Stand: 13.04.2012 10:36 Uhr  | Archiv

Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei

von Susanne Abolins-Aufderheide, NDR.de
Star-Club in der Großen Freiheit 39 auf Hamburg-St.Pauli. © dpa Foto: Lothar Heidtmann
Mekka der Fans heißer Beats: der Star-Club in der Großen Freiheit 39 im Juni 1964.

"One, two, three, four..." Am Freitag, den 13. April 1962 um 20 Uhr, eröffnet der Star-Club im Rotlichtquartier auf St. Pauli. Endlich gibt es in Hamburg einen Musik-Club für Rock 'n' Roll, einer Musik, die das Lebensgefühl der damaligen Jugend widerspiegelt, die das Aufbegehren gegen die gesellschaftlichen Zwänge ausdrückt. Das provokante Plakat zur Eröffnung des Clubs in der Großen Freiheit 39 ist schon bald in aller Munde: "Die Not hat ein Ende! Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei." Mit Dorfmusik ist Schlagermusik gemeint, die in Radio und Fernsehen den Ton angibt.  

Am ersten Abend spielen die Beatles

Das Konzept: Jede Nacht Live-Musik von nicht nur einer, sondern vier Bands, bis morgens um 6 Uhr. Am ersten Abend gehören die Beatles - damals noch weitgehend unbekannt - zu den Musikern. Ihre Gage liegt bei 500 Mark pro Mann und Woche, soviel Geld haben sie bis dahin noch nie bekommen. Insgesamt 79 Mal stehen die "Fab four" aus Liverpool bis Ende 1962 auf der Bühne und begründen damit ihre Weltkarriere.

Die Idee zum Star-Club hat Horst Fascher, ehemaliges Hafenkind und gelernter Schiffszimmermann mit einer angefangenen Karriere als Profi-Boxer und verurteilt wegen Totschlags. "Im Sommer 1949 schlich ich heimlich auf die Reeperbahn. ... aus den offenen Türen des Trichters klang etwas, das mich magisch anzog. Dort saß ein dicker schwarzer Mann am Piano, George Maycock. Ein phantastischer Musiker, mit einem für mich vollkommen neuen Sound - Rhythym & Blues. Diese Musik - ein Vorläufer des Rock 'n' Roll - war eine Erweckung für mich. Von nun an wurde Musik ein ganz wichtiger Teil meines Lebens", schreibt Fascher in seiner Biografie.



Deshalb zögert er auch nicht, als er die Möglichkeit hat, Ende der 1950er-Jahre als Aufpasser und Tresenmann im Kaiserkeller anzufangen. Dort wird Rock 'n' Roll gespielt - live. "Dort spielte die Musik, ein irischer Sänger namens Tony Sheridan rockte das Haus und uns junge Leute um den Verstand. Das war es, was ich wollte."   

Ein Traum wird Wirklichkeit

Der amerikanische Musiker Chubby Checker 1964 auf der Bühne des Star-Clubs. © dpa Foto: Fritz G. Blumenberg
Begeistert feiern 1964 die Gäste des Star-Clubs auf St. Pauli den amerikanischen Musiker Chubby Checker.

Als Fascher Anfang der 1960er-Jahre Manfred Weißleder kennenlernt, Porno-Produzent und Besitzer einiger Kneipen und Stripteaseläden, wird sein Traum von einem Rock 'n' Roll-Laden Wirklichkeit - Weißleder gibt das Geld. Little Richard, Bill Haley, Gene Vincent treten im Star-Club auf, Fats Domino, Lee Curtis, Chubby Checker und Ray Charles. Zu den Sensationen gehören auch die Everly Brothers und Jerry Lee Lewis. Deutsche Musiker bekommen ebenso ihre Chance, zum Beispiel Achim Reichels Band The Rattles.

