Stand: 13.04.2017 12:22 Uhr  | Archiv

Raketen über dem Wattenmeer

Die HANSEATIC passiert die Kugelbake im Juli 1961.  Foto: H.Borrmann
Die Kugelbake von Cuxhaven im Jahr 1961. Ganz in der Nähe starteten bis 1964 zahlreiche Raketen.

Cuxhaven ist vor allem als Nordseebad an der Elbmündung bekannt. Zwischen 1957 und 1964 zog es nicht nur Urlauber, sondern auch Wissenschaftler dorthin. Sie schickten zahlreiche Raketen zu Forschungszwecken in den Himmel.

Ab 1952 bemüht sich ein kleiner Verein um die Erlaubnis, im Wattenmeer bei Cuxhaven Raketen starten zu dürfen. Treibende Kraft der "Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten", kurz DAFRA, ist der Raketentechniker Karl Poggensee. Er tüftelt bereits seit 1952 in dem kleinen Ort Hespenbusch nahe Oldenburg an Raketen. Finanzielle Mittel hat er nicht, dafür aber viel Know-how: Vor 1945 hat er in Peenemünde auf dem damals wichtigsten Raketenversuchsgelände gearbeitet.

Raketen aus Milchkannen und Papprollen

In Hespenbusch macht er nach dem Krieg mit seinen Versuchen weiter, diesmal sollen die Raketen allerdings allein zivilen Zwecken dienen. Mit einfachsten Materialien, aus Milchkannen, Papprollen und anderen Alltagsgegenständen, baut Poggensee in seiner Freizeit gemeinsam mit weiteren Experten die ersten Raketen zusammen. Als es ihnen gelingt, Flugkörper zu bauen, die bis zu sechs Kilometer hoch fliegen können, wird das Testgelände in Hespenbusch zu klein. Ein neues Areal muss her.

Die Wahl des Vereins fällt auf Cuxhaven. Der Schiffbauingenieur Hermann Geveke, selber Vereinsmitglied, hatte die Stadt an der Nordsee als neuen Standort vorgeschlagen. Sein Argument: In nördlicher und westlicher Richtung habe man hier freies Schussfeld. Außerdem glaubt Geveke, dass die Raketenexperimente Touristen anlocken könnten.

"Operation Backfire": Alliierte testen deutsche Raketen

Nachbau einer V2-Rakete auf dem Gelände des Historisch-Technischen Museums Peenemünde © picture alliance/dpa Foto: Eventpress Hoensch
Während des Krieges arbeiteten die Nazis in Peenemünde intensiv an der Entwicklung von Raketen. Heute ist das Gelände ein Museum.

In Sachen Raketenstarts ist Cuxhaven kein unbeschriebenes Blatt: Bereits zur Zeit der NS-Diktatur zwischen 1933 und 1945 werden dort Experimente durchgeführt. So startet etwa im April 1933 eine Postrakete, die allerdings bereits nach wenigen Metern abstürzt. Ebenso erfolglos verläuft später der Test eines Marschflugkörpers. Im Oktober 1945, wenige Monate nach Kriegsende, nutzen die Alliierten den Standort bei Arensch südwestlich von Cuxhaven für Raketentests. Im Rahmen der "Operation Backfire" starten sie mehrere erbeutete deutschen Raketen und führen mit ihnen Demonstrationsflüge durch.

Ein alter Kriegsbunker als Vereinsheim

1957 erhält die DAFRA, die sich inzwischen in "Deutsche Raketengesellschaft e.V." umbenannt hat, die Erlaubnis, im Wattenmeer zwischen Berensch und Sahlenburg Raketen starten zu dürfen. Ein alter Kriegsbunker dient als Vereinsheim. Die Cuxhavener Bürger verfolgen die Entwicklungen mit großem Interesse. Proteste, wie man heute vermuten könnte, gibt es kaum. Am 23. August 1957 wird die erste Rakete gezündet: eine Ölsprührakete, die im Seenotfall durch das Versprühen eines Ölfilms die Wellen beruhigen und so zur besseren Bergung Schiffbrüchiger beitragen soll - eine Technik, die sich nicht durchsetzt.

