Ein Bild des jungen des "Henkers vom Emsland", Willi Herold, steht in einer Ausstellung. © NDR Foto: Hedwig Ahrens

Der "Henker vom Emsland" verübt 1945 Massaker an Gefangenen

Stand: 04.08.2021 11:30 Uhr

Es sind die Wirren der letzten Kriegstage, die ermöglichen, dass der Gefreite Willi Herold eine fremde Uniform anzieht. Als "Hauptmann" verübt er ab dem 12. April 1945 im Emslandlager das Massaker von Aschendorfermoor.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs findet ein junger Mann eine fremde Uniform, zieht sie an und übernimmt das Kommando im Lager Aschendorfermoor im Emsland. Hier sind überwiegend Männer untergebracht, die von Wehrmachtsgerichten für Fahnenflucht oder Wehrmachtszersetzung verurteilt wurden. Zwischen dem 12. und April 1945 an verübt der als Hauptmann verkleidete Schornsteinfeger-Lehrling Willi Herold ein Massaker im Lager und geht als "Henker vom Emsland" in die Geschichte ein.

Herold lässt mindestens 172 Gefangene erschießen

Es sind die Wirren der letzten Kriegstage, als der 19-jährige Gefreite Willi Herold Anfang April 1945 von seiner Truppe getrennt wird. In der Nähe von Bad Bentheim findet er in einer zurückgelassenen Offizierskiste die Uniform eines Hauptmanns, dekoriert mit Abzeichen und Orden. Herold gibt sich von nun an als verdienter Offizier der Luftwaffe aus. Auf der Flucht vor den alliierten Truppen sammelt der Hochstapler weitere versprengte Soldaten um sich. Am 12. April erreichen sie das Emslandlager Aschendorfermoor. Herold übernimmt das Kommando und teilt mit, er habe den persönlichen Befehl Adolf Hitlers erhalten, die Häftlinge entweder zurück an die Front zu schicken, oder aber sie zu exekutieren. Innerhalb weniger Tage lässt er mindestens 172 Häftlinge erschießen. Etliche davon soll er auch persönlich hingerichtet haben.

Emsland-Massaker: Herold handelt komplett willkürlich

In der Gedenkstätte Esterwegen wird die Geschichte der insgesamt 15 Emslandlager dokumentiert. Porträt-Fotos zeigen Herold als gut aussehenden, jungen Soldaten. Er sei selbstbewusst und herrisch aufgetreten, erzählen ehemalige Häftlinge in einem Dokumentarfilm. Nachdem sie eine Grube ausgehoben hatten, mussten sich die Insassen an der Lagerstraße aufstellen. Der angebliche Hauptmann Herold sei dann die Front abgeschritten und habe immer wieder wahllos jemanden herausgezogen und erschossen. Dann soll er gefragt haben: "Wer will wieder Soldat werden?" Diejenigen, die sich meldeten, mussten antreten. Sie hätten vor das Lagertor marschieren müssen, erzählen die Zeitzeugen, und wurden dann in einer Reihe mit einem Flakgeschütz erschossen.

Die Emslandlager

Lagervorsteher misstraut Herold

Nach dem Massaker zieht die marodierende Truppe um Herold weiter Richtung Norden: In Papenburg hängt Herold einen Bauern aus Börgermoor, der die weiße Fahne gehisst hatte. In Leer lässt er fünf Niederländer exekutieren. Der Mann in Uniform verbreitet Angst und Schrecken. Niemand hatte in der Endphase des Kriegs offenbar den Mut, sich offen gegen ihn aufzulehnen. Es gibt Berichte, wonach der Lagervorsteher an der Identität des Hauptmanns gezweifelt habe. Er soll deshalb sogar versucht haben, Kontakt nach Berlin herzustellen. Aber in den chaotischen letzten Kriegstagen sind die Leitungen unterbrochen, die Verbindung kommt nicht zustande.

Herolds Verbrechen kommen eher zufällig ans Licht

Erst 1946 fliegt der Betrug auf. Zwar wird Herold Ende April schon einmal festgenommen, nach der Einflussnahme eines hochrangigen SS-Mannes jedoch wieder freigelassen. Ein Diebstahl in Wilhelmshaven treibt ihn dann in die Arme der Briten, in Verhören kommt die Wahrheit ans Licht. Mit weiteren Angeklagten steht er ab dem 13. August 1946 als Hauptverantwortlicher vor dem britischen Militärgericht in Oldenburg. Die Anklage: 200-facher Mord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Fünf der Angeklagten werden freigesprochen. Herold und fünf weitere Mittäter allerdings werden nach ihrer Verurteilung zum Tode am 14. November in Wolfenbüttel hingerichtet.

Willi Herold und das Emsland-Massaker in Filmen und Büchern

Die 172 Opfer des sogenannten Herold-Massakers, die am Rande des Lagers verscharrt worden waren, wurden laut Informationen der Gedenkstätte Esterwegen noch 1946 exhumiert und auf einem neu angelegten Friedhof am früheren Lagergelände beigesetzt, der heute in erster Linie als "Herold-Friedhof" bekannt ist.

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