Ein Auto fährt 1938 auf einer Brücke über die Autobahn A 1. © Peter Böhm

Die A1: Einst NS-Prestigeprojekt, heute Staufalle

Stand: 21.03.2024 06:50 Uhr

Am 21. März 1934 beginnen die Bauarbeiten bei Oyten, zwei Jahre später weihen die Nazis die erste Teilstrecke der heutigen A1 ein. Damals ist die Reichsautobahn sogar Ausflugsziel. Inzwischen ist sie vor allem für ihre Staus berüchtigt.

Zehn Kilometer Stau bei Lohne/Dinklage, stockender Verkehr zwischen Bad Oldesloe und Kreuz Lübeck, Behinderungen zwischen Hamburg und Bremen wegen einer Großbaustelle: Solche Meldungen kennen Autofahrer seit Jahren, die meisten haben schon einmal selbst im Stau gestanden auf der A1. Genau 748 Kilometer - von Heiligenhafen an der Ostsee bis nach Saarbrücken führt die Autobahn durch Deutschland. Sie ist eine der ältesten und meistbefahrenen und hat eine teils traurige, teils kuriose Geschichte. Und: Anfangs ist es noch gar nicht die A1, die Nummerierung erfolgt erst zum 1. Januar 1975.

Nazis machen den Bau von Reichsautobahnen zum Großprojekt

Die erste deutsche Autobahn eröffnet Konrad Adenauer, damals Bürgermeister von Köln, 1932 zwischen Köln und Bonn. Pläne für weitere Bauten liegen in der Weimarer Republik bereits vor. So möchte ein Bündnis von Ingenieuren, Beamten und Hamburger und Bremer Kaufleuten eine Autobahn zwischen den Hansestädten bauen.

Die Nazis stehen den Autobahnen zunächst skeptisch gegenüber, betrachten sie als Straßen für Reiche. Doch als sie an die Macht kommen, entdecken sie dieses Feld für ihre Propagandazwecke - neue Straßen für das Volk und Beschäftigung für die Arbeitslosen. Die Pläne sind ehrgeizig: "Das Netz der Reichsautobahnen wurde vorerst mit 7.000 Kilometern festgelegt. Es sieht vor: drei große Nord-Südverbindungen sowie drei Ost-Westverbindungen. Dem Kraftverkehr bringen diese Verbindungen endlich Straßen, die der technischen Entwicklung des Kraftwagens entsprechen", erklärt der oberste Bauherr der Autobahnen, Bauingenieur Fritz Todt, Anfang der 1930er-Jahre. Später wird vermutet, dass Hitler die neuen Straßen nur zum Truppentransport nutzen wollte. In der heutigen Forschung ist das allerdings umstritten.

21. März 1934: Die Bauarbeiten beginnen

Der erste Spatenstich für die heutige A1 erfolgt am 21. März 1934 bei Oyten. Die sogenannte Hansalinie soll zunächst Hamburg und Bremen verbinden und später im Norden weiter nach Lübeck und im Süden bis ins Ruhrgebiet führen. Auch in Wandsbek, das damals noch nicht zu Hamburg gehört, und in Hamberge bei Lübeck beginnen die Bauarbeiten.

Viele Arbeiter bezahlen den Bau mit ihrer Gesundheit

Arbeiter beim Bau der Autobahn A1 in den 30er-Jahren. © Heimatverein Oyten
Die Arbeit an der A1 war körperliche Schwerstarbeit und zugleich schlecht bezahlt.

Bis zu 2.200 Arbeiter schuften an dem Nazi-Prestigeprojekt. Viele von ihnen sind Arbeitslose, die zum Arbeitsdienst zwangsverpflichtet werden. Bewusst verzichtet man auf den Einsatz schweren Geräts wie Bagger: "Nirgends verdrängt die Maschine die menschliche Arbeit", heißt die Parole. Nur mit Hacke und Schaufel ausgestattet bewegen die Männer unzählige Tonnen Erde und Moorboden. Sie sind in eigens eingerichteten Lagern untergebracht, erhalten Stundenlöhne von 50 Pfennig - schon zu damaligen Zeiten ein sehr geringer Satz. Viele ruinieren sich durch die harte körperliche Arbeit die Gesundheit, sie erkranken an der sogenannten Schipperkrankheit, bei der es zu Ermüdungsbrüchen im Hals- und Brustwirbelbereich kommt.

Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen lösen 1934 einen Streik im Lager Gyhum aus. 380 Mann legen die Arbeit nieder. Autobahnbauchef Fritz Todt greift hart durch: Er lässt das Lager räumen und schickt die Arbeiter im Sonderzug zur Gestapo nach Berlin. Neun von ihnen kommen ins Konzentrationslager.

Hakenkreuzfahnen und Girlanden zur Einweihung

Mit Girlanden und Hakenkreuzen geschmückte Fahrzeuge stehen 1936 auf dem gerade fertiggestellten Teilstück der A1 zwischen Oyten und Dibbersen. © Heimatverein Oyten
Bereits gut zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich wurde der erste Abschnitt der A1 eingeweiht.

Trotz der strapaziösen Bedingungen schreiten die Bauarbeiten zügig voran. Das Regime treibt das Propaganda-Projekt unerbittlich an. Nur gut zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich ist der erste, 71 Kilometer lange Teilabschnitt zwischen Oyten und Dibbersen fertig. Am 25. Juli 1936 wird er feierlich eingeweiht und für den Verkehr freigegeben. Die Anwohner werden verpflichtet, die Strecke mit Hakenkreuzfahnen und Girlanden zu schmücken. Wieder ein knappes Jahr später, am 13. Mai 1937, wird der Abschnitt zwischen Hamburg und Lübeck eröffnet. Weitere Teilstrecken folgen bis 1940. 

Freizeitspaß entlang der Autobahn

Ein Auto mit Wohnwagen fährt 1938 über die Autobahn A1 © Peter Böhm
Keine Seltenheit bis in die 50er-Jahre: Camping an der noch wenig befahrenen A1.

Weil damals nur sehr wenige Menschen ein Auto haben, wird die neue Autobahn zunächst meist als Ausflugsziel statt als Schnellstraße genutzt. Gemütlich unternehmen die Leute - teils auch mit Fahrrädern - Vergnügungsfahrten auf der fast leeren Autobahn. Ziel sind oft die sogenannten Autobahnbäder, die extra eingerichtet werden - dort, wo Kies und Sand für die Straße abgebaut wurden. Einer ist der Grundbergsee, den Autofahrer heute nur noch als Raststätte kennen. Auch Campen an der A1 ist bis in die 1950er-Jahre beliebt. "Ich kriegte nach dem Krieg zur Konfirmation ein Fahrrad mit Hilfsmotor und bin dann in Bremen auf die Autobahn. Mein Freund hat sich an meiner Schulter festgehalten und dann waren wir nach einer Stunde schon dort und haben gezeltet", erinnert sich der Bremer Peter Böhm.

Ausbau einstweilen beendet

Die alte Holzbrücke über die Autobahn A1 bei Sittensen in einer Aufnahme aus den 70er-Jahren. © Handwerkermuseum Sittensen
Für Schulkinder wurde bei Sittensen extra eine Brücke über die Autobahn gebaut.

Nach dem Krieg werden die Bauarbeiten an der A1 mit dem beginnenden Wirtschaftswunder in den 50er-Jahren wieder aufgenommen. Kurios: Beim Bau der A1 wird der Ort Sittensen geteilt. Damit die Kinder ihre Schule erreichen können, wird eine Holzbrücke über die Autobahn gebaut, die dort bis in die 70er-Jahre steht. 1970 führt die A1 durchgängig von Lübeck bis Köln. Von dort wird die Autobahn weiter Richtung Süden gebaut. Die Verbindung von der Rheinmetropole bis nach Saarbrücken ist jedoch bis heute unvollständig.

Der Ausbau geht bis ins neue Jahrtausend weiter: Im Oktober 2012 gehen zum Beispiel langjährige Arbeiten mit einer Zeit vieler Staus zu Ende: Die A1 zwischen Bremen und Hamburg verläuft seitdem auf 74 Kilometern Länge sechsspurig. Geplant ist, dass die Autobahn von Lübeck bis Köln durchgehend mindestens sechsspurig befahrbar sein wird.

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Unsere Geschichte | 19.01.2013 | 11:30 Uhr

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