Start der ersten "Mohr Rocket" 1958

Wenig später entwickelt Ernst Mohr, Professor für Maschinenbau an der Universität Wuppertal, im Auftrag der "Deutschen Raketengesellschaft" eine Höhenforschungsrakete. Mit ihr sollen sich physikalische Messungen in den obersten Atmosphärenschichten durchführen lassen. Am 8. Juni 1958 starten die ersten drei Raketen. Doch die Versuche misslingen, die Raketen explodieren gleich nach dem Start oder stürzen ab. Am 14. September 1958 erfolgt ein zweiter Anlauf. Und diesmal gelingt es. Die "Mohr Rockets", wie sie im englischen Sprachraum von Raketen-Fans auch genannt werden, erreichen eine Höhe von 50 Kilometern. Sie haben eine enorme Beschleunigung: von 0 auf 4.320 Kilometer pro Stunde in nur zwei Sekunden. Ein Mensch an Bord hätte nicht überlebt.

Postraketen ziehen Touristen an

Ein Postmitarbeiter befüllt im Jahr 1959 eine Rakete mit Briefsendungen. © DB dpa
Im Jahr 1959 wird ein eigenes Postamt für Karten eingerichtet, die per Rakete befördert werden.

Nach dem erfolgreichen Start folgen viele weitere Experimente, insbesondere mit Post- und Versorgungsraketen. Sie sollen Post und kleine Güter auf schnelle und einfache Weise in entlegene Gebiete transportieren. Am 16. Mai 1959 startet die erste Postrakete. Sie befördert 5.000 Postkarten über eine Entfernung von drei Kilometern.

Die Postraketen werden zu Touristenmagneten: Die Menschen können in einem extra eingerichteten mobilen Postamt Briefe für den Raketentransport aufgeben. Nach dem Raketenflug werden die Briefe wieder zum Postamt zurückgebracht, wo sie einen besonderen Stempel erhalten. Heute sind diese Briefe Sammlerobjekte.

Salamander startet in Richtung All

Im Dezember 1960 startet in Cuxhaven eine weitere neuartige Rakete. Die sogenannte Kumulus-Rakete erreicht zwar im Vergleich zur Mohrschen Rakete nur eine Höhe von 20 Kilometern, ist dafür aber wiederverwertbar. Per Fallschirm segelt die etwa drei Meter lange Rakete unversehrt zurück zum Boden. Am 16. September 1961 werden mit einer solchen Rakete erstmals auch Tiere transportiert: Ein Salamander und ein Fisch überleben den Flug. Am selben Tag startet die erste Rakete des Modells "Cirrus", eine 4,15 Meter lange Zweistufenrakete. Sie erreicht eine Höhe von 50 Kilometern.

Das erste militärische Experiment

1960 tritt Berthold Seliger der Deutschen Raketengesellschaft bei, die zu dieser Zeit in nach dem Raketen- und Raumfahrtpionier in "Hermann-Oberth-Gesellschaft" umbenannt wird. Gleichzeitig gründet Seliger eine eigene Firma, die Prototypen von Höhenforschungsraketen baut. Mit ihr beginnt er, erstmals auch militärisch verwertbare Raketen zu entwickeln. Auftraggeber ist unter anderem die "Waffen- und Luftrüstungs AG", ein Zusammenschluss von Konzernen der deutschen Rüstungsindustrie. Am 5. Dezember 1963 präsentiert die AG in Cuxhaven Raketen vor ausländischen Militärvertretern aus Nicht-NATO-Staaten. Die Aktion stößt international auf Kritik, die Bundesregierung geht auf Distanz. Die Befürchtungen, dass die Raketen in unberechenbare Staaten exportiert werden könnten, ist groß.

Das Ende der Raketenstarts

Strand in Cuxhaven - Sahlenburg  Foto: Ralf Meinders, Westoverledingen
1964 werden die Raketenversuche bei Cuxhaven verboten. Heute steht das Areal als Nationalpark unter speziellem Schutz.

Fortan werden die Raketenexperimente in Cuxhaven von offizieller Seite mit Skepsis betrachtet. Trotzdem darf die Hermann-Oberth-Gesellschaft die Versuche zunächst fortführen. Doch ab Juni 1964 erhält sie keine Flug-Genehmigung mehr. Grund ist auch ein Raketenunfall, der sich am 7. Mai 1964 in Braunlage im Harz ereignet: Dort wird ein Junge bei einem Raketenversuch getötet. Versuche mit einer Flughöhe von mehr als 100 Metern werden von nun an verboten - und die Raketenexperimente in Cuxhaven komplett eingestellt.

Heute ist das ehemalige Test-Areal Teil des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer. An Raketen wie "Kumulus" und "Cirrus" erinnert das Hermann-Oberth-Raumfahrt-Museum in Feucht bei Nürnberg.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Tagesschau | 12.12.1960 | 20:00

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