Stand: 09.01.2020 11:15 Uhr  | Archiv

Sturmflut 1962: Die große Rettungsaktion

Am Morgen des 17. Februars, nur wenige Stunden nachdem die Sturmflut über Hamburg hereingebrochen ist, hat noch niemand einen Überblick über die Ausmaße der Katastrophe. Strom und Telefon sind ausgefallen, ganze Stadtteile durch die Wassermassen von der Außenwelt abgeschnitten. Um zwei Uhr nachts hat der Kommandeur der Schutzpolizei damit begonnen, einen provisorischen Katastrophendienststab einzurichten. Rund 1.500 Soldaten und Polizisten sind seit dem frühen Morgen im Einsatz, sie berichten von Ertrunkenen, von Obdachlosen und von Menschen, die auf Dächern oder auf Bäumen auf Hilfe hoffen.

Helmut Schmidt bittet Bundeswehr und NATO um Hilfe

Um 6.40 Uhr trifft der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt im Polizeipräsidium ein. Er reagiert schnell: Schmidt bittet mehrere militärische Oberbefehlshaber aus ganz Europa persönlich um Unterstützung. Dabei helfen ihm die guten Kontakte aus seiner Zeit als SPD-Bundestagsabgeordneter und Verteidigungsexperte.

Helmut Schmidt mit Soldaten kurz nach der Sturmflut 1962 © picture-alliance / dpa
AUDIO: Helmut Schmidt - der "Herr der Flut" (3 Min)

"Ich habe die alle einfach selbst angerufen oder mit Funksprüchen oder Fernschreiben in Bewegung gesetzt. Ich habe gesagt: 'Sie müssen Hubschrauber schicken, Sie müssen Pioniere schicken, die mit Sturmbooten die Menschen von den Dächern runterholen.' Die haben zunächst geglaubt, ich sei verrückt geworden. Weil sie mich aber gut kannten, haben sie auf mein Insistieren hin schließlich sehr schnell funktioniert", erinnert sich Schmidt 1982 in einem Interview des NDR. Der Erste Bürgermeister der Hansestadt, Paul Nevermann, ist zu diesem Zeitpunkt noch in Österreich zu einem Kuraufenthalt, den er sofort abbricht - er trifft einen Tag später in Hamburg ein.

"Es war ein übergesetzlicher Notstand"

Sturmflut 1962 in Hamburg: Retter im Schlauchboot auf dem überfluteten Veddeler Damm. © NDR Foto: Adolf Scharenberg
Polizei und Bundeswehr setzten Schlauchboote ein, um eingeschlossene Menschen zu erreichen.

Die Beteiligung der Bundeswehr an der Hilfsaktion ist nicht nur ein Novum, sondern zum damaligen Zeitpunkt auch verfassungswidrig: Laut Grundgesetz durfte das Militär keine Aufgaben im Inneren übernehmen. Um die Rettungsaktionen voranzutreiben, setzt sich Schmidt bewusst über die Gesetzeslage hinweg - schließlich zählt jede Minute: Zehntausende Menschen schweben in den überfluteten Gebieten in höchster Gefahr. "Wir haben uns nicht an Gesetz und Vorschriften gehalten, wir haben möglicherweise die Hamburger Verfassung verletzt, wir haben sicherlich am Grundgesetz vorbei operiert. Es war ein übergesetzlicher Notstand", begründet Schmidt 1982 sein Vorgehen. Mit seinem energischen und zugleich umsichtigen Handeln macht sich der spätere Bundeskanzler einen Namen als Krisenmanager und erlangt hohes Ansehen über die Landesgrenzen hinaus.

Die Stunde der "rettenden Engel"

Die ersten Hubschrauber, Boote, Pioniere, Wolldecken und Lebensmittel treffen bereits nach wenigen Stunden in Hamburg ein. Sie sind ein wichtiges Instrument für die Einsatzleitung, denn die Telefone sind ausgefallen, alle Verkehrswege in Richtung Süden überflutet. "Die Hubschrauber gaben uns die Möglichkeit, erst einmal einen Lageüberblick zu kriegen", erinnert sich Schmidt.