Fast eine Million Besucher hat der Star-Club fortan jährlich. Zum Markenzeichen wird seine Atmosphäre: dunkel, rappelvoll und das Publikum hautnah an den Musikern dran. Viele Hamburger, auch die sogenannten feinen Söhne und höheren Töchter, verbringen hier ihre Jugend. Der dämmrige Club ist für sie ein Stück Freiheit in der von Autoritäten und Zwängen geprägten Adenauer-Ära. Ihren Eltern, die Peter Alexander, Freddy Quinn, Fred Bertelmann, Udo Jürgens und Mireille Matthieu hören, passt das nicht. Für sie ist die Musik ihrer Kinder Lärm. Und ihnen passt es nicht, dass sich ihre Kinder auf der Vergnügungsmeile herumtreiben.

Ärger mit den Ordnungshütern

Schon ab 1963 gibt es immer wieder Ärger mit dem Ordnungsamt. Manfred Weißleder ist den Ordnungshütern ein Dorn im Auge und sie versuchen ihm das Leben mit immer neuen Auflagen und Ausweiskontrollen der Gäste schwer zu machen - ein Grund, weshalb die Rolling Stones nie gebucht werden: "In der Öffentlichkeit galten sie als das komplette Gegenteil der Beatles. Die Pilzköpfe waren trotz ihrer für die damalige Zeit langen Haare sauber und ordentlich, geradezu bildhafte Schwiegersöhne, die Stones dagegen wirkten schmuddelig und waren als wildgewordene Rowdies verschrien. Ständig besoffen und auf Drogen", erinnert sich Horst Fascher. Die Hippiezeit ist noch nicht angebrochen und Betäubungsmittel sind alles andere als salonfähig. "So etwas konnten wir uns im Star-Club - zumindest offiziell - gar nicht leisten."

Gedenkstein für den Star-Club in der Großen Freiheit, Hamburg © NDR Online Foto: Beatrix Hasse
Heute erinnert nur noch ein Gedenkstein an den legendären Club.

Im September 1967 - Horst Fascher verbüßt eine dreijährige Gefängnisstrafe wegen schwerer Körperverletzung und hat im Anschluss St. Pauli-Verbot - gibt Weißleder auf und verpachtet den Star-Club. Aber der Niedergang des Clubs ist nicht mehr aufzuhalten, denn auch die Zeiten und ihr Musikgeschmack haben sich geändert. Rockgruppen spielen in großen Hallen und sind zu teuer für kleine Clubs. Discos sind der neue Renner. Silvester 1969 ist Schluss. Nachmieter wird René Durand mit einem Erotik-Theater Salambo. Am 18. Februar 1983 wird das Haus durch ein Großfeuer vernichtet. 1978 versucht Horst Fascher am Großneumarkt mit einer Star-Club-Neueröffnung sein Glück - und scheitert. Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an das einstige Mekka der Rock-Musik.

Karte: Hier war der legendäre Star-Club

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 13.04.2012 | 15:00 Uhr

Mehr Geschichte

Ein sowjetischer Militärarzt untersucht kurz nach der Auschwitz-Befreiung einen bis auf die Knochen abgemagerten Häftling aus Wien. © dpa - Bildarchiv

Auschwitz: "Das Schrecklichste, was ich je sah"

Heute vor 76 Jahren befreiten russische Soldaten Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen hatten die Nazis dort ermordet. mehr

Gedenkstein an die Opfer des Holocaust auf dem Jüdischen Friedhof in Rostock. © picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Bernd Wüstneck

Holocaust - Das beispiellose Verbrechen

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit ermordet. Daran erinnert jedes Jahr am 27. Januar ein Gedenktag. Ein Dossier. mehr

Auf zur Ehrenrunde. Shaul Ladany an der Startlinie im Münchner Olympiastadion. © NDR/Martin Horning
45 Min

Der Weltrekordhalter und Holocaust-Überlebende Shaul Ladany

Zweimal entging er in Deutschland dem Tod: als Kind im KZ Bergen-Belsen und als Athlet beim Attentat bei den Olympischen Spielen 1972. 45 Min

Claude Lanzmann © picture alliance/dpa | Mark Terrill Foto: Mark Terrill

Lanzmanns Holocaust-Doku: Welche Bedeutung hat "Shoah" heute?

Filmkritikerin Katja Nicodemus spricht über Claude Lanzmanns Dokumentarfilm von 1985, der erstmals online zugänglich ist. mehr

Norddeutsche Geschichte