VIDEO: Hamburg damals: "Euthanasie"-Opfer (5 Min)

Von Langenhorn nach Hadamar: "Euthanasie" an Hamburgs Kranken

Stand: 22.06.2023 05:00 Uhr

Am 22. Juni 1943 verlässt ein Transport mit 49 psychisch kranken Frauen die Heilanstalt Hamburg-Langenhorn. Ziel: die Tötungsanstalt Hadamar in Hessen. Damit beginnt in Hamburg die zweite Phase der "Euthanasie". 6.000 Menschen fallen ihr insgesamt zum Opfer.

von Dirk Hempel

Die 49 Patientinnen, die aus der Heilanstalt Hamburg-Langenhorn abtransportiert werden, leiden überwiegend an Schizophrenie, Epilepsie, manischer Depression und Alterserkrankungen wie Demenz. Die jüngste der Frauen ist 17 Jahre alt, die älteste 86. Manche leben seit Jahrzehnten in der Klinik, andere sind erst wenige Tagen zuvor eingewiesen worden.

Hamburg will Platz für Opfer des Bombenkriegs schaffen

Zerstörte Gebäude in Hamburg-Eilbek nach den alliierten Luftangriffen im Sommer 1943. © picture-alliance / dpa
Nach Bombenangriffen gleicht Hamburg 1943 zusehends einem Trümmerfeld. Für die Verletzten braucht es Krankenbetten.

Jetzt sollen die Frauen nach Hessen verlegt werden, in die Heil- und Pflegeanstalt Hadamar bei Limburg an der Lahn. Ihre Betten werden gebraucht. Langenhorn soll ein allgemeines Hilfskrankenhaus für die zivilen Opfer des immer zerstörerischeren Bombenkriegs werden. So haben es die Verantwortlichen in der Hamburger Gesundheitsverwaltung entschieden. Sie folgen damit den Vorgaben der NS-Behörden aus Berlin.

Rassenideologie sieht psychisch Kranke als "lebensunwert"

Denn psychisch kranke Menschen und solche mit körperlichen Behinderungen gelten in der Rassenideologie des Regimes als minderwertig, als "lebensunwert", wie es in der NS-Sprache heißt. Nach dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das am 1. Januar 1934 in Kraft getreten ist, werden bis 1945 rund 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Seit 1939 werden sie auch ermordet.

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Ärzte selektieren vor allem "störende" und "nutzlose" Frauen

Die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn 1916. © Langenhorn-Archiv
Die Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn 1916: Um Pflege oder gar Gesundung geht es dort zweieinhalb Jahrzehnte später nicht mehr.

Für den Transport am 22. Juni 1943 haben fünf Ärzte in Langenhorn vor allem "unproduktive Arbeiterinnen" ausgewählt - Frauen, deren Prognose, außerhalb der Anstalt jemals wieder ein normales Leben führen zu können, als besonders schlecht gilt. Bei der Selektion der ihnen anvertrauten Patientinnen gehen die Mediziner unbarmherzig vor. In ihren Berichten bezeichnen sie sie als "verwirrt und dement" oder "altersstumpf". Über eine Frau heißt es, sie sei "nur mit Hilfe zu bändigen", eine andere beschreibt der zuständige Arzt als "albern, läppisch".

Heilanstalt Hamburg-Langenhorn war einst ein Reformprojekt

Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn 1922 bei der Feldarbeit. © Langenhorn-Archiv
Anfang des 20. Jahrhunderts gilt das Konzept der Langenhorner Heilanstalt als fortschrittlich: Arbeit an der frischen Luft soll die Patienten stärken.

Dabei wurde die psychiatrische Anstalt am Stadtrand 1893 als "Landwirtschaftliche Colonie für Geisteskranke" gegründet, in der die Patienten auf umliegenden Feldern und Gärten arbeiten sollten, im Grünen, an frischer Luft - ein damals fortschrittlicher Ansatz in der Krankenpflege, ersonnen von reformerischen Medizinern. Ende der 1930er-Jahre ist Langenhorn die einzige Hamburger Klinik für psychische Erkrankungen. 1938 bietet sie 2.748 Plätze.

In Hadamar werden die Patientinnen getötet

Doch um Pflege oder gar Gesundung geht es den Anstaltsärzten im Juni 1943 nicht mehr. Schon seit Jahren folgen sie der menschenverachtenden NS-Ideologie und sind in die Verbrechen des Regimes verstrickt. In Hadamar werden die Hamburger Patientinnen bald ermordet. Innerhalb eines Monats sind 35 von 49 Frauen tot. Die erste stirbt bereits nach vier Tagen. Zuerst trifft es die Pflegebedürftigen, diejenigen, die überhaupt nicht mehr arbeiten können, so haben es die Forscher später ermittelt. Als offizielle Todesursache geben die Anstaltsärzte meist Altersschwäche an, Lungenentzündung oder Grippe. Die Angehörigen sind völlig überrascht, wenn sie die Todesnachricht erhalten. Aber die Wahrheit erfahren sie nicht.

Hadamar wird zu einem Zentrum der "Euthanasie"-Morde

Landesheilanstalt Hadamar: Hauptgebäude und ehemalige Klosterkirche um 1950. © LWV-Archiv Kassel | F 12 Nr. 12
Die Landesheilanstalt Hadamar Anfang der 50er-Jahre: Zehn Jahre zuvor war sie zu einem "Tötungszentrum" umgebaut worden.

Die Heilanstalt Hadamar ist schon 1940 umgebaut worden - mit Gaskammer, Sektionsraum und Verbrennungsöfen. Nun ist sie eine von sechs "Tötungsanstalten" in Deutschland und Teil der vom Regime organisierten sogenannten Euthanasie-Morde. "Unheilbar Kranken", so hat es Hitler im Oktober 1939 verfügt, kann "nach kritischer Beurteilung ihres Gesundheitszustandes" von ausgewählten Ärzten "der Gnadentod gewährt werden".

Mit diesen beschönigenden Worten beginnt die erste Phase der Ermordung psychisch kranker und körperlich behinderter Menschen durch Gas. Eine Zentralstelle in Berlin verschickt Meldebögen an die Anstalten in Deutschland und bestellt Gutachter, die die Opfer auswählen: Wenn sie ein blaues Minuszeichen auf die Akte schreiben, bedeutet das die Rettung, ein rotes Plus den Tod. Dann verschickt die Zentralstelle Listen zur Aussonderung von Patienten an die Anstalten.

Die Bevölkerung protestiert gegen die Morde

Als sich in der Bevölkerung immer mehr Gerüchte über die Tötung kranker Menschen verbreiten und der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen die Morde in einer Predigt öffentlich anprangert, lässt Hitler die Gasmorde an Kranken, denen inzwischen mehr als als 70.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, im August 1941 einstellen. Die beteiligten Funktionäre sind später am Massenmord an den europäischen Juden beteiligt.

Bischof Clemens van Galen (1878-1949)

Die Predigten des Münsteraner Bischofs waren das lang erwartete Signal vieler Geistlicher im Zweiten Weltkrieg. Es war der erste öffentliche Protest eines Kirchenoberen. In drei Predigten prangerte van Galen im Sommer 1941 die Ausrottung des Christentums an. Er kritisierte die Übergriffe auf die Kirche, allen voran die Euthanasie-Aktionen der Nationalsozialisten. Der mächtige Bischof galt als Erzfeind Adolf Hitlers. Wegen seines hohen Ansehens blieb er vor Verfolgung verschont. Im Ausland wurde er wegen seiner Kritik auch als "Löwe von Münster" bekannt.

Die zweite Phase der "wilden Euthanasie"

In den Anstalten beginnt jetzt die Phase der sogenannten wilden Euthanasie. Denn das Töten geht weiter, wenn auch nicht mehr von Berlin aus zentral gesteuert, sondern von den Anstaltsärzten hinter der Fassade eines regulären Pflegebetriebs selbst organisiert. Die Patientinnen und Patienten werden nicht mehr mit Gas getötet, sondern durch Unterernährung, vernachlässigte Hygiene, überdosierte Schlafmittel wie Luminal oder Veronal oder Giftspritzen mit Morphium-Scopolamin, das zu Lungenentzündung und Atemstillstand führt.

Auch traumatisierte Bombenüberlebende werden getötet

Der Sektionsraum im Keller der Gedenkstätte Hadamar, aufgenommen im Jahr 2007. © picture alliance / imageBROKER Foto: Thomas Frey
Im Keller der Gedenkstätte Hadamar, aufgenommen 2007: Rund 15.000 Menschen wurden in der Anstalt mit Gas und Medikamenten getötet.

Aus Hamburg-Langenhorn erreichen 1943 noch fünf weitere Transporte die "Tötungsanstalt" in Hadamar. Auch Alkoholismus, sexuelle Abweichungen, fehlende Angehörigenkontakte und fortgeschrittenes Alter gehören jetzt zu den Selektionskriterien. In Hadamar ermorden der Anstaltsarzt, die Schwestern und Pfleger zwei Drittel der 347 Hamburger Frauen innerhalb eines halben Jahres. Insgesamt sterben 311 der deportierten Frauen.

Unter ihnen sind auch etwa 30 Patientinnen, die nach den schweren Bombenangriffen der "Operation Gomorrha" auf die Hansestadt Ende Juli 1943 eingewiesen wurden. Sie waren in psychischer Verwirrung aus den Bunkern geflohen oder orientierungslos durch die zerstörten Straßen geirrt.

Transporte auch in andere "Tötungsanstalten"

Von Langenhorn gehen 1943 und im folgenden Jahr aber auch Transporte in andere Anstalten, etwa nach Meseritz-Obrawalde im heutigen Polen, nachdem schon in der ersten Phase der "Euthanasie" 1940/41 Menschen aus der Hansestadt nach Bernburg, Brandenburg und Gnesen (heute Polen) geschickt und dort ermordet wurden. Insgesamt lassen die Ärzte bis Kriegsende mehr als 3.600 Menschen aus Langenhorn in Tötungs- und Verwahranstalten deportieren. Darunter sind auch jüdische Patientinnen und Patienten, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie psychisch kranke Wehrmachtsangehörige. Mindestens 2.400 von ihnen werden ermordet. Das Schicksal weiterer Hunderter Patientinnen und Patienten ist bis heute ungeklärt. In Langenhorn selbst töten die Ärzte in den Jahren 1941 bis 1943 mindestens 20 Kinder.

Über 6.000 Menschen aus Hamburger Anstalten deportiert

Auch aus anderen Hamburger Einrichtungen werden im Rahmen der "Euthanasie"-Aktionen Patienten deportiert und ermordet, etwa aus den Alsterdorfer Anstalten und der "Irrenanstalt" in der Altonaer Norderstraße (heute Virchowstraße) - insgesamt mehr als 6.000 Menschen. Alles in allem gehen Historiker heute von mindestens 200.000 Opfern der NS-"Euthanasie" in Europa zwischen 1939 und 1945 aus.

Das öffentliche Gedenken beginnt erst spät

Gedenktafeln und Stolpersteine für die NS-Opfer der Euthanasie vor der Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll in Hamburg. © NDR Foto: Dirk Hempel
Seit 2009 gedenken Stolpersteine und Tafeln vor der Asklepios Klinik in Langenhorn der "Euthanasie"-Opfer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verurteilten die Alliierten einige Täter der NS-"Euthanasie" zu Todesstrafen. In der jungen Bundesrepublik fallen die Urteile zumeist milder aus. In Hamburg wird keiner der Langenhorner "Euthanasie"-Ärzte, kein Funktionär der Gesundheitsverwaltung zur Rechenschaft gezogen. Und die Opfer der Mord-Aktionen bleiben nach dem Krieg lange vergessen. Die Überlebenden müssen kämpfen, ehe ihre Leiden anerkannt werden.

Erst in den 1980er-Jahren beginnt die öffentliche Erinnerung. Inzwischen hat die Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll die Verbrechen aufgearbeitet. In Langenhorn erinnern seit 2009 Stolpersteine und Gedenktafeln an die Opfer.

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Hamburg Journal | 29.05.2010 | 19:30 Uhr

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