Stand: 22.01.2020 16:50 Uhr

Wie Jugendliche die "Hölle am Waldesrand" erkunden

von Ita Niehaus

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz. An diesem Jahrestag gedenken Menschen weltweit der Opfer des Nationalsozialismus. Doch wie gelingt Erinnerungskultur in den Gedenkstätten im Norden? Im Emsland gibt es seit neun Jahren eine Gedenkstätte in Esterwegen. Wie kann man die Terrorherrschaft im Nationalsozialismus und die Unmenschlichkeit der Konzentrationslager heute Jugendlichen vermitteln?

Ansicht der Gedenkstätte Esterwegen © NDR Foto: Ita Niehaus
Anhand der Biografien ehemaliger Lagerinsassen können sich Besucher der Gedenkstätte die Dimensionen des damaligen Grauens erschließen.

Mitten im Moor liegt die Gedenkstätte Esterwegen. Eine Gruppe von Jugendlichen läuft über einen Stahlsteg zum Besucherinformationszentrum. Sie sind mit ihrer Schulklasse da, kommen aus Haren im Emsland. Vom ehemaligen Lager ist nicht mehr viel übrig geblieben. Der 14 Jahre alte Jan kann sich trotzdem gut vorstellen, wie das früher hier ausgesehen hat: "Gerade weil die Büsche in der Form gepflanzt wurden, wo vorher die Baracken standen und weil hier auch kleine Teile rumliegen", sagt er.

Gefangene nannten sich "Moorsoldaten"

Ansicht der Gedenkstätte Esterwegen © NDR Foto: Ita Niehaus
Die Gedenkstätte Esterwegen arbeitet ohne Rekonstruktionen des einstigen Lagers, sondern visualisiert mit Symbolen wie Stahlmauern.

Vor neun Jahren wurde dieGedenkstätte Esterwegen eröffnet, um an die 15 Emslandlager und ihre Opfer zu erinnern. Eine der größten Herausforderungen damals: den Erinnerungsort zu gestalten. Er sollte nicht wie ein Park wirken oder wie ein "normales" Museum, sagt Gedenkstätten-Leiterin Andrea Kaltofen, obwohl oberirdisch nichts mehr zu sehen gewesen sei: "Die Baracken wurden ja in den 1950er-Jahren verkauft", sagt Kaltofen. "Wir haben uns verständigt, die Lager-Topographie als solche zu visualisieren. Ohne Rekonstruktion, aber mit verschiedenen Mitteln der Übersetzung." Stahlelemente etwa deuten an einigen Stellen die Mauer des Lagers an. Auch die Tore wurden so wieder sichtbar gemacht.

"Moorsoldaten" nannten sich die Gefangenen selbst. Denn sie mussten bis zur Erschöpfung im Moor schuften. Das Konzentrationslager in Esterwegen hieß nicht ohne Grund die "Hölle am Waldesrand." 20.000 Häftlinge starben in den 15 Emslandlagern. Ein Besuch der Gedenkstätte steht mittlerweile in fast allen Lehrplänen der Schulen im Emsland. Zum Programm gehören Vorträge, Ausstellungen und Workshops.

Auf den Spuren von Thälmann und Ossietzky

Über die barbarische Gewalt in den Konzentrations- und Strafgefangenenlagern und die unmenschliche Behandlung der Gefangenen haben die Schülerinnen und Schüler bereits etwas im Geschichtsunterricht erfahren. Nun begeben sie sich mit einem Fragebogen auf biografische Spurensuche. Sie lernen dabei das Schicksal des kommunistischen Politikers Ernst Thälmann kennen oder des Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky. "Wenn man das sieht, erfährt man erst, wie das alles war hier. Dass sie ausgehungert waren, wenn sie gestorben sind. Krank, teilweise umgebracht wurden - das ist einfach grausam", sagen die Schülerinnen und Schüler erschüttert.

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"Wir wollen die Perspektive der Jugendlichen einbringen"

Jan und Leonie etwa haben auch die Filme mit Zeitzeugenberichten beeindruckt. Viele der ehemaligen "Moorsoldaten" sind inzwischen gestorben. Das sei ein großer Verlust, so Gedenkstätten-Leiterin Andrea Kaltofen, zudem verändere dies auch die Erinnerungsarbeit. Man arbeite nun zum Beispiel auch mit persönlichen Gegenständen, die den Häftlinge gehört haben. "In Zukunft wollen wir versuchen, für die jungen Leute in ihrer eher digitalen Welt Orte der Erinnerung zu erschließen", so die Gedenkstättenleiterin. Die jungen Menschen sollten ermutigt werden, einen Ort und die dazugehörigen Biografien zu erkunden und ihre Perspektive mit digitalen Mitteln in die Gedenkstätten einzubringen.

Immer wieder wird über Pflichtbesuche in Gedenkstätten diskutiert. Geschichtslehrer Jens Gerdelmann setzt, ebenso wie Andrea Kaltofen, lieber auf Freiwilligkeit. Seine Erfahrung: "So ein außerordentlicher Lernort wie diese Gedenkstätte, das bleibt." Das Erlebte komme den Schülern deutlich näher als vermitteltes Wissen im normalen Schulalltag. So nimmt Jan viel mit von seinem Besuch in der Gedenkstätte - vor allem, wie wichtig diese Erinnerungsorte auch heute noch sind.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 23.01.2020 | 16:20 Uhr

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