Stand: 28.10.2019 12:08 Uhr

30 Jahre Mauerfall: Beim Tennis gibt's noch eine Grenze

von Claus Hesseling, Marvin Milatz und Irene Altenmüller, NDR.de
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Mit ihren Erfolgen sorgten Steffi Graf und Boris Becker für einen regelrechten Tennis-Boom im Westen.

West-Deutschland ab Mitte der 1980er-Jahre: Die Bundesrepublik erfasst das Tennisfieber. Boris Becker und Steffi Graf lösen mit ihren Erfolgen in Wimbledon und bei anderen wichtigen Turnieren einen regelrechten Boom aus, Anfang der 90er-Jahre kommt noch Michael Stich hinzu. Tennis, zuvor häufig als elitäres Oberschichten-Vergnügen geschmäht, wird zum Volkssport. Tennisvereine haben regen Zulauf, die Mitgliederzahlen wachsen.

Tennis: Im Osten kein Volkssport

Und im Osten Deutschlands? Dort ist Tennis zu DDR-Zeiten eine Randsportart. Und auch heute, 30 Jahre nach der Wende, gibt es in Ost-Deutschland deutlich weniger Tennisplätze als im Westen. Obwohl Tennis auf ganz Deutschland gesehen zu den mitgliederstärksten Sportarten zählt, ist der "Weiße Sport" im Osten offenbar deutlich weniger beliebt als im Westen.

Ist diese Diskrepanz ein Erbe der DDR? "Mit dem Tennissport waren wir zu DDR-Zeiten in einer Nische", erinnert sich Rolf-Christian Vick, der von 1990 bis 1998 im Vorstand des Tennisverbands Mecklenburg-Vorpommern war und selbst seit 70 Jahren aktiv spielt. Er ist bis heute Mitglied des Schweriner Tennisclubs 1908 e.V.

Leistungssport in der DDR: Nicht alle Sportarten gefördert

Mit dem DDR-Leistungssportbeschluss fällt Tennis 1969 aus der staatlichen Förderung heraus. In der Folge erhielten vor allem die Sportarten Geld, die Erfolg auf internationaler Ebene versprachen. Dazu zählten vor allem Individualsportarten wie Schwimmen, Eiskunstlauf und Leichtathletik, nicht aber Tennis: "Der DTSB (die Dachorganisation des DDR-Sports, Anm. d. Red.) war orientiert auf Olympia-Medaillen und die gab es im Tennis nicht", so Vick. Auch viele Mannschaftssportarten müssen zurückstecken. Sie bedeuten viel Aufwand und große Teams bei maximal nur einer Medaille. Als eine der wenigen Mannschaftssportarten wird Fußball weiter gefördert.

Kaum Möglichkeiten für gute Spieler

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DDR-Tennisspieler wie Thomas Emmrich (l., bei einem Show-Match mit Boris Becker 2002) hatten nur beschränkte Möglichkeiten.

Für Tennis als Breitensport hat der Beschluss weitreichende Konsequenzen: "Wir hatten keine Trainer, nur unbezahlte Übungsleiter. Tennisbälle wurden aus der Tschechoslowakei importiert, weil sie in der DDR nicht produziert wurden. Die Plätze mussten wir selbst pflegen und alte Backsteine in der Ziegelei mahlen, um das Ziegelmehl für die Plätze zu bekommen", so Vick. Besonders bitter: Spitzenspielern wie etwa Thomas Emmrich wird die Teilnahme an internationalen Turnieren verwehrt. "Gute Spieler hatten keine Möglichkeit, sich mit gleich starken Spielern im westeuropäischen Ausland zu messen."

Fußball - eine gesamtdeutsche Leidenschaft

Anders läuft es beim Fußball. Obwohl es in der DDR offiziell keine Profispieler gibt, dürfen Top-Fußballer täglich trainieren und sind dafür häufig von ihrer Arbeit freigestellt - bei großzügigen Bezügen. Die intensive Förderung wirkt nach: Schon kurz nach der Wiedervereinigung setzen sich viele Spitzenspieler aus der ehemaligen DDR auch in der Bundesliga durch, darunter etwa Matthias Sammer oder Thomas Doll. Fußball, eine gesamtdeutsche Sportleidenschaft bis heute - das zeigt auch ein Blick auf die Verteilung von Fußballplätzen in Ost und West. 

Doch warum ist Tennis im Osten auch 30 Jahre nach der Wende noch immer eine Art Nischensport? Warum blieb der sprichwörtliche Becker-Effekt aus, der im Westen noch bis Mitte der 1990er-Jahre die Mitgliederzahlen der Vereine wachsen ließ?

"Sozialisierung spielt eine Rolle"

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Spielen die Eltern Tennis, versuchen sie häufig, auch ihre Kinder für den Sport zu begeistern.

Hier spielten Tradition und Sozialisierung eine Rolle, vermutet Freizeit- und Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt, der an der Fachhochschule Westküste in Heide lehrt. Die Wahl der Freizeitbeschäftigung sei oft von den Eltern abhängig. Diese versuchten häufig, ihre Kinder für die Sportart zu begeistern, die sie selbst ausüben, so Reinhardt. "Spielen die Eltern Tennis, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch ihre Kinder spielen". Und im Osten spielten nun einmal die Eltern seltener Tennis als im Westen. "Außerdem ziehen in diesem Bereich vermutlich Angebot und Nachfrage einander nach", so Reinhardt. Dort, wo Tennisplätze gebaut würden, stiegen also parallel vermutlich auch die Mitgliederzahlen.

Einkommensunterschiede als Ursache?

Vor allem aber seien die Unterschiede wohl durch die niedrigeren Einkommen im Osten zu erklären, so Reinhardt. Und nach wie vor ist das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen im Osten niedriger als im Westen. "Tennis ist aber ein teurer Sport, etwa durch die notwendige Bekleidung, die Ausstattung und die Platzmieten." Aus diesem Grund habe die Sportart auch noch immer ein eher elitäres Image.

Ist Tennis also im Osten weniger verbreitet, weil ihm dort der Dünkel des Elitären anhaftet? Zumindest in der Vergangenheit war das wohl nicht so. "Wir haben Tennis nicht als elitäre Sportart empfunden", so Vick. Die Vereinsbeiträge seien niedrig gewesen. Die Mitgliedschaft im Tennisclub als Mittel zur gesellschaftlichen Reputation hält Vick für ein vorwiegend westdeutsches Phänomen. Erst nach der Wende, als sein Schweriner Verein Mitglieder hinzugewann, die aus dem Westen kamen, seien einige dazu gekommen, denen es beim Tennis eher um Prestige als um Sport gegangen sei. Doch diese Mitglieder seien in Schwerin längst weiter gezogen - zum Golfsport.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Einheitsland - Oder doch nicht? | 30.10.2019 | 21.00 Uhr

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