhof rekonstruiert

Mit den Jahrzehnten allerdings geriet der immer mehr in Vergessenheit. Die sechs langen Grabreihen wurden bereits 1956 eingeebnet und Rhododendron darauf gepflanzt, der dort fast 60 Jahre lang wuchs. Nach mehreren Anläufen gelang es der Lüneburger Geschichtswerkstatt und Opferverbänden, die Stadtvertreter von einer Rekonstruktion des Ehrenfriedhofs zu überzeugen. In den letzten fünf Jahren ist dies nun Stück für Stück geschehen. Von ehemals 256 KZ-Häftlingen ruhen an der Gedenkstätte im Tiergarten Lüneburg heute noch 156 der damaligen Opfer. Am 4. Mai sollte das neue Mahnmal anlässlich des 75-jährigen Kriegsendes offiziell mit Opfervertretern aus verschiedenen Nationen eröffnet werden. Im Zug der Corona-Krise musste dieser Termin aber zunächst abgesagt werden, wie Kulturreferentin Katrin Schmäl sagt. Ein neuer Termin stünde noch nicht fest. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 23.03.2015 | 17:00 Uhr

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