VIDEO: Sturmflut 1962: Riskante Rettung vom Dach (3 Min)

Die Besatzungen der Hubschrauber retten am Tag nach der Flutkatastrophe rund 400 Hilfesuchende. Dabei riskieren sie mit gewagten Flugmanövern ihr eigenes Leben: Per Hand ziehen sie die Menschen von den Dächern in die Hubschrauber und wagen sich dabei gefährlich dicht an Hochspannungsleitungen und Hauswände heran - trotz des Sturms und immer unter der Gefahr, dass eine Windböe den Hubschrauber gegen ein Hindernis drückt.

Später versorgen sie die eingeschlossenen Menschen mit Wolldecken und Lebensmitteln. Allein vom Jenischpark aus, in dem ein provisorischer Landesplatz eingerichtet wird, bringen die Hubschrauberstaffeln über 20.000 Liter Trinkwasser, 5.000 Brote und 80 Zentner Kartoffeln ins Überflutungsgebiet, außerdem Gaskocher, Kleidung und Säuglingsnahrung. Bei den Hamburgern heißen sie bald nur noch die "rettenden Engel".

Auf die Flut folgt eine Welle der Hilfsbereitschaft

Bundeswehrsoldaten arbeiten an einem Deich © NDR Foto: unbekannt
Nachdem das Wasser abgeflossen war, mussten Deiche auf vielen Kilometern ausgebessert werden.

Fast stündlich treffen weitere Hilfstruppen aus ganz Europa ein. Bis zu 25.000 Helfer gleichzeitig sind im Einsatz, darunter Rettungsmannschaften aus Belgien, Großbritannien, USA, Niederlanden und Dänemark - die Katastrophe hat eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst.

Neben Soldaten, Polizei und Feuerwehr arbeiten etliche zivile Helfer mit: Rettungsschwimmer des DLRG bringen Menschen in Sicherheit, das Rote Kreuz richtet Notunterkünfte für die etwa 20.000 Obdachlosen ein, Arbeitgeber stellen ihre Auszubildenden für Rettungs- und Aufräumarbeiten frei, Krankenschwestern fahren per Boot zu den Eingeschlossenen, um sie wegen der drohenden Seuchengefahr gegen Typhus zu impfen. Viele Hamburger spenden Kleidung und Geld, nehmen Obdachlose bei sich auf oder schleppen Sandsäcke, um die Deiche notdürftig wiederherzustellen. Überall packen sie spontan mit an.

Helfer und Gerettete erinnern sich

Heinz Wietting, Jahrgang 1938, damals als Auszubildender an der Schiffsjungenschule in Finkenwerder, rettete Flutopfer:
"Weil sich die Schlauchboote der Bundeswehr an den Stacheldrahtzäunen zerrissen hatten, kamen wir von der Schiffsjungenschule mit unseren Holzdinghis zum Einsatz. Wir konnten rudern und wriggen (besondere Form des Paddelns, Anm. der Redaktion) und wurden zu den Deichbrüchen geschickt. Besatzung je Boot: drei Schiffsjungen, ein bis zwei Erwachsene, davon ein Polizist. Wir haben in Not geratene Menschen mit Decken versorgt, sie von den Dächern geholt und waren auch beim Bergen der Leichen dabei. Kapitän Mundt von der Schiffsjungenschule fuhr uns mit seinem Pkw von der Schule zum Einsatzort und zurück."

Hamburg dankt den Helfern

Innensenator Helmut Schmidt bei der Verleihung der Dankmedaille der Freien und Hansestadt Hamburg an 400 Soldaten für deren Einsatz während der Flutkatastrophe im Februar 1962 © picture-alliance/dpa Foto: Blumenberg
Nach ihrem Einsatz dankte Helmut Schmidt den Soldaten für ihre Hilfe.

An die auswärtigen Helfer verleiht die Stadt Hamburg später eine vom Senat gestiftete Dankmedaille. Mit Rücksicht auf die hanseatische Tradition, keine Medaillen oder Orden anzunehmen, bekommen die Hamburger Bürger und Angehörige der Hamburger Feuerwehren stattdessen ein Gedenkbuch.

Weitere Informationen
Trauerfeier für die Opfer der Sturmflut 1962 auf dem Hamburger Rathausmarkt. © picture alliance Foto: Lothar Heidtmann

Trauerfeier: Eine Stadt weint um ihre Toten

150.000 Menschen versammeln sich am 26. Februar 1962 auf dem Rathausmarkt in Hamburg, um der Sturmflutopfer zu gedenken. Im Norden steht das Leben einen Tag lang still. mehr

Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 08.02.2020 | 12:00 Uhr

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