Stand: 09.10.2017 12:33 Uhr  | Archiv

Vor 80 Jahren: Kalkberg wird NS-Kultstätte

Reichsminister Dr. Goebbels während seiner Eröffnungsrede des Kalkbergstadions © Kalkberg-Archiv, Bad Segeberg
Nazi-Propagandaminister Goebbels weiht die "Nordmark-Feierstätte" 1937 persönlich ein.

Die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg, wer kennt sie nicht? Zehntausende Besucher pilgern seit 1952 jährlich in das Kalkberg-Stadion, um die Geschichten rund um den Apachen-Häuptling Winnetou und seinen Blutsbruder Old Shatterhand zu sehen. Die NS-Vergangenheit des Stadions ist dagegen vielen Menschen unbekannt.

10. Oktober 1937: Reichspropagandaminister Joseph Goebbels weiht in Segeberg die "Nordmark-Feierstätte" feierlich ein. Die Wochenschau berichtet von 20.000 Zuschauern, von Jubel und "Heil Hitler"-Rufen bei der Eröffnung des neuen Amphitheaters. In ganz Deutschland sollen nach Plänen der Nazis insgesamt 400 solcher Versammlungsplätze entstehen. Am Ende werden nicht einmal zehn gebaut.

Zwei Jahre Bauzeit

Zwischen Bad Segeberg und Haithabu bei Schleswig habe es damals einen regelrechten Standort-Wettbewerb um den Versammlungsplatz gegeben, so der Bad Segeberger Historiker und Buchautor Hans-Peter Sparr: "Der damalige Bürgermeister Jeran schickte den Entwurf sofort nach Berlin, um einer der ersten damit zu sein." Mit der Entscheidung für Bad Segeberg fällt am 27. Mai 1934 der Startschuss für umfangreiche Bauarbeiten am Kalkberg.

Das Kalkbergstadion bei seiner Eröffnung 1937 durch Reichsminister Dr. Goebbels © Hans-Werner Baurycza
Aufmarsch zur Eröffnung: 20.000 Menschen sind bei der Eröffnung dabei.

Innerhalb von zwei Jahren sorgt der Reichsarbeitsdienst dafür, dass aus einer öden Stätte durch viel Muskelkraft die Propaganda-Arena der NSDAP wird. Die Arbeiter kämpfen dabei immer wieder mit Problemen. So sollen die Sitzreihen im Gestein befestigt werden. Das klappt aber nicht, denn eigentlich ist der Kalkberg ein Gipsberg, und weil Gips sich in Wasser auflöst, halten die Sitzflächen nur bis zum nächsten großen Regenschauer. Teurer Granit aus Schlesien wird geordert. Auf den Kosten bleibt die Stadt Bad Segeberg sitzen, die versprochenen Zuschüsse aus Berlin kommen nicht. So zieht sich der Bau in die Länge.

"Nordmark-Feierstätte" wird kaum genutzt

Große Aufführungen gibt es nach Eröffnung der Arena nur wenige. Nach Kriegsbeginn wird das Stadion vereinzelt von der Hitlerjugend für Versammlungen und Fahnenweihen genutzt. Am 8. Mai 1945 ist damit endgültig Schluss, die Briten feiern als Besatzungsmacht dort den Sieg über das Nazi-Regime.

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Doch das Stadion bleibt nicht lange leer. Am 6. Oktober 1945 findet am Kalkberg eine der ersten großen Boxveranstaltungen nach dem Krieg statt. Sportidol Max Schmeling ist als Ringrichter im Einsatz und lockt mehr als 12.000 Zuschauer an. Das Kalkbergstadion erweist sich als hervorragender Veranstaltungsort. Schon bald stellt sich die Frage, wie es sich dauerhaft nutzen lässt, um die Wirtschaft in Bad Segeberg anzukurbeln und Touristen in die Stadt zu holen. Mit den Karl-May-Spielen, die seit 1952 am Kalkberg stattfinden, ist das gelungen. 2017 feierten die Open-Air-Festspiele ihr 65-jähriges Jubiläum.

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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 05.07.2017 | 20:15 Uhr